Ein Baum leidet für seine Nachfahren

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Untersuchung Trockenresistenz von Tannen
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Sind die Tannen aus dem Haselbachtal gut gerüstet für ein trockeneres Klima? Ein Forschungsprojekt sucht eine Antwort auf diese Zukunftsfrage für den Wald.

Schwäbisch Gmünd

Nick Lamprecht setzt den Handbohrer ans Holz der alten Tanne - und schraubt das Gerät mit kräftigen Umdrehungen tief ins den Stamm. Die Weißtanne steht im Haselbachtal und gehört zum Wald der Hospitalstiftung Gmünd. Es tut dem Baum nicht gut, plötzlich ein Loch im Stamm zu haben, aber Lamprecht tut seine Arbeit im Dienst der Wissenschaft: Die Jahresringe, die im Bohrkern sichtbar sind, sollen die Fähigkeit des Baums beurteilen helfen, sich an Trockenperioden anzupassen. Es ist eine Zukunftsfrage für den Wald in Baden-Württemberg. Denn dieser Tannenwald im Haselbachtal ist ein so genannter Saatgutbestand, in dem die Baumsamen für die Forstbaumschulen geerntet werden.

„Es geht hier schon um die nächste Generation“, sagt Jens-Olaf Weiher, Leiter der Forst-Außenstelle des Landratsamts Ostalbkreis in Schwäbisch Gmünd. Weiher geht in die Knie und zeigt auf ein winziges Bäumchen, eine junge Tanne, der erst ein paar Zentimeter groß ist. „Das sind die eigentlich die Stars“, sagt er.

Der Forstwissenschaftler Lamprecht ist für zwei Tage ins Haselbachtal gekommen, 30 Bohrkerne will er von dort mitnehmen, gut verpackt in lange Plastikstrohhalme. Insgesamt 800 Bohrkerne aus 15 verschiedenen Beständen von Tannen- und Buchenwäldern wird er für sein Forschungsprojekt der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg (FVA) sammeln.

Seine Arbeit ist deshalb so wichtig, weil Forstleute den Klimawandel besonders lang im Voraus berücksichtigen müssen. „Heute entscheidet sich, ob unsere Wälder in Zukunft mit der Klimaerwärmung klarkommen“, sagt Jens-Olaf Weiher. Ihm ist daran gelegen, mit Hilfe der Forstwissenschaftler möglichst gute Prognosen zu bekommen: „Was ist von der Tanne zu erwarten 2070? Wir Waldbesitzer müssen entscheiden können, ob wir es riskieren, mit dem, was die Natur uns geschenkt hat, zu arbeiten.“

Die Weißtanne kommt in unserer Gegend, im Gegensatz zur Fichte, schon immer vor. Wobei immer in diesem Fall meint: seit dem Ende der letzten Eiszeit. Und sie ist einer der Hoffnungsträger für die Zukunft. „Sie hat eine Pfahlwurzel, die Wasser aus tiefen Schichten fördert, und sie hat kein Problem mit dem ganz aggressiven Borkenkäfer.“ Auch das im Gegensatz zur Fichte, kann man hinzufügen, deren Ende in deutschen Wäldern unvermeidlich ist.

Die Gmünder Tannen haben es auch deshalb ins Forschungsprogramm geschafft, weil sie an einem vergleichsweise trockenen Standort stehen. Das liegt etwa an dem Sandboden in diesem Waldstück. Außerdem regnen die typischerweise aus Westen heranziehenden Wolken zum Beispiel im Schwarzwald viel häufiger ab als im schwäbisch-fränkischen Wald.

Deshalb sollen die Bohrkerne dann mit welchen aus regenverwöhnten Schwarzwald-Tannen verglichen werden. „Wir schauen uns besonders die Trockenjahr wie 2013 an“, sagt Lamprecht. Der Grundsatz ist, dass die Jahresringe eines Baums in Trockenjahren kleiner ausfallen als sonst. Je kleiner die Unterschied ausfällt zwischen den Bäumen aus dem Haselbach und den Schwarzwälder Tannen, trotz deren unterschiedlich guter Wasserversorgung, umso besser: „Das spricht dann dafür, dass sich der Baum von einer Trockenphase sehr schnell wieder erholen kann“, sagt Jens-Olaf Weiher.

Zusätzlich werden übrigens noch Gen-Proben von jedem Baum genommen, die lassen sich am besten aus den Ästen gewinnen. Weil die sehr weit oben erst beginnen bei den alten Tannen im Haselbachtal, werden Lamprecht und seine Mitarbeiter einige Äste mit der Schrotflinte von herunterholen. Wer in diesen Tagen im Haselbachtal unterwegs sein sollte und zufällig so eine Szene sieht: nicht wundern …

  • Die Weißtanne – häufig in Gmünd
  • Baum-Steckbrief: Die Weißtanne ist die wichtigste heimische Waldbaumart in Deutschland – mit regional sehr unterschiedlicher Verbreitung. Deutschlandweit sind 1,7 Prozent aller Bäume im Wald Tannen, in Baden-Württemberg 8 Prozent, im Gmünder Spitalwald sind es 22 Prozent.
Untersuchung Trockenresistenz von Tannen
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