Einblicke in Gmünds Alltag in Zeiten des Zweiten Weltkriegs

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Der Begründer des Gmünder Stadtarchivs, Albert Deibele hat zu Kriegszeiten Tagebuch geführt.
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Verborgene Schätze im Stadtarchiv (2). Was die Kriegstagebücher des Stadtarchivars Albert Deibele erzählen.

Schwäbisch Gmünd

Diese Aufschriebe wurden unter Lebensgefahr möglichst rasch gemacht und sofort versteckt." Ein Satz des früheren Gmünder Stadtarchivars Albert Deibele. Er hat ihn im Dezember 1970 aufgeschrieben, als er seine Aufzeichnungen aus den Jahren 1939 bis 1945 wieder zur Hand nahm. Er überlegte damals, im Dezember 1970, ob er diese Kriegstagebücher dem Stadtarchiv übergeben solle. Dies tat er nicht, allerdings ließ er die einzelnen Blätter zu Büchern binden. Ins Archiv gelangten diese erst nach dem Tod von Deibeles Frau Emma im Jahr 1991. Dort blieben sie offenbar unbeachtet liegen. Über Jahrzehnte.

Erst als der jetzige Stadtarchivar Dr. David Schnur das Archiv mit seinen vier Kilometern an Beständen sichtete, fielen ihm die Tagebücher in die Hände. Für den Historiker ein Schatz. Denn die Tagebücher des Heimatforschers Albert Deibele, der als ehrenamtlicher Begründer des Gmünder Stadtarchivs gilt, dokumentieren nicht nur das große Kriegsgeschehen. Deibele erzählt, so sagt Schnur, auch vom "städtischen Kriegsalltag, Straßengesprächen und Gerüchten". Und damit ein Stück Gmünder Alltagsgeschichte.

Wer war Albert Deibele?

David Schnur hat die Kriegstagebücher im Mai 2020 herausgegeben und unter dem Titel "Tagebücher eines Stadtarchivars. Die Schwäbisch Gmünder Kriegs-chronik von Albert Deibele (1939 – 1945)" auf die Homepage der Stadt Schwäbisch Gmünd gestellt. Die Resonanz ist verblüffend: Mehr als 2000 Zugriffe dokumentieren ein riesiges Interesse. Wer war dieser Albert Deibele? Er ist 1889 in Öffingen bei Fellbach geboren. In Tübingen hat er Pädagogik mit den Fächern Botanik und Erdkunde studiert. Von 1905 an war er am Gmünder Seminar, um Lehrer zu werden. Gmünds Stadtarchiv leitete er von 1930 bis 1970. Ihn habe überrascht, dass eine "so wichtige Quelle zur Stadtgeschichte bislang weder bekannt war noch ausgewertet wurde", sagt Schnur zu den Kriegstagebüchern. Deshalb hat er dies angepackt. Er hat die insgesamt sechs Bände mit mehr als 600 Seiten studiert. Editiert. Und für einen Vortrag des Gmünder Geschichtsvereins zusammengefasst. Deibele hat die Texte größtenteils mit der Maschine verfasst und handschriftlich Ergänzungen gemacht. "Immer dann, wenn er emotional war, wenn ihn etwas besonders berührt hat, haute er auf die Tasten", sagt Schnur. Erkennbar sei dies am Papier. Schnur beschreibt, wie Deibele den Anfang des Krieges sah: nicht negativ. Denn Deibele war ein Kritiker und Gegner des Versailler Vertrags vom Ende des Ersten Weltkriegs, mit dem die Deutschen "zertreten, geächtet, geknechtet" wurden. Jedermann habe gewusst, schrieb Deibele im August 1939, dass "unsere Ostgrenze weder für uns noch für die Polen, so wie sie durch Versailles geschaffen worden war, beibehalten werden konnte". Geradezu euphorisch war er im Juni 1940: "Etwas ganz Großes, etwas Unerhörtes ist geschehen", kommentierte er den Sieg über Frankreich. Und im August 1940 freute er sich über den Krieg gegen Großbritannien: "Wie erleben das grandiose Schauspiel des Zusammenbruchs des größten Weltreiches, da es je gegeben hat."

