Die größte Entdeckung des Gmünder Stadtarchivars

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Dr. David Schnur mit Bildern aus der Geschichte des Zeiselberg-Stollens: In seinen zweieinhalb Jahren in Gmünd hat der Stadtarchivar viel Neues ans Licht geholt.
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In zweieinhalb Jahren als Leiter des Gmünder Stadtarchivs hat Dr. David Schnur viel bewegt, nun geht er zurück ins heimische Saarland. Ein Interview.

Schwäbisch Gmünd

Ein paar Arbeitstage hat David Schnur noch in Gmünd, dann wechselt der 36-jährige Leiter des Stadtarchivs ans Landesarchiv des Saarlands. Im Interview erzählt er, was er Gmünd gern hinterlassen möchte und wie er seine größte Entdeckung gemacht hat.

Herr Schnur, was würden Sie Gmünd und seinem Archiv gern als Vermächtnis hinterlassen?

Mein Anliegen war und ist es, dass das Archiv kein abgeschlossener Geheimnisort ist, sondern ein Ort, zu dem alle kommen können. Diese Öffnung muss man früh beginnen: Wer als Schüler schon einmal die Schwelle zum Stadtarchiv überschritten hat, der kommt eher auch als Erwachsener wieder.

Und Sie haben viele Dokumente neu im Internet präsentiert.

Mit der Öffnung verbunden ist die Digitalisierung. Dadurch kommen mehr Nutzer als nur mit dem Lesesaal. Kürzlich hat eine Schulklasse die Aufgabe gehabt, eine digitale Publikation des Stadtarchivs auszusuchen.

Dass Sie die Kriegstagebücher des Archivgründers Albert Deibele (aus dem Zweiten Weltkrieg – Red.) entdeckt und publiziert haben, wird man in Gmünd nicht vergessen.

Mich freut das große Interesse: Die Publikation ist bisher fast 5000 Mal heruntergeladen worden.

Wenn Sie Verleger wären, das wäre Ihr Bestseller, oder?

Ja, mit großem Abstand. Es ist ein besonderer Fund für die Stadt, weil Deibele ein herausragender Zeitzeuge aus der Gmünder Elite war.

Wie darf man sich das Entdecken vorstellen: Sie wandern Ihre vier archivierten Regal-Kilometer ab und ziehen mal da, mal dort etwas heraus?

Nein, so wahllos nicht, wir sind nach Beständen organisiert. Da gibt es städtische Unterlagen, nicht-städtische wie etwa Vereinsarchive, außerdem Sammlungen, zu denen etwa Tageszeitungen gehören. Und es gibt Nachlässe – da ist dann wirklich alles drin, bis hin zu Kreditverträgen. Da habe ich an Freitagen immer etwas herausgeholt, weil man dann oft die Ruhe hat, um drei, vier Stunden bei der Sache zu bleiben.

Ist das normal, dass in einem Archiv unentdeckte Schriftstücke liegen?

Ja, das ist tatsächlich so. In jedem Archiv gibt es Unterlagen, die noch nie jemand gelesen hat. Die Idee, alles in einer digitalen Volltextsuche zu haben, ist nicht umsetzbar. Auf manchen Unterlagen gibt es auch Sperrfristen. Die besten Archive in Deutschland haben eine Erschließungsquote von 80 bis 85 Prozent.

Also ist ein Archiv doch auch Geheimnisort?

Der Job war mir auf den Leib geschneidert.

Dr. David Schnur

Ich würde sagen: ein Ort der Entdeckungen.

Haben Sie einen Überblick darüber, was es für Menschen sind, die das Archiv nutzen, und wofür sie sich interessieren?

Die einzelnen Downloads werden dahingehend nicht erfasst, aber es gibt ja auch viele direkte Nachfragen. Leute, die in den Lesesaal kommen, arbeiten oft historisch, es geht um die eigene Familie oder die Geschichte eines Schwäbischer Gmünder Ortsteils. Bei Anfragen von auswärts geht es oft um Erbenermittlungen.

Im Vergleich mit anderen Städten: Wie steht das Gmünder Archiv da, quantitativ und qualitativ?

Für eine Stadt mit 60 000 Einwohnern in der oberen Mittelklasse, würde ich sagen. Aber es gibt Besonderheiten: Wir haben rund 200 000 Bilder zur Stadtgeschichte, das ist ein Wert, den in dieser Kategorie selbst Städte wie Stuttgart und Karlsruhe nicht erreichen.

Gibt es auch Dinge, die fehlen?

Oh ja, es ist viel verloren gegangen. Es hat Stadtrechnungen und Gemeinderatsunterlagen aus dem 14. Jahrhundert gegeben, die zu einem Pauschalpreis an einen Altpapierhändler verkauft worden sind. Aber das ist in vielen Städten geschehen.

Wieso?

Als die Ära der freien Reichsstädte vorbei war und Gmünd an Württemberg gegangen ist, ist das Stadtarchiv aufgelöst worden. Einen kleinen Teil haben die Württemberger abtransportiert, der Rest ist vernichtet worden. Erst Albert Deibele hat dann um 1930 wieder ein Stadtarchiv aufgebaut.

Nun wechseln Sie ans Landesarchiv des Saarlands. Wie wird sich Ihre Arbeit ändern?

Ich werde weniger allgemein arbeiten, dort bin ich für die digitale Archivierung zuständig. Und es gibt sicher mehr Gremienarbeit, wenn sich die Landesarchive auf Bundesebene begegnen. Ich will das noch mal betonen: Mein Wechsel hat ausschließlich familiäre Gründe.

Was werden Sie vermissen?

Dass ich als Leiter des Stadtarchivs einen Job hatte, der mir auf den Leib geschneidert war, in dem man viel bewegen konnte. Auch, weil ich im Rathaus immer auf offene Ohren getroffen bin, und weil das Potenzial groß ist bei uns im Haus.

Info: Etwa vier Regal-Kilometer an Beständen hat das Gmünder Stadtarchiv. 2020 sind rund 1100 Anfragen bearbeitet worden (2017 erst 400). Veröffentlichungen und digitalisierte Quellen des Stadtarchivs findet man über die Homepage der Stadt Gmünd oder auf wwwostalbum.hypotheses.org.

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