Die Wende als Chance sehen

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In der Münstergasse gibt es zwar nur wenige Parkplätze, trotzdem ist dort meist reger Verkehr. Foto: Tom
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Die Innenstadt als entschleunigter Ort der Begegnung und des Gesprächs – warum der HGV-Vorstand vermehrt auf Fußgänger setzt.

Schwäbisch Gmünd

Das Auto versprach einst grenzenlose Mobilität und Freiheit. In den Städten ist davon nicht mehr viel zu spüren. Tempo 30 und Fußgängerzonen dehnen sich immer weiter aus, und der Verkehr nimmt von Jahr zu Jahr zu. Staus innerorts und mühsame Parkplatzsuche sind folglich vorprogrammiert, was die Anfahrt nicht gerade attraktiv macht. Doch Geschäfte müssen gut erreichbar sein. Was also tun? „Viele Jahre lag der Fokus auf dem Individualverkehr; nun müssen wir Radfahrer und Fußgänger mehr in den Blick nehmen“, sieht Dr. Christoph Morawitz die Notwendigkeit umzudenken. Dies werde nur gehen, wenn man den Autoverkehr etwas beschneide.

Es geht auch um Attraktivität

Für den HGV-Vorstand geht es beim Thema Fußverkehr nicht nur um Mobilität, sondern auch darum, Städte als Lebens- und Erlebnisraum attraktiv zu machen. Er plädiert dafür, auch in Schwäbisch Gmünd einzelne Schritte zu wagen, wie man es in den Schmiedgassen bereits getan habe. Aus den Versuchen könne man lernen, was positiv und negativ war, und weitere Möglichkeiten überprüfen. Einig seien sich der HGV, Pro Gmünd und die Stadtverwaltung, dass der Parksuchverkehr verhindert werden muss und Autofahrer, die in die Innenstadt wollen, in die Parkhäuser geleitet werden sollen.

Auf das Auto angewiesen

Martin Röttele vom gleichnamigen Modehaus, er ist ebenfalls im Vorstand des HGV, findet es okay, dass der Kalte Markt nur noch in eine Richtung befahren werden kann. Doch eine komplette Schließung, überhaupt eine autofreie Innenstadt, kommt für ihn nicht in Frage. Manche Kunden seien einfach auf das Auto angewiesen.

Das Auto ganz verbieten, wolle niemand, sagt HGV-Geschäftsführerin Simone Klaus. Auch in Zukunft werde die Stadt die drei verschiedenen Verkehrsteilnehmer mit ihren unterschiedlichen Geschwindigkeiten unter einen Hut bringen müssen. Dies gehe nur, wenn alle Rücksicht aufeinander nehmen.

Nicht jeder kommt fußläufig gut in die Innenstadt, deshalb spielt beim Fußverkehr der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) eine große Rolle. Große Hoffnungen setzt Morawitz auf das 9-Euro-Ticket, das seit Juni für drei Monate gilt. Es ist als Ausgleich für die gestiegenen Energiepreise gedacht, soll aber auch den ÖPNV sichtbarer machen. Die spannende Frage für Morawitz: „Wie viele steigen um und trauen sich, mehr zu Fuß zu gehen?“ Wichtig sei es, im gleichen Zug den Busverkehr neu zu organisieren.

Simone Klaus und Christoph Morawitz werben dafür, die Wende als Chance zu sehen und zu schauen, wie es in anderen Städten funktioniert. Das Rad müsse man jedenfalls nicht neu erfinden, um Strukturen zu schaffen, die den Fußverkehr fördern. Sie denken an Lieferdienste, wenn größere Einkäufe zu transportieren sind, und Packstationen. Wichtig sei es, bei solchen Veränderungen auf die Probleme einzugehen und Sorgen ernst zu nehmen.

Eine autofreie Idylle

Was es bedeutet, wenn die Kunden vor die Geschäfte fahren wollen, erlebt Alexandra Lange-Sturm von Fresco-Bioweine. In der Münstergasse gibt es zwar nur wenige Parkplätze, trotzdem ist vor dem Laden meist reger Verkehr. Einige, die leer ausgehen, parken auf den nicht ausgewiesenen Flächen, früher auch direkt gegenüber. Seitdem sie dort außen bewirten dürfen und Bistro-Tische aufgestellt haben, wirkt die charmante Münstergasse an den Markttagen gleich viel einladender.

Simone Klaus weist auf weitere Areale hin, die sich in letzter Zeit gemausert haben: Rund um das Buhlgässle etwa mit seinen kleinen schnuckeligen Läden kombiniert mit Einkehrmöglichkeiten. Vor ihrem Buchladen hat Gabriele Fiehn ein kleines Tischchen mit Stühlen aufgestellt, die Fußgänger zum Verweilen und Ausruhen einladen – eine Idylle fernab vom Autoverkehr.

Wenn Parkplätze stören

Wie störend parkende Autos direkt vor dem Laden sein können, zeigt das Beispiel Samstaglädle im Milchgässle. Weil der Gehweg an dieser Stelle sehr schmal ist, ist ein Schaufensterbummel kaum möglich – schade für die schönen Upcycling-Produkte von Astrid Schacherl. Störend können natürlich auch parkende Räder sein, weil sie den Gehweg verengen, den Blick auf das Schaufenster versperren und im schlimmsten Fall Schäden an den Pflanzenkübeln anrichten. Der reine Fußgänger zieht all diese Probleme nicht nach sich.

Keine Parkplätze vor der Tür? Für Michael Blötscher von Optik im Spital kein Problem – in der Stuttgarter Innenstadt könne man auch nirgends vorfahren. Er plädiert dafür, die Kirche im Dorf zu lassen und hält die Erreichbarkeit mit dem Auto für überbewertet. Und erinnert daran, dass auch bestellte Pakete nicht immer komfortabel sind, wenn man „was weiß ich wohin muss, um sie abzuholen“.

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