Die Geschichten der Strümpfe

  • Weitere
    schließen
+
Im Schulmuseum von Gerda Fetzer erzählen viele Strümpfe Geschichten von einst.

Löchrige Socken einfach wegwerfen? Von wegen! Stopfkunst und Strickmuster aus hundert Jahren im Gmünder Schulmuseum.

Schwäbisch Gmünd

Wenn es heute heißt "Loch im Socken", dann ist der Flug in den Abfalleimer programmiert. Das war nicht immer so. Im Schulmuseum erzählen viele Strümpfe Geschichten von einst, geben Anregung für eifrige Handarbeiter und sind Zeugnis vom Erfindungsreichtum in kargen Zeiten.

Die Vorläufer der modernen "Seiden-"Strümpfe aus Polyamid waren eine Sensation und der Traum aller Frauen. Das Material hieß Bembergseide und wurde in Wuppertal Anfang des 20. Jahrhunderts erfunden. Eine Revolution der Garnentwicklung, die heute noch, zu Stoffen verarbeitet, von indischen Modeschöpfern verwendet wird und bis in die 60er Jahre auch bei internationalen Couturiers hoch geschätzt war wegen ihres Glanzes und schweren Falls.

Strümpfe aus Bembergseide waren viel erschwinglicher als solche aus echter Seide. Dieses neue Material vermittelte ein Wohlgefühl auf der Haut wie echte Seide. Bembergseidenstrümpfe glänzten, waren chic, hielten auch ohne Strapse und wurden wie ein Schatz gehütet.

Vor allem während des Zweiten Weltkriegs. Da flog kein Strumpf mit Loch in den Abfall. Da wurde gestopft und geflickt wie die Weltmeister. So fein und akkurat, dass die reichhaltigen Flickstellen der Strumpfsohlen der Paare im Schulmuseum auch als abstraktes Kunstwerk durchgehen können. Der richtige Farbton zum Reparieren war selten vorhanden. Man nahm, was da war, die Farbe war Nebensache, Hauptsache die Fadenstärke des Stopfgarns war fein genug.

Wenn Dich die bösen Buben locken, bleib' zu Haus und stopfe Socken.

Ermahnung auf einem Stopfpilz

Stopfen mit feinem Material war eine Augensache. Pfiffige Erfinder überlegten sich, wie man diese Arbeit schneller und effizienter erledigen könnte. Im Schulmuseum gibt es einen Strumpfstopf-Apparat für die Nähmaschine. In einen Ring positionierte man die Schadstelle des Strumpfes, fixierte sie mit einem strammen Federring und rollte den Rest vom Strumpf um diesen. Dieser Apparat wurde statt des Stoffdrückerfußes montiert, dann mit kleinster Stichlänge das Loch gestopft.

Eine ästhetische Reise kann das Auge bei den Strickstrümpfen unternehmen. Mit feinen Fäden und dünnen Nadeln strickten Mütter, Tanten und Omas für die Kinder der Familie weiße Sonntagsstrümpfe. Oft mit Monogramm versehen, damit Geschwister ihre Strümpfe auseinanderhalten konnten. Oder in der gemeinsamen Waschküche unterschiedlicher Wohnparteien keine Verwechslungen vorkamen. Wer von Hand stopfte, benützte für die Riesenlöcher ein Stopfei oder einen Stopfpilz. Es gab große und kleinere Eier aus Holz. Mit einem breiten Kopf und einer rundlich geformten Spitze. Fein abgeschliffen, damit nichts hängen blieb und Nadelspitze und Stopfgarn ohne Anhaken durchgleiten konnten.

Das Stopfei war auch ein gern gesehenes Geschenk des Verliebten an seine Liebste. Ein Exemplar im Schulmuseum ist aus Intarsien unterschiedlicher Hölzer zusammengesetzt. Aber auch Ermahnungen konnten durch das Sockenloch schimmern. Ein Stopfpilz trägt eingebrannt auf seinem Schirm: "Wenn Dich die bösen Buben locken, bleib' zu Haus und stopfe Socken."

Die Strümpfe, das Schulmuseum hortet viele Paare, sind nicht einfach rechts oder rechts-links gestrickt. Sie sind richtige kleine Schönheiten, mit Mustern und Spitzenabschlüssen. Da sind Löcher eingestrickt, Zöpfe wendeln sich um diese, Zacken, raue Maschen wechseln mit glatten ab. Man kann sich gut reindenken in die Nachmittage und Abende, wenn man sich zu Kaffee oder Vesper versammelte. Im Gesprächsteil klapperten stets flink die Nadeln und ein Strumpf wuchs nach dem anderen der Vollendung entgegen.

Gestopfte Strümpfe aus der Kriegszeit.
Die Strümpfe sind richtige kleine Schönheiten.

Zurück zur Übersicht: Stadt Schwäbisch Gmünd

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL