Die Ungewissheit vor jedem Aufbruch als Lebensthema

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Johanna Pommranz führte zusammen mit dem Barockensemble consortium consonans und Bezirkskantor Thomas Brückmann die Solokantate für Sopran „Jauchzet Gott in allen Landen“ auf. Foto: Jan-Philipp Strobel
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 Im Gemeindegottesdienst wird eine Bach-Kantate zur Einladung,  auf Gottes Treue zu vertrauen.

Schwäbisch GmündMit einer zum Himmel hoch jauchzenden Bach-Kantate begann der Gemeindegottesdienst am Sonntag in der Augustinuskirche, der als Teil des Festivals Europäische Kirchenmusik mit exquisiter Musik aufwartete: Johanna Pommranz führte zusammen mit dem Barockensemble consortium consonans und Bezirkskantor Thomas Brückmann die Solokantate für Sopran „Jauchzet Gott in allen Landen“ auf. Gleich die erste Aria setzte mit glockenhellem Gesang, Trompete, Streichern, Cembalo und Truhenorgel ein glanzvolles Zeichen und unterstrich den gesungenen Text: „Was der Himmel und die Welt an Geschöpfen in sich hält, müssen dessen Ruhm erhöhen.“ Nachdenklich stimmte sodann die Schriftlesung aus dem Matthäus-Evangelium: „Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?“ – welche Spannung angesichts des Hungers in der Welt und dem Leben in einer Überflussgesellschaft. Matthäus fährt mit den Lilien auf dem Felde fort und sagt, selbst Salomo sei in all seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen, sei wie einer von ihnen – eine große Ehrfurcht vor der Schönheit der Natur bringt der Evangelist in diesen Versen zum Ausdruck. Eine neue Richtung bringt der Predigttext Exodus 13, 21–22, den Dekanin Ursula Richter in ihrer Predigt auslegt. Beschrieben wird die Situation des Volkes Israel, das, gerade der Sklaverei entkommen, nun am Rande der Wüste steht, die es durchqueren muss. „Was wird sein?“ Das frage sich der Mensch bei jedem Aufbruch. Der junge Mensch, der sein Zuhause verlässt genauso wie der alte Mensch, der ins Pflegeheim zieht. Aufbrüche können fröhlich und übermütig oder zögernd und zagend sein. In Zeiten von Corona und dem Krieg in der Ukraine „sind wir alle nachdenklicher und demütiger, was das Kommende angeht“. Wie passe da das „Jauchzet Gott in allen Landen“? Die Augen nicht verschließenRichter zitiert die letzte Zeile der Aria: „Dass er uns in Kreuz und Not allezeit hat beigestanden.“ Wer Gott lobe, verschließe nicht die Augen vor Leid, Krieg, Krankheit und Tod. Die Theologin führt die Psalmen des Alten Testaments an, in denen auch die Klagelieder mit „Tehillim“, Lobpreis, überschrieben seien. Mit Gott könne man die unterschiedlichen Erfahrungen unseres Menschseins besprechen, fährt Richter fort. „Wir können ihm sogar, wenn nötig, unsere Klage vor die Füße werfen.“ Die Bachsche Kantate bezeichnet die evangelische Dekanin als eine einzige Einladung zum Vertrauen auf Gottes Treue und Mit-Sein. Als Beispiel zitiert sie den Theologen Dietrich Bonhoeffer, der im Gestapo-Gefängnis wenige Monate vor seiner Hinrichtung noch ein Gedicht an seine Verlobte Maria von Wedemeyer schrieb, das sich ins Gedächtnis der christlichen Kirchen fest eingebrannt hat: „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Im Brief fährt Dietrich Bonhoeffer fort: „Du, die Eltern, ihr alle … seid mir immer gegenwärtig.“Lob in tiefer UngewissheitDie Gebete und guten Gedanken der Nächsten, aber auch Bibelworte und längst vergangene Gespräche, Musikstücke und Bücher nennt er „ein großes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat.“ Für Ursula Richter sind die Worte Bonhoeffers „Lobgesang in tiefster Ungewissheit“.  Nach Rezitativ und einer weiteren Aria folgten, gemeinsam mit Pfarrer Matthias Plocher, die Fürbitten, in die sie Menschen, die schwer krank sind, unter Gewalt, Krieg und Hunger leiden mit einschlossen. Mit einem zu Herzen gehenden Choral und anschließendem Alleluja endete der musikalisch herausgehobene EKM-Gemeindegottesdienst in der Augustinuskirche. 

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