Eine Frau fragt sich: Wo fängt der Betrug an?

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Schreibt über die Liebe - ohne Kitsch, ohne Ironie: Roman-Autorin Daniela Engist.
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Die Schriftstellerin Daniela Engist fragt in ihrem neuen Roman: Kann man beides haben in der Liebe – Sicherheit und Risiko?

Schwäbisch Gmünd

Wo fängt der Tatbestand des Betrugs an?“ Das ist eine der Fragen, die sich Anne stellt, die Ich-Erzählerin in Daniela Engists neuem Buch. Die aus Gmünd stammende Schriftstellerin hat ihren zweiten Roman veröffentlicht: „Lichte Horizonte.“ Er erzählt von Anne, seit fast 20 Jahren verheiratet, zwei Kinder – und der Möglichkeit einer Affäre, die im Kopf schon begonnen hat.

„Ich wollte über Gefühle schreiben, ohne Kitsch, ohne das lakonisch Abgeklärte“, sagt Engist. Ihr erster Roman „Kleins große Sache“ war die ironische Bilanz ihrer Jahre als PR-Frau in einem Großkonzern. Diesmal sollte die Erzählhaltung eine ganz andere sein. „Ironie ist doch eine Ausweichbewegung“, findet Engist.

„Es wäre mal wieder Zeit“

Trotzdem hat sie keinen nur ernsten, humorfreien Roman geschrieben, dafür sorgen Episoden aus dem ganz normalen Ehealltag, halb traurig, halb komisch: Über die Schwiegermutter, die an Weihnachten das immergleiche langweilige Essen mitbringt, wozu ihr Ehemann Alexander nur sagt, das sei doch „win-win“, denn: „Sie hat ihre Freude und du weniger Arbeit.“ Oder wenn er nach längerer Flaute ehelichen Sex für geboten hält: „Es wäre mal wieder Zeit.“

Annes Gedanken sind weit weg. Was wäre wenn?, fragt sie sich. Weil es Stéphane gibt, einen französischen Chansonsänger, den sie auf einem Festival kennengelernt hat. Sie haben eine Affäre angefangen, die bisher nur aus hin- und hergeschriebenen Worten besteht. „Wo ich gerne berührt werden würde, fragt mich Stéphane. Ich sage: an der Seele.“

Ein klarer Fall von Frauenliteratur? „Ich will kein Etikett aufgeklebt bekommen“, sagt Daniela Engist, „ernsthafte Literatur“ wolle sie machen. Mit Fragen, die jeden treffen können. „Es geht um ein grundsätzliches Dilemma: ob man gleichzeitig zu Hause und auf Reisen sein kann“, sagt Engist. „Wie weit man gehen kann“ sollte ihr Roman anfangs heißen. Er erzählt auch davon, was das Älterwerden mit einem selbst und der Fähigkeit sich zu verlieben gemacht hat: „Ich kann nicht anders als das Ende gleich mitzudenken“, sagt Anne einmal.

Mehr Fragen als Antworten

Es ist keine rasante Lovestory geworden, eher das Gegenteil, tastend, zweifelnd, aber auch hoffend, versucht Anne ihr Dilemma zu lösen. Zu den Wahrheiten des Lebens gehört, dass es oft mehr Fragen als Antworten enthält. Davon erzählt der Roman, dass kaum etwas einfach, klar, eindimensional ist, sondern voller Mehrdeutigkeit, Fragwürdigkeit, Selbstbetrug - im Leben, in der Liebe zumal, und darum auch in Literatur, die wahrhaftig sein will. „Die manipuliert sich ja selber“, sagt die Autorin über ihre Heldin, und dass das ernüchternde Ehemann-Porträt vielleicht gar nicht die Wahrheit ist: „In dem Moment darf Alexander ja nicht toll sein…“

In ihrem richtigen Leben als Autorin leidet Daniela Engist, wie so viele, unter der Isolation durch die Pandemie. Was ihr fehlt, ist der Kontakt zum Publikum, dass sie keine Lesungen hat derzeit. „Ehrlich gesagt, es ist richtig schlimm. Das ist es ja, was es eigentlich schön macht: Man trifft echte Menschen, die reagieren.“ Auch zur Leipziger Buchmesse, wenn sie stattgefunden hätte, wäre sie gern wieder gefahren. Immerhin steht noch ein Open Air im Sommer in ihrem Terminkalender.

Wenn die Lesung stattfinden kann, wird das Publikum hören, dass Daniela Engist in diesem Roman schöne, wahre Sätze über die Liebe gelungen sind: „Ich liebe Dich. Es ist ein Satz mit drei Unbekannten.“

Ich wollte über Gefühle schreiben, ohne Kitsch, ohne das lakonisch Abgeklärte.“

Daniela Engist, Roman-Autorin

Von Schwäbisch Gmünd nach Freiburg

„Lichte Horizonte“ ist erschienen in der Edition Klöpfer im Gröner Verlag Stuttgart (200 Seiten, 20 Euro). Es ist Daniela Engists zweiter Roman.

Daniela Engist (49) ist in Schwäbisch Gmünd aufgewachsen, nach dem Abitur hat sie in Freiburg studiert. Heute lebt sie dort als freie Schriftstellerin.

Ich kann nicht anders als das Ende gleich mitzudenken.“

Anne,, die Roman-Hauptfigur

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