Ein Rätsel, das keinem auffällt

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Straßennamen, die eine Geschichte erzählen: Eine Straße der Barmherzigkeit? Woher die Asylstraße in Gmünd ihren Namen hat.
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Straßennamen, die eine Geschichte erzählen: Eine Straße der Barmherzigkeit? Woher die Asylstraße in Gmünd ihren Namen hat.

Schwäbisch Gmünd

Weil eine Stadt zum Leben da ist und nicht um Heimatforscher zu werden, ist das nicht selten: dass man seit Jahren immer wieder durch die Asylstraße geht ohne zu wissen, wo der Straßenname herkommt. Zu dieser Frage gibt es keine Statistik: Wie viele unter den Gmündern kennen den Ursprung des Namens? Also muss man sich die Statistik selbst machen. Am besten, indem man Passanten fragt, die dort in der Asylstraße unterwegs sind. Nach einigen Gesprächen eine Erkenntnis, die nicht überrascht: Die Namensherkunft ist weitgehend unbekannt in unserer kleinen Untersuchungsgruppe von Gmünderinnen und Gmündern zwischen 25 und 75. „Vielleicht hat es etwas mit Asyl gewähren, mit Schutz zu tun?“, sagt eine ältere Frau. Das scheint eine gängige Interpretation zu sein: dass da einer grundlegenden humanitären Praxis unter Menschen per Straßennamen gedacht wird. Im Stil einer „Straße der Barmherzigkeit“ oder „Seerettungsallee“. Zumal man in unserer Zeit Begriffe kennt wie Asylrecht, Asylbewerber, Arbeitskreis Asyl – doch all das trifft es nicht genau.

Andrea Wowereit weiß es besser, sie ist die Leiterin des größten Hauses in der Asylstraße: des Blindenheims Schwäbisch Gmünd. Vor 190 Jahren ist es gegründet worden, es war das „Blindenasyl“. Der alte Name ist inzwischen in Vergessenheit geraten, Andrea Wowereit wird auch im Alltag nie danach gefragt, auch nicht nach ihrer ungewöhnlichen Adresse, nach der Asylstraße. Sogar beim Freundeskreis des Blindenheims kann man fragen und bekommt als Antwort: „Das weiß ich wirklich nicht.“

Nachfrage bei einer Anwohnerin, die nicht weit weg vom Blindenheim ihre Wohnung hat. „Ich weiß es nicht, wo der Name herkommt“, sagt Anne Brunner, die seit über zehn Jahren in der Asylstraße wohnt. Sie lebe gern in dieser recht ruhigen Gegend in der Innenstadt, erzählt sie. Außer an manchen Samstagabenden, wenn teilweise nicht mehr zurechnungsfähige Kneipengänger die Straße unsicher machen. Was sie noch nie erlebt hat: Fragen danach, was es mit ihrer Adresse auf sich hat.

Bürsten und Korbwaren

Vielleicht lohnt es sich doch, kurz zum Heimatforscher zu werden: Was später Behinderteneinrichtungen samt -werkstätten für vielfältig behinderte Menschen werden sollten, das war das Blindenasyl ab 1831 für erwachsene Blinde; eine Versorgungs- und Beschäftigungsanstalt, zugleich Heimat und Arbeitsplatz für bis zu 100 Menschen. Wer tief eintauchen will in die Geschichte, kann beim Pädagogen und Schriftsteller Johann Georg Knie nachlesen, der 1837 ein Buch veröffentlicht hat: „Pädagogische Reise durch Deutschland im Sommer 1835: auf der ich elf Blinden-, verschiedene Taubstummen-, Armen-, Straf- und Waisenanstalten als Blinder besucht und in den nachfolgenden Blättern beschrieben habe“. Vom Blindenasyl in Gmünd erzählt der Autor genau die Produktionsweise der Bürsten, die dort hergestellt wurden: „Zu den Bürsten liefern die Züchtlinge des nahen Strafhauses die gebohrten Brettchen; ein Tischler besorgt bei den feinern Bürsten die Politur für einen billigen Preis.“

Wie der Name ist auch die Praxis der Herstellung solcher Alltagswaren im Blindenheim inzwischen Geschichte, allerdings noch gar nicht lang. Zuletzt waren es vor allem Korbwaren, die dort hergestellt wurden. Mit den letzten alten Bewohnern, die das Korbflechten noch von früher her praktiziert haben, ist die Tradition erloschen. „2019 ist hier das letzte Tablett mit Korbgeflecht hergestellt worden“, erzählt Andrea Wowereit.

Der Name Blindenheim ist unser Markenname“

Andrea Wowereit, Leiterin
  • Bibel, Blutrache und ein Markenname
  • Der Begriff Asyl hat einen religiösen Ursprung. In der Bibel meint das Wort einen Ort, an dem keine Blutrache verübt werden durfte.
  • Das Gmünder Blindenasyl ist 1831 von Stadtpfarrer Viktor August Jäger gegründet worden. 1956 wurde es umgewandelt zum Altenheim für Blinde und sehbehinderte Menschen. Heute ist es ein Pflegeheim auch für nicht sehbehinderte Menschen. Am Namen „Blindenheim“ wurde festgehalten, auch wenn er eigentlich nicht mehr zutrifft. „Es ist unser Markenname“, sagt die Leiterin Andrea Wowereit.
blindenheim gd

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