„Die deutsche Frau ist vogelfrei“

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Die „unzüchtigen Gebräuche“ der „öffentlichen Dirnen“ hält die Sittenpolizei von 1879 bis 1894 in einem Aktenbüschel fest, den Stadtarchivar Dr. Niklas Konzen in bislang noch nicht ausgewertetem Archivmaterial sichtete. „Seit längerer Zeit wird von Bediensteten der Anstalt die Wahrnehmung gemacht, daß im Wirthshaus zum Pfauen Keller, unmittelbar hinter der äusseren Umfassungsmauer der Strafanstalt sehr häufig eine Bande von Dirnen mit ihren Zutreibern verkehrt, welche durch Lärmen und Krakehlen nicht blos die öffentliche Ruhe und Ordnung, sondern insbesondere auch durch zotenhafte Zurufe und Geberden gegen die in den Garten und Höfen der Anstalt oder in den, nach seiner Seite hinaus gelegenen Arbeits- und Spitalzimmern groben Unfug verüben und die Ruhe und Ordnung der Anstalt stören, was insbesondere auch gestern Nachmittag in der Zeit von ½3–5 Uhr statt gefunden hat.“
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Wie die Sittenpolizei Ende des 19. Jahrhunderts mit Prostituierten umging und warum Stimmen laut wurden, auch die Freier zu bestrafen.

Schwäbisch Gmünd

Ende des 19. Jahrhunderts: Die Stadt bekommt eine moderne Wasserversorgung, wirtschaftliche Neugründungen wie die Brillenfabrik Menrad oder die Schuhfabrik Mayer sorgen für neue Arbeitsplätze und der Handels- und Gewerbeverein erblickt 1885 das Licht der Welt. Doch Arbeit und Wirtschaft sind nicht alles – die Freizeit wird immer wichtiger für die Menschen im Kaiserreich. Bauliche Zeichen hierfür sind die Turn- und Festhalle, der Vorläufer des heutigen Stadtgartens, der 1899 in Betrieb genommen wird, und die Katholiken weiten 1893 den Neubau der Katholischen Vereinshauses, „Vatikan“ genannt, ein. Nachzulesen ist all dies in dem Buch „Geschichte der Stadt Schwäbisch Gmünd“. In die Niederungen der Stadtgeschichte lässt sich das Standardwerk allerdings nicht herab.

Die Gmünder Sittenpolizei

Dieses Kapitel könnte nun hinzugefügt werden, nachdem Stadtarchivar Dr. Niklas Konzen Akten gesichtet hat, die von der Sittenpolizei 1879 bis 1894 verfasst wurden. „Akten der Stadtregistratur betreffend Sittenpolizei: Unzüchtige Gebräuche, öffentliche Dirnen“ ist der Aktenbund überschrieben. Rund 50 Blätter umfasst die Quelle, zwölf der Prostitution verdächtige Frauen werden darin aufgeführt.

Da ist von einer „Bande von Dirnen mit ihren Zutreibern“ die Rede, die „groben Unfug verüben und die Ruhe und Ordnung“ stören. In einem weiteren Bericht wird das „freche und zudringliche Treiben der öffentlichen Dirnen“ festgehalten, die sich „in auffallender Weise“ auf dem Marktplatz herumtreiben. Konkreter werden die Akten nicht. Entweder sind die Dirnen und ihre Louis’ – so werden die Zuhälter an vielen Stellen genannt – schwer In flagranti zu ertappen, oder der damalige Anstand gebietet der Sittenpolizei, nicht ins Detail zu gehen.

Stadtbekannte Lustdirnen

Auch Beschwerden wurden festgehalten, etwa die des Uhrmachers Speidel, der mit seiner Frau die Bocksgasse passierte und sich durch das Benehmen der beiden stadtbekannten Lustdirnen Elisabeth Kottmann und Karoline Schlenker gestört fühlte. Die Beschwerde landete auf dem Tisch des Stadtschultheißen, der wiederum die Polizeiinspektoren anhielt, die Weisungen strenger zu befolgen. Eine solche Anzeige konnte für die betroffenen Frauen mehrere Tage Haftstrafe bedeuten.

An anderer Stelle blitzt die wirtschaftliche Not auf, in der sich die Frauen befanden. Amalie Arnold etwa, die bereits wegen schweren Diebstahls aktenkundig geworden war, gibt zu Protokoll, sie würde lieber als Polisseuse arbeiten. „Prekäre Existenzen wie Amalie Arnold sind repräsentativ für die Verschlechterung der Arbeits- und Lebensbedingungen weiter Bevölkerungskreise in der Zeit der Industrialisierung“, erläutert Konzen; die Gründerkrise in den 1880er-Jahren habe die Entwicklung noch verschärft.

Die Sittenpolizei berief sich auf den 1876 neu gefassten Paragraphen 361: „Mit Haft wird bestraft eine Weibsperson, welche wegen gewerbsmäßiger Unzucht einer polizeilichen Aufsicht unterstellt ist, wenn sie den in dieser Hinsicht zur Sicherung der Gesundheit, der öffentlichen Ordnung und des öffentlichen Anstandes erlassenen polizeilichen Vorschriften zuwiderhandelt, oder welche, ohne einer solchen Aufsicht unterstellt zu sein, gewerbsmäßig Unzucht treibt.“

Gesellschaftliche Ächtung

Ob in Schwäbisch Gmünd Frauen als Prostituierte registriert waren, dafür gebe es keine Belege, erklärt Konzen. Er vermutet, dass die Frauen bestrebt waren, eine solche Eintragung zu vermeiden wurde, da sie eine gesellschaftliche Ächtung nach sich zog, zumal der Weg zurück in das „normale“ Leben schwierig war.

Stadtarchivar Konzen nennt den Paragraphen 361 einen Gummiparagraphen, weil die erwähnten „polizeilichen Vorschriften“ im Gesetz nicht näher definiert und daher sehr unterschiedlich ausgelegt wurden. Nachts als Frau unterwegs zu sein, konnte genügen, um Prostitution zu unterstellen. Der Verleumdung und polizeilicher Willkür waren Tür und Tor geöffnet.

Strafen für Freier gefordert

Prostitution war deshalb ein Thema für die frühe Frauenbewegung. Der Stadtarchivar weist auf die Frauenrechtlerin Minna Cauer hin, die 1902 monierte: „Die deutsche Frau ist vogelfrei“, weil der Paragraph 361 den Schutzmännern das Recht gebe, „jede Frau auf den Verdacht hin zu arretieren, daß er sie für eine Dirne hält“. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kamen weitere Stimmen wie die des Reichstagsabgeordneten Julius Lenzmann hinzu, die kritisierten, dass Freier straffrei blieben – sie sollten ebenso hart wie die Prostituierte selber bestraft werden, lautete seine Forderung. Eine Diskussion, die heute, in Zeiten von schlimmster Zwangsprostitution, wieder mit großer Dringlichkeit aufflammt.

Akten

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