Ein Land stellt sich ins Abseits

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Der ehemalige Botschafter Rüdiger von Fritsch spricht im Gmünder Prediger über „Putins Krieg und die Folgen“.
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Schwäbisch Gmünd

Es gibt keine Kontrolle über diesen Mann“, lässt Rüdiger von Fritsch wenig Hoffnung aufkommen. Er nennt Putin einen „typisch autokratischen Führer“, der sein Land vollständig unter seine Kontrolle gebracht habe. Propaganda, Repression und Bestechung herrsche bis in die oberste Führung hinein. Für den Botschafter a.D., der von 2014 bis 2019 die diplomatische Vertretung in Moskau leitete, ist der russische Präsident nicht krank oder irrational – „er denkt anders“.

Auf Einladung der IHK Ostwürttemberg sprach er am Montagabend im Prediger vor gut hundert Gästen über „Zeitenwende: Putins Krieg und die Folgen“; im Mai wird ein Buch mit dem gleichen Titel erscheinen. Er sei russophil erzogen worden, stellt von Fritsch seinem gut einstündigen, frei gehaltenen Vortrag voran: die aus dem Baltikum stammende Mutter habe ihm die große russische Kultur nahegebracht. Auch wenn seine Moskauer Jahre, die mit der Annexion der Krim begannen, schwierig gewesen seien, habe er die Sympathie für das Land und seine Menschen nicht verloren.

Anhand von vier Fragen analysiert von Fritsch die Vorgeschichte des Krieges, die Reaktionen des Westens, wie der Krieg enden könnte und was die Folgen sein werden. Putin, bis heute ein Geheimdienstoffizier, „ist so abgeschirmt wie kaum ein anderer Regierungschef“. Stark auf sich bezogen, werde er kaum noch beraten. Vorbei die Zeiten, als ein Gromyko zu Breschnew sagen konnte: „So geht’s nicht.“ Hinzu komme das Gefühl der Bedrohung durch den Westen. Dies habe mit der Erfahrung der letzten dreißig Jahre zu tun, die der Westen anders erlebt habe als Russland.

Mit dem Ende der Sowjetunion zerfiel für Russland das alte Reich; für die mitteleuropäischen Staaten war es ein Weg hin zu Selbstbestimmung, Demokratie und freier Marktwirtschaft. Erschwerend kommt hinzu, dass Russland seine Geschichte nicht aufgearbeitet habe, was den Weg in eine friedliche Zukunft verbaut. Zugespitzt konstatiert von Fritsch: „Das größte Land der Erde nimmt sich das Recht, immer beleidigt zu sein.“

Putin „bestiehlt sein Volk“

In der Zeit der Isolation habe sich Putin verstärkt mit Geschichte beschäftigt. Weil von Belarus und dem Osten der Ukraine die Christianisierung ausgegangen ist, ist das Terrain für ihn heiliger Boden. „Dass sie in Richtung Westen tendieren, geht für ihn überhaupt nicht“ – für den Westen wiederum ist dies imperiales Denken eines immer noch ungeheuer großen Reiches, das quasi über jeden Rohstoff verfügt. Wie Russland politisch funktioniert, bezeichnet der Diplomat als kleptokratisch: „Er bestiehlt sein Volk“, das real verfügbare Einkommen habe ständig abgenommen und der Reichtum weniger zugenommen, Moskau werde vor allem im Verhältnis zu China schwächer.

Die Reaktionen des Westens auf den Krieg seien klar kommuniziert worden: der Ukraine massiv helfen, nicht militärisch eingreifen und Sanktionen, wie es das Land noch nie erlebt hat. Doch die sollten die andere Seite mehr schädigen als einen selbst. Was kann Deutschland verkraften, sei die entscheidende Frage. Er warnte davor, dass morgen Gelbwesten durch die Straßen ziehen.

„Netz der Abhängigkeiten“

Wie der Krieg weitergeht? Putin habe den ukrainischen Widerstand unterschätzt und die eigenen Landstreitkräfte überschätzt. „Wir erleben derzeit eine Eskalation mit mehr Material.“ Unwahrscheinlich erscheint ihm eine Ausweitung über die Nato-Grenzen hinaus, auch Putin kenne Artikel 5 des Nato-Vertrags.

Und die Folgen? „Die alte Sicherheitsordnung ist zerstört.“ Europa müsse nun mehr denn je zusammenfinden. Die wirtschaftlichen Beziehungen werden hoch belastet bleiben und weltweit zu spüren sein, prognostiziert er. „Viele werden sich mehr auf sich besinnen“ – die Globalisierung werde erlahmen und zu einer Slowbalisation.

IHK-Präsident Markus Maier hatte eingangs auf die weltweite Verflechtung und das „gnadenlose Netz der Abhängigkeiten“ hingewiesen. Auf russisches Gas zu verzichten, bedeute für manche Mitgliedsunternehmen massive Einschränkungen bis hin zum Stillstand der Maschinen, gab er zu bedenken. Im Anschluss moderierte IHK-Hauptgeschäftsführer Thilo Rentschler eine Fragerunde, die zeigte, wie sehr die Zuhörer in Sorge sind.

"Es gibt keine Kontrolle über diesen Mann.“

Rüdiger von Fritsch,, Botschafter a.D.

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