Eine Brücke in den Osten bauen

  • Weitere
    schließen

Warum es wichtig ist, dass ein Buch über die Heimatvertriebenen nun auch in englischer Übersetzung vorliegt.

Professor Dr. Ulrich Müller (l.) und Christopher Sloan haben ein Buch über Heimatvertriebene, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Gmünd und Umgebung gelandet sind, nun auch ins Englische übersetzt und veröffentlicht.

Schwäbisch Gmünd. Stadtführer oder Bildbände über Schwäbisch Gmünd gibt es auch in englischer Sprache. Aber ein Buch über die Vertriebenen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Gmünd und Umgebung gelandet sind? Für den Verein "Brücke nach Osten" zeichnete sich in den letzten Jahren deutlicher ab, dass eine solche Übersetzung wichtig ist. Der Grund: Die Kontakte vor allem nach Tschechien haben sich intensiviert, erklärt Professor Dr. Ulrich Müller, der Herausgeber des Buches "Verlorene Heimat – gewonnene Heimat", das bereits in zweiter Auflage 2012 und 2016 erschienen ist. Einige tschechische Historiker waren etwa bei den Montagsgesprächen im Torhaus zu Gast. Und als die Ausstellung über die Villa Tugendhat in der Gmünder VHS eröffnet wurde, besuchte die Brünner Oberbürgermeisterin Markéta Vanková 2019 Schwäbisch Gmünd.

Gegen das Vergessen

Der Wunsch kam auf, den Besuchern aus den östlichen Nachbarländern einen Zugang zu der Gmünder Nachkriegsgeschichte zu ermöglichen. Für Dr. Kurt Scholze, einer der Gründer des Vereins "Brücke nach Osten", ist es wichtig, dass das schreckliche Kapitel der Vertreibung nicht in Vergessenheit gerät. Er war es auch, der sich der Finanzierung der englischen Ausgabe annahm und Spende um Spende – nicht nur von Heimatvertriebenen – zusammentrommelte, bis der Verein eine weitere Auflage stemmen konnte. Weil eine Übersetzung in die einzelnen slawischen Sprachen zu aufwendig gewesen wäre, entschied sich der Verein für Englisch.

Doch wie kommt ein pensionierter Englischlehrer dazu, ein knapp 300 Seiten dickes Buch über die Heimatvertriebenen in Schwäbisch Gmünd und dem Ostalbkreis ehrenamtlich zu übersetzen? Christopher Sloan, der jahrzehntelang am Parler-Gymnasium Englisch unterrichtete, zögerte nicht lange, als Kurt Scholze ihn vor einigen Jahren bat, "Verlorene Heimat – gewonnene Heimat" in seine Muttersprache zu übertragen. Als Brite war das Thema für ihn zunächst weit weg. Erst im Deutsch-Studium erfuhr er von den millionenfachen Vertreibungen der Deutschen aus den Ostgebieten als Folge der nationalsozialistischen Verbrechen.

Eine aufwendige Arbeit

Konkreter wurde dieses Leid, als Sloan Lehrer am Parler-Gymnasium wurde. Die frühere Hindenburg-Oberschule diente 1946 als zentrales Auffanglager für die Heimatvertriebenen: Die Gmünder Nothilfe ließ damals 700 Stockbetten und weitere Strohsäcke in der Turnhalle aufstellen. Professor Dr. Rudolf Wichard beschreibt in seinem Beitrag "Spurensuche – Erinnerungsorte – Erinnerungswege" die prekären Verhältnisse an der Schule. Mehr bewegten Sloan allerdings die Berichte der Kollegen, etwa von Dieter Lange; der Geschichte seiner Familie begegnete er nun in "A Homeland Lost – a Homeland Gained" wieder: Wilhelm Lienert, der zusammen mit Tilman John Mitherausgeber des Buches ist, hat in seinem Beitrag "So zogen wir aus Schlesien" das Tagebuch der Familie Lange aus Neumarkt im Buch festgehalten.

Zweieinhalb Jahre nahm das Übersetzen der 26 Beiträge von insgesamt 16 Autoren in Anspruch, darunter neun Aufsätze des Herausgebers Ulrich Müller. Herausfordernd seien die unterschiedlichen Stile gewesen: Hochakademische Beiträge, etwa von Prof. Dr. Hubert Herkommer, "Kaiser Karl IV., der Auftraggeber Peter Parlers", wechseln sich mit sehr persönlichen, ergreifenden Erlebnisberichten ab. Als Beispiel nennt Sloan einen Schüleraufsatz einer Zehnjährigen, die ihre schlimmen Erlebnisse in der alten Heimat vor der Vertreibung beschreibt. Ein auch nach Jahrzehnten immer noch schmerzliches Kapitel der neueren deutschen Geschichte.

Ulrich Müller (ed.): A homeland Lost – a Homeland Gained. The deportees in Schwäbisch Gmünd and the Eastern Jura Rural District. Prade Media 2021

Zurück zur Übersicht: Stadt Schwäbisch Gmünd

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL