Die Gmünder als „widerliches Lumpenpack“?

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Historische Stadtführung
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Wer mit Angela Rosskopf auf historische Stadtführung geht, lernt noch so manches Neues.

Schwäbisch Gmünd. Immer wieder Neues bringen die Stadtführungen. Auch Angela Rosskopf wusste Details, die das Bild von Gmünds Historie bereichern. Im Spitalhof begann der Rundgang mit Friedrich Hechelmanns Engeln, weiter ging es zur Skulptur der Künstlerin Maria Kloss „Vertreibung aus dem Paradies“ mit dem Hingucker Schlange, die aus dem Laub des Baumes hervorlugt.

Mit „Klasse Rentenmodell, in gesunden Zeiten zahlen, im Alter und bei Krankheit ein Zuhause!“, kommentierte die Stadtführerin das Spital. Ehemals Schranne, also Warenlager, wurde es im Mittelalter zum Pfründenhaus durch eine fromme Stiftung. Hier konnte man seine Seele freikaufen vom Fegefeuer oder im Alter und bei Krankheit leben. Das Spital ist nun ein Altenpflegeheim „Spital zum Heiligen Geist“ am gegenüberliegenden Ende des kleinen Parks neben der Spitalmühle, heute Generationentreff. Ihm war damals ein landwirtschaftliches Anwesen mit innerstädtischer Mühle zur Selbstversorgung angegliedert.

Goethe und Schiller

Am Marktplatz beim ehemaligen Wirtshaus „Zur goldenen Kante“, heute H&M, erinnerte Rosskopf an Johann Wolfgang von Goethe, der über Schwäbisch Gmünd gesagt habe: „Grüne Matten, zwei Wälle, in der Vorstadt Mist und altgebaute Häuser.“ Auch Kaspar Schiller, Vater des Dichters Friedrich Schiller, habe in der „Goldenen Kante“ gesessen und Gmünder Burschen für das Heer geworben.

Schöne Mädchen

Das Einhorn, seit 1262 Wappen der Stadt, schreibe man den Staufern zu. Der Marktplatz, das Herzstück Gmünds, sei typisch für die Staufer,mit einem oberen und unteren Teil, von dem jeweils Gassen abgehen. Am Rathaus könne man alles ablesen, was wichtig war in Gmünd: das Einhorn, der doppelköpfige Adler als Zeichen der Freien Reichsstadt mit eigener Gerichtsbarkeit, eigenem Rat bis zum Jahre 1802. Das änderte sich, als Napoleon 1802 mit seinen Truppen nach Gmünd kam und die Stadt an Württemberg gab, so dass das katholische Gmünd einer protestantischen Regierung unterstand. Die habe die Gmünder beschrieben mit: „Widerliches Lumpenpack, es wird gesoffen, gefeiert, nur die Mädchen sind schön!“ Das sei, so die Stadtführerin, durch die doppelte Anzahl der katholischen Feiertage gekommen. Was die schönen Mädchen anging, waren die Neuen nur die deftigen Remstäler Weinbauerntöchter gewohnt. Muskulös von der Arbeit und braun gebrannt und nicht die gepflegten Bürgerstöchter Gmünds.

Das Buhlsche Haus neben der Grät gehörte Johannes Buhl, der im 19.Jahrhundert nicht nur Feuerwehrkommandant war, sondern auch zum Turnvater Buhl wurde. „Die Feuerwehrleute sollten in Form sein, deshalb begründete er einen Turnverein.“ An der Mauer der Grät erinnert eine Tafel an das Kaisergeschlecht der Staufer, den Begründern des deutschen Reiches, die schon damals den europäischen Gedanken prägten. Hier sind noch staufische Grundmauern in Buckelquadertechnik zu sehen, aus „Stubensandstein“, so im Volksmund genannt, da das Material bröselte und der feine Sand gerne auf den Stubenboden ausgestreut wurde.

Kanonenkugel in der Wand

Spannend die Erläuterungen zu den zahlreichen Bildergeschichten an den Portalen und Fenstern des Heilig-Kreuz Münsters mit Ereignissen der Bibel. Im Mittelalter wurde auf Latein gepredigt, was das einfache Volk nicht verstand, aber durch die Bildersprache „übersetzt“ bekam. Als die schmalkaldischen Truppen vor den Toren Schwäbisch Gmünds standen, habe man sie eingelassen, weil eine Zerstörung durch neuartige Kanonenkugeln drohte. Nur eine Kanonenkugel in einer Wand des Münsters erinnert daran. Nach elf Tagen wurde Schwäbisch Gmünd protestantisch. Doch die Gmünder wandten sich nach Abzug der Truppen an Karl V. mit der Bitte, wieder katholisch sein zu dürfen. Dem wurde stattgegeben.

In den Jahren 1878 bis 1879 malte Carl Dehner im Stile der Nazarener die romanische Johanniskirche aus dem 13. Jahrhundert aus. Das, was wie ein Mosaik anmutet, ist aber Malerei. Die Kirche wurde, so die Legende, von Agnes, der Frau des Hohenstaufen Friedrich I., gestiftet. Sie hatte ihren Ehering verloren und als Dank für die Wiederfindung gelobt, eine Kapelle bauen zu lassen.

Staufische Madonna

Vor dem Altarraum die Statue der staufischen Madonna mit einem jugendlichen Jesus, der den Friedensgruß zeigt. Innen aufgereiht die steinernen Wasserspeier, außerdem Zeichnungen von Physiologus mit reichen Erläuterungen zu verschiedenen Tieren. Die historische Führung endete auf dem Marktplatz am Marienbrunnen, der zwei unterschiedliche Gestaltungen der Maria auf Vorder- und Rückseite zeigt.Gise Kayser-Gantner

  • Informationen zur Stadtführung
  • Die historische Stadtführung durch Schwäbisch Gmünd wird von Mai bis Oktober immer samstags und von November bis April jeden ersten Samstag im Monat angeboten. Der Rundgang dauert etwa 1,5 Stunden. Die Teilnahme kostet 5 Euro pro Person, Schüler und Studenten zahlen 3 Euro. Treffpunkt ist immer um 10.30 Uhr am Gmünd i-Punkt. Eine Voranmeldung ist nicht erforderlich. Weitere Infos gibt's im Internet unter www.schwaebisch-gmuend.de/historische-stadtfuehrungen.html.
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