Die "Unverseuchten" feiern trotzdem

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Eine Gmünder Neujahrskarte aus dem Stadtarchiv - die Erforschung der Motivbedeutung steht noch aus.
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Wie war Silvester in Schwäbisch Gmünd vor 100 Jahren? Eine Spurensuche mit Hilfe des Gmünder Stadtarchivs.

Schwäbisch Gmünd

Der Spektakel war dem großen Augenblicke durchaus würdig, was die hohe Polizei gerne bestätigen wird.“ So hat die „Gmünder Zeitung“ in ihrer Ausgabe vom 2. Januar 1922 berichtet. Mit Krach und Licht, auch in Form von Feuerwerk, haben auch damals schon Gmünder das alte verabschiedet und das neue Jahr begrüßt. „Das schrie und lärmte, donnerwetterte und feuerwerkerte, daß es nur so eine Art hatte.“ Im Vergleich zu früher fiel der „Radau“, wie man das damals nannte, aber doch gedämpfter aus. „Zwar ließen es sich manche nicht nehmen, auf der Schwelle zwischen altem und neuem Jahr etwas 'Krach' zu machen, aber die Schießerei erreichte bei weitem nicht den Grad der Vorkriegszeit“, schrieb am 2. Januar die Rems-Zeitung in ihrer Ausgabe.

Der Erste Weltkrieg war erst seit zwei Jahren vorüber, und eine Pandemie gab's zu allem Überfluss auch, die spanische Grippe ging in Europa um. „Es grippelt – Radau um Mitternacht“, titelte die Gmünder Zeitung. Die Inzidenzzahl des Tages und Berichte über Intensivstationen gab's damals noch nicht, aber dass viele krank waren, das war wohl offensichtlich: „Dermaßen entsetzlich wütet diese Seuche hier zur Stadt, daß so mancher (…) diesmal schwitzend und keuchend zwischen den liebevoll aufgetürmten Federn lag“, wird erzählt in der etwas gestelzten Sprache jender Zeit, die wir Heutige allenfalls noch parodistisch verwenden. Nebenbei fragt man sich, woher der Berichterstatter die Info von den aufgetürmten Federbetten hatte, aber vielleicht kannte er ja in der eigenen Familie Kranke, die sich so betteten. Es wurde gefeiert so gut es eben ging, das ist das Fazit des Berichterstatters: „Zur Ehre der Unverseuchten sei es gesagt: Sie haben getan, was in ihren Kräften stand, damit die Stunde des Jahreswechsels unter solchen Zuständen nicht zu leiden brauchte.“

Silvester-Forschung in Gmünd ist gar nicht so einfach. „Es ist schwierig dazu zu recherchieren, wenn etwas festgehalten wird, dann ist es eher beiläufig“, sagt Niklas Konzen, der Leiter des Gmünder Stadtarchivs. Zum Silvester vor 100 Jahren gibt es noch die Zeitungsberichte, „aber je weiter man zurückgeht, umso weniger Lokalnachrichten sind zu finden“.

Ein paar Hinweise auf noch ältere Neujahrsbräuche aus dem 19. Jahrhundert findet man im Buch „Brauchtum im alten Gmünd“ von Else Gündle, die sich auf Dominikus Debler beruft, der Traditionen aus der Zeit um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert beschreibt. Man besuchte sich und wünschte sich Gutes zum Neuen Jahr, erfährt man da: „In der Frühe des neuen Jahres erschienen die Kinder bei den Großeltern und Gevattersleuten und brachten (...) eine Gegengabe, welche man „Guts Jahr" nannte. Meist war es ein großer Hefenkranz.“ Auch Neujahrskarten hatten Konjunktur, die ersten erschienen laut Gündle 1805. Im Stadtarchiv sind einige Exemplare zu finden, auch vom Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Eine zeigt die Johanniskirche und eine Szene mit vielen Menschen und einem Sack voller Geld. Gedruckt im Gmünder Verlag von Carl Nagel und an ein „Fräulein Lehrerin Sophie Merz, z. Zt. Neresheim“ geschickt. Ob der Geldsack, den die Zwerge über die Gmünder halten, bedeutet, dass man der Empfängerin finanzielles Wohlergehen wünschte? Die Erforschung der Motive steht jedenfalls noch aus: „Manche Karten werfen mehr Fragen auf als sie Antworten geben“, sagt Konzen.

Was wohl allen Zeiten gemeinsam ist: dass Menschen hoffen und bangen und sich fragen, wie es denn wird das Neue Jahr. Die Rems-Zeitung schrieb es damals so: „Man hatte so wenig freudige Zuversicht beim Eintritt ins Jahr 1922, daß man in manchen Stadtteilen nicht einmal den Ruf 'Prosit Neujahr' hörte. Möge sich das eben begonnene Jahr besser gestalten, als man heute zu hoffen wagt!“

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