Die Saal-Schublade im Jugendstilbau

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Architekt Thomas Sonnentag mit dem - auf einem Dachboden – noch sichtbaren Rest Wandrelief: Das Kunstwerk von Jakob Wilhelm Fehrle ließ der Architekt der 70er-Jahre hinter einer Verschalung verschwinden. Nun soll es wieder freigelegt werden.
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Das Augustinusgemeindehaus steht unter Denkmalschutz – nicht nur der Ursprungsbau, auch die Umbauten aus den 70er-Jahren. Warum eigentlich?

Schwäbisch Gmünd

Die Geschichte geht kürzestmöglich so: 1916 wird in Gmünd ein großes Gebäude errichtet, in den 70er-Jahren wird es umgebaut – mit wenig Rücksicht auf die Tradition. Heute stehen beide, Ursprung und Umbau, unter Denkmalschutz.

Im Hier und Jetzt wird aus der Geschichte eine komplexe Aufgabe: Das Augustinusgemeindehaus soll ab Herbst umfassend renoviert werden. Sechs Millionen Euro wird der Umbau die Evangelische Kirche kosten. Danach soll das Haus zentraler Ort für viele tausend Evangelische Christen aus Gmünd sein.

Der Weltkriegsbau: 1916 war das große Jugendstilgebäude fertig, entworfen von Architekt Martin Elsässer. "Er war ein renommierter Architekt", sagt Angelika Reiff vom Landesdenkmalamt. Von Elsässer stammt auch die Markthalle in Stuttgart, in Gmünd hat er das Gebäude der heutigen Hochschule für Gestaltung entworfen.

Die ruppige Erneuerung: In den 70er-Jahren machte sich die Kirchengemeinde an die Renovierung. Dabei sollte der Saal, als Raum für Gottesdienste entworfen, dafür aber nicht mehr benötigt, zum Versammlungsort werden. Der Kirchenarchitekt Heinz Rall plant den Umbau, und er konzentriert sich auf den Saal. Auf ihn geht die Glasfassade zurück und die abgehängte Deckenkonstruktion mit offenen, grün gestrichenen Stahlrohrelementen.

"Ein brachialer Umgang"

Ein Wandrelief von Jakob Wilhelm Fehrle – das nun wieder freigelegt werden soll – lässt Rall im Zuge der Renovierung hinter einer Verschalung verschwinden. "Das war ein brachialer Umgang mit dem Vorhandenen", sagt Architekt Thomas Sonnentag. Doch Ralls respektlose Ruppigkeit von damals ist heute kein Ausschlusskriterium beim Denkmalschutz. Die Gebäudeteile aus den 70ern (Reiff: "Heute würde man das so nicht genehmigen") werden nun selbst als erhaltenswert eingestuft. "Wir waren selbst überrascht", erzählt Sonnentags Mitarbeiter Marco Iannelli.

Angelika Reiff weiß, dass man als Denkmalpfleger nicht immer Sympathieträger ist: "Die 70er und 80er-Jahre haben im Moment kein gutes Ansehen." Zu kalt, wuchtig, technikgläubig, oft mit viel grauem Beton, miserabler Wärmedämmung.

Die 70er und 80er-Jahre haben im Moment kein gutes Ansehen.

Angelika Reiff, Denkmalpflegerin

Doch seit Heinz Rall mit dem forschen, selbstbewussten Fortschrittsgestus der 70er-Jahre-Architektur dem Haus seine Handschrift hinzugefügt hat, hat sich das Verständnis von Denkmalschutz weiterentwickelt. Zur Bau-Geschichte wird einst jede Epoche zählen. "Das Denkmalschutzgesetz von Baden-Württemberg kennt keine Zeitgrenze", sagt Reiff. Wenn sie sich für Bauten aus den 70er- und 80er-Jahren einsetzt, löse das oft "Befremden" aus. Doch wenn man Gebäude aus dieser Zeit jetzt zum Abriss freigibt, dann wird die Epoche irgendwann fehlen im Kreis der Baudenkmäler aus (möglichst) allen Zeiten, gibt sie zu bedenken. Reiff: "Denkmalpflege muss Baudokumente überliefern, Geschichte dokumentieren."

Was alles unter einen Hut muss: Aus dem Spannungsfeld aus der sanften Zurückhaltung des Jugendstils und selbstbewusster 70er-Jahre-Forschheit soll bis 2023 eine zeitgemäße Version des Gemeindehauses werden. Thomas Sonnentag hat Respekt für beide Architekten: An Elsässer erfreuen ihn viele Details, die turmartigen Treppenhäuser etwa und wie der Architekt das Haus "perfekt in die Hanglage integriert" hat. Und Rall habe aus dem zuvor sakralen Raum erst "ein Gemeindehaus gemacht, das war seine zentrale Errungenschaft".

Baugeschichte, Denkmalschutz, die künftige Nutzung und die Brandschutzvorschriften müssen unter einen Hut gebracht werden. Nicht einfach: "Der Brandschutz sagt manchmal genau das Gegenteil des Denkmalschutzes", sagt Marco Iannelli.

Den Begriff Kompromiss verwendet keiner der Beteiligten, Architekt Sonnentag und Denkmalschützerin Reiff sprechen gleichermaßen von "Lösungen", wobei sie sich in vielen Belangen längst einig sind, außer eben bei der Gestaltung des Saals.

"Ein unterschätztes Bauwerk"

Thomas Sonnentag hofft, dass am Ende ein aus seiner Sicht für Gmünd bedeutendes, aber "unterschätztes" Bauwerk präsenter wird: "Es muss uns gelingen, das Gebäude so zu gestalten, dass es in der Bevölkerung mehr wahrgenommen wird. "

Junge Denkmale: In Gmünd gibt es zwei bemerkenswerte Bauten aus der jüngeren Geschichte: Die St-Michael-Kirche und die Finanzschule am Herlikofer Berg (früher: Aufbaugymnasium). "Die beiden sind von überregionaler Bedeutung", sagt Angelika Reiff.

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