Ein Meister des bildhaften Wortes

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Gerhard Stadelmaier auf der Remspark-Bühne.
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Gerhard Stadelmaier liest „Don Giovanni fährt Taxi“ auf der Remspark Bühne. Die Schilderungen aus seinen wortgewaltigen und humorvollen Novelletten erreichen nur ein kleines Publikum.

Schwäbisch Gmünd

Vielen Dank für die launige Lesung“, schloss Sybille Brucker-Schmidt die Autorenlesung auf der Remspark-Bühne im Gmünder Stadtgarten. Die Eröffnung in der Nach-Corona-Zeit nannte es Oberbürgermeister Richard Arnold, der den Gmünder Gerhard Stadelmaier begrüßt hatte und feststellte, dass sicher die ersten journalistischen Schritte in Gmünd und Stuttgart das solide Fundament gelegt haben für den preisgekrönten Kritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Stadelmaier nannte seine Lesung „Don Giovanni fährt Taxi“, doch um es vorwegzunehmen, diese Story fand auf der Bühne nicht statt. Dafür eine kurze launige Einführung in die Stilart Novellette, die kleine Schwester der Novelle, in der wiederum, kürzer oder etwas länger, ein einziges Ereignis geradlinig handelnd auf ein Ziel führt. Das musikalisches Vorbild für Stadelmaiers Novelletten sind Robert Schumanns Novelletten, Opus 21, in acht „Charakterstücken“ zusammenhängende Abenteuergeschichten. Er habe sich neun gestattet, denn die achte Schumann-Novellette bestehe aus zwei Teilen, sagte Stadelmaier. Diese Einführung, humorvoll und launig, war Vorspiel zum brillanten Wortfeuerwerk.

Wenn's das Publikum graust

Stadelmaier schaut genau hin und beschreibt detailliert eine Theateraufführung. Dabei so bildhaft, dass das Publikum mittendrin ist. Dabei, wenn Leute zu spät ins Theater kommen und alle aufstehen müssen, bis der Platz erreicht ist. Es folgen Schilderungen des Geschehens auf der Bühne, prall gespickt mit den Emotionen des Theater-Publikums. Man windet sich, man schaut weg, weil es auf der Bühne um vier Nackte geht, begleitet von einer spärlich bekleideten Dame. Man graust sich, als sich alle mit Farbe einsauen. Der Gelbe wird zum Löwen, der Schwarzfarbige zieht helle Streifen auf den Körper, ist Zebra. Der dritte schmiert sich mit Klebstoff ein, badet in bunten Federn, wird ein Marabu. Die nackte Frau wird eine bunt getupfte Ginsterkatze und die leicht bekleidete mit Hörnern zur Antilope.

Packend Stadelmaiers Beschreibung des leidenden Publikums. Es ist gebeutelt „in einer Art qualvoll krampfiger Mischung aus Scham und Neugier“. Der Zauber in der Feder des Novelletten-Schreibers: Da, wo es missbilligend durchschimmern könnte, packt er sein Publikum und lässt es das Spektakel hautnah erleben. Seine Stimme verführt, den Kritiker im eigenen Kopf zu vergessen, nur noch durch seine Augen zu sehen und durch seine Wörter zu erleben.

Prachtrollen für alte Zausel

Dann die Schauspielerin im Theater-Publikum, die als über 50-jährige keine Rollen mehr auf den Leib geschrieben bekommt, während alte Zausel Prachtrollen spielen dürfen. Sie fällt dem Inspizienten des Stückes durch lautstarke Begeisterung auf, was bei den anderen peinliche Verlegenheit hervorruft. Er bietet ihr die Rolle des Käthchens von Heilbronn an, in der sie für alle Frauen stehen soll, mit einer Boa um den Hals. Klar und unübersehbar zieht Stadelmaier Wahnsinn und Absurdes der Theaterwelt ins Licht. Ohne moralisierenden Zeigefinger. Alles „erschießt“ sich selbst in der Aneinanderreihung des Gesagten.

Zum Niederknien die fatale Geschichte der Hexen, die drei Männer waren. Die durch den Sturz des Heiligen Paulus in der Franziskuskirche ihnen zu einer besonderen Bedeutung verhalf. Hier ist ein Meister des Wortes zugange. Er beweist, wie Sprache durch unterschiedliche Bezeichnungen von Vorgängen und Emotionen nicht zum trockenen Verstandes-Verstehen führt, sondern zum lustvollen Bad voller Laute und Bilder.

Der erste literarische Abend auf der Remspark-Bühne zeigt, dass „Literatur ein wichtiges Moment ist“, so Richard Arnold. Die lichten Zuschauerreihen erklärte er so: „Die Leute fremdeln noch nach der Corona-Pause.“

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