Der Tod als Propagandamittel der Nazis

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Stadtarchivar Dr. David Schnur sichtet die mehr als hundert Gedenkblätter aus den Jahren 1940 bis 1942, die im Gmünder Stadtarchiv erst 2019 wieder entdeckt worden waren.

Verborgene Schätze aus dem Stadtarchiv (5) – Wie die Nationalsozialisten mit aufwendig gestalteten Gedenkblättern für gefallene Gmünder Soldaten einen Opferkult betrieben.

Schwäbisch Gmünd

Drei Ehrentruhen für Gefallene des Zweiten Weltkrieges schlummerten rund 70 Jahre im Stadtarchiv, bis sie 2019 zwischen Fotobeständen entdeckt werden. Der Inhalt: rund 100 grafisch aufwendig gestaltete Gedenkblätter für Gmünder Soldaten, die an der Front ihr Leben ließen. Sie werfen Fragen auf, erzählen aber auch von dem Opferkult, den die Nationalsozialisten so perfekt wie ihre Propaganda betrieben: Von dem einzelnen wurde gefordert, sich für sein Volk zu opfern. "Er starb den Heldentod" oder "Er war getreu bis in den Tod" ist auf vielen Blättern zu lesen.

Stadtarchivar Dr. David Schnur vermutet, dass ein öffentlicher Auftraggeber die Totenblätter anregte; die Fäden liefen im Stadtarchiv zusammen, dessen Gründer und Leiter in diesen Jahren Albert Deibele war. Das Archiv habe um ein Foto gebeten, ist einem beiliegenden Brief zu entnehmen – offensichtlich wurde bei der hinterbliebenen Familie angefragt, um die Gedenkblätter zu vervollständigen. Ihr Sinn und Zweck? Sie sollten der Erinnerung an die Soldaten dienen, für die in den meisten Fällen eine Grabstätte als Ort der Trauer und des Gedenkens fehlte.

In manchem Doppelbogen befinden sich Auszüge aus der letzten Feldpost des Gefallenen; auch sie sind durchdrungen von nationalsozialistischem Pathos und Gedankengut: "Und sollte es auch einmal zum letzten grossen Opfer kommen, dann wird auch das gut sein, weil es Gott so gewollt hat und weil ich begreifen gelernt, dass das, was er und wie er's macht, das Beste und Richtigste ist." Die Weltanschauung der Nazis war zwar kirchenfeindlich, doch religiöse Floskeln tauchen durchaus auf.

Wer die Bögen gestaltet hat, geht aus den Fundstücken nicht hervor. Weil die Gedenkzeilen kunstvoll in Fraktur mit Schattenwurf geschrieben sind, nimmt David Schnur an, dass Schüler der Staatlichen Höheren Fachschule für Edelmetallindustrie am Werk waren, heute Hochschule für Gestaltung. Auffallend sind die aufwendig gezeichneten Initialen – zum Teil blattvergoldet – und die Zeichnungen am Rand oder unten auf der Seite: Zu sehen sind mittelalterliche Ritter, Wikingerschiffe, der Drachentöter Georg, ein schiffsverschlingendes Ungeheuer oder auch profanere Motive wie Rosenranken. Bei gefallenen Geistlichen wird die Seite hin und wieder auch mit christlichen Motiven illustriert.

Für das Dritte Reich programmatisch sind die Inschriften, die auf der Oberseite der drei Boxen in Messing eingraviert sind: "Deutschland ist, wo tapfere Herzen sind", "Und ihr habt doch gesiegt" sowie "Alles Große in der Welt ist durch Treue geworden". Zweifel am Sieg durfte nicht aufkommen, dies galt als Wehrkraftzersetzung und Defaitismus – der Heldentod wurde über alles glorifiziert. "Der Tod des Soldaten wurde als notwendiges und sinnvolles Opfer für Deutschland gedeutet", schreibt der Gmünder Historiker Dr. Ulrich Müller in seinem Buch "Gmünd unterm Hakenkreuz".

Der Tod des Soldaten wurde als notwendiges und sinnvolles Opfer für Deutschland gedeutet.

Dr. Ulrich Müller Historiker

Mehr als 100 Gedenkblätter

Die Gedenkblätter umfassen kurze biografische Notizen mit Geburtsjahr, Beruf und kurzem militärischem Lebenslauf. Bei manchen Gefallenen werden, etwa bei Alois Binder, die Angehörigen erwähnt: "Am 26.8.39 rief ihn der Krieg zur Fahne. Mit II/119 (das II. Bataillons Infanterie-Regiment Nr. 119) marschierte er als Leutnant aus. Bei Blesmes-Marne fand er den Heldentod … Um ihn trauert seine Frau Maria Helene, geborene Vogt und sein Töchterchen Jutta Anna Maria."

Die mehr als hundert Gedenkblätter stammen aus den Jahren 1940 bis 1942; rund zehn Mal mehr Gmünder Soldaten fielen im Verlauf des Zweiten Weltkrieges. Warum das Gedenken in dieser Form nicht fortgeführt wurde, darauf geben die Fundstücke keine Antwort. Wurden die Schüler der Hochschule eingezogen? Kamen die typografisch versierten Schreiberlinge angesichts der vielen Toten an der Ostfront nicht mehr hinterher und kapitulierten – drei Jahre vor der finalen Kapitulation Nazi-Deutschlands? Vielleicht liegt die Antwort noch verborgen im Stadtarchiv, das ob seines großen Bestandes noch längst nicht vollständig ausgewertet ist.

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