Kein Anhänger der NS-Ideologie

Deibele, sagt dazu David Schnur, war kein Anhänger der NS-Ideologie. Obwohl er sich für die Erfolge der Wehrmacht begeistern konnte. Seine Abneigung gegen die Nazis wurzelte auch in seinem Glauben. Örtliche Repräsentanten der NSDAP waren für ihn "Nichtsnutze" und "Emporkömmlinge", beschreibt David Schnur. Sie seien, zitiert Schnur Deibele, oft "recht mittelmäßige Köpfe, die in der früheren Wirtschaft eine geradezu klägliche Rolle spielen, nun aber auf Grund ihrer Parteizugehörigkeit zu einflussreichen Stellen gelangten".

Adolf Hitler aber nimmt Deibele an einer Stelle aus. Er sei "allen der große Volksführer, und wenn die dummen religiösen Verfolgungen nicht wären, dann, sagt man, könnte man ohne Übertreibung behaupten, er habe 100 % des Volkes hinter sich". Er sei davon überzeugt, sagt dazu Schnur, dass dieser Kommentar eine Schutzbehauptung Deibeles gewesen sei, "für den Fall eingebaut, dass seine Aufzeichnungen in falsche Hände fielen".

Immer dann, wenn er emotional war, haute er auf die Tasten.

Dr. David Schnur, Stadtarchivar über Albert Deibele, Stadtarchivar

Ein Stück Sozialgeschichte

Albert Deibele Kriegstagebücher sind für Schnur nicht nur historische Dokumente. Sie sind auch ein Stück Sozialgeschichte jener Jahre. Gern erzählt Schnur, wie sich Deibele in seinen Tagebüchern der Unterhose widmet. Er habe als Kind nie eine Unterhose getragen, hatte Deibele im Juni 1940 eingetragen. Sondern ein Hemd, dann ein Kleidchen und erst Jahre später "männliche Kleidung, eine Hose mit einer Hosenfalle". Die ersten Unterhosen habe er bekommen, als er Unterlehrer gewesen sei. So wechseln in den Tagebüchern Zeitgeschichte, Stadtgeschichte, Klatsch und Tratsch.

Ernst wurde Deibele bei seinen Einträgen über die Euthanasie-Morde in Grafeneck. In diesen skizzierte er von Januar bis Dezember 1940, was auf Schloss Grafeneck auf der Alb geschah. Für Deibele, der selbst einen Sohn mit einer Behinderung hatte, seien diese Aufzeichnungen "extrem gefährlich" gewesen, sagt Schnur. Wären sie entdeckt worden, hätte dies für Deibele den Transport in ein Konzentrationslager bedeuten können. Deibeles Aufzeichnungen über Grafeneck haben zwei Studentinnen der Uni Stuttgart aus den Tagebüchern herausgefiltert. Er habe Einzelschicksale dargestellt, berichten Bettina Bonhard und Alexandra Freudl. Von Menschen, die nach Grafeneck deportiert wurden. Und von Menschen, die nach Grafeneck deportiert werden sollten. Er berichte von der Oberin der Gehörlosenschule, die Schüler nach Hause geschickt habe, wenn Ärzte aus Stuttgart kamen, um Menschen zur Deportation auszusuchen. Was Bonhardt, Freudl und auch David Schnur aus dem Studium der Grafeneck-Passagen in den Tagebüchern mitnehmen: Dass auch Gmünder wussten, dass auf Grafeneck Menschen mit einer Behinderung von den Nazis ermordet wurden.

Interesse an Tagebüchern groß

Das Interesse an den Tagebüchern ist ungebrochen: Im Sommersemester befassen sich Studierende der Pädagogischen Hochschule mit den Tagebüchern als "Ego-Dokument" der Zeitgeschichte. Und ein weiterer Kurs der Uni Stuttgart untersucht im 75. Jahr seit Kriegsende speziell das Kriegsende in Gmünd. Viel Stoff für die jungen Menschen. Und doch wieder so wenig. Bedenkt man, dass Albert Deibeles Kriegstagebücher von den vier Kilometern an Akten im Gmünder Stadtarchiv gerade mal 20 Zentimeter ausmachen.

"Tagebücher eines Stadtarchivars. Die Schwäbisch Gmünder Kriegs-chronik von Albert Deibele (1939 – 1945)" sind zu finden auf der Homepage der Stadt Schwäbisch Gmünd.: www.schwaebisch-gmuend.de unter Bildung, Stadtarchiv, Veröffentlichungen und digitale Veröffentlichungen.

Über Jahrzehnte unbeachtet: die Kriegstagebücher des Begründers des Gmünder Stadtarchivs, Albert Deibele. Der heutige Archivar Dr. David Schnur hat sie entdeckt – Lesenswertes fürs Archiv und für die Gmünder.

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