Eine Straße, in der niemand wohnt

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Wenig beachtet, aber eigentlich ein Hingucker: Das Kanaldeckel-Unikat an der Einmündung in die Szekesfehervarer Straße in Bettringen.
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Die Szekesfehervarer Straße in Bettringen ist ein Zungenbrecher für die Gmünder.

Schwäbisch Gmünd. Das muss anstrengend sein, dort zu wohnen: Szekesfehervarer Straße. Kurz mal seine Adresse nennen: Ob das klappt mit der Straße, die nach der ungarischen Partnerstadt benannt ist? Doch da ist niemand in der Szekesfehervarer Straße, der von direkten Erfahrungen berichten kann: Es ist eine Straße ohne Bewohner.

Die Gmünder haben eine damit weise, recht bürgerfreundliche Lösung gewählt, als sie vor etwa 30 Jahren den Straßennamen vergeben haben. Zusammen mit den Namen der weiteren Gmünder Partnerstädte. „Nach dem Abzug der US-Armee waren auf dem Hardt vier unbenannte Straßen da – und Gmünd hatte damals vier Partnerstädte“, erzählt Dr. Reinhard Kuhnert, von 1987 bis 2016 Vorsitzender des Städtepartnerschaftsvereins. Sehr passend, da war man sich einig im Gemeinderat, erzählt Kuhnert: „Es war schnell gschwätzt.“ Weil Faenza, die fünfte Gmünder Partnerstadt, erst später dazukam, geht die italienische Stadt bis heute leer aus bei den Straßennamen: „Was wir nicht haben, ist eine Faentiner Straße oder ein Faentiner Platz“, sagt Lukas Amdeus Schachner, der heutige Vereinsvorsitzende. Zu klären war noch damals vor 30 Jahren die Frage, wie man die Straßen der Partnerstädte schreibt: Antibes-Straße? Oder Antiber Straße? Reinhard Kuhnert gehörte zu denen, die für die Anpassung an die im Deutschen übliche Namensgebung waren. „Weil es ja auch Stuttgarter Straße heißt.“ Kuhnerts Standpunkt setzte sich durch.

Szekesfehervar blieb so oder so eines der kompliziertesten Wörter im Gmünder Stadtleben. Da sind zum Beispiel die drei Akzente, deren genaue Aussprache den fünfsilbigen Namen knifflig machen (das e mit Akzent etwa wird heller ausgesprochen als eines ohne, das wie ein ä klingt), mehr noch aber zwei andere Laute, die aus deutscher Perspektive anders klingen als sie geschrieben sind: „Sz spricht man als s, und s als sch“, erklärt Kuhnert. Man merkt ihm jahrzehntelange Routine beim Erklären an. „In dieser Frage haben schon die Oberbürgermeister Schuster und Rembold bei mir Nachhilfe genommen“, erzählt der frühere PH-Professor.

Beim Straßenschild entschieden sich die Gmünder für Genauigkeit: Die Szekesfehervarer Straße wird wie im ungarischen mit seinen drei Akzenten geschrieben: Székesfehérvár. Auch auf dem Boden kann man es nachlesen: Kurz nach der Einmündung aus der Oberbettringer Straße ist ein Kanaldeckel-Unikat mitten in der Straße, auf dem das Stadtwappen und der Name der ungarischen Partnerstadt zu sehen sind.

Nicht weit weg vom Kanaldeckel, in einer der Querstraßen, steht eine Frau vor einem Haus. Sie wohnt hier, in der Barnsleyer Straße. Der Name mache im Alltag keine Probleme, erzählt sie. Aber in einer Situation stolpern sie und ihre Gesprächspartner doch über die Namensidee: „Wenn man jemandem erklären will, dass er an der Szekesfehervarer Straße einbiegen muss. um hierher zu kommen.“ Eine Adresse, an der sich Menschen aufhalten, gibt es in der rund 100 Meter langen Straße doch: Die Grundschule Hardt ist in der Szekesfehervarer Straße 12. „Aber das spielte im Schulalltag keine Rolle“, sagt Adelheid Kuhnert, die dort früher Lehrerin war.

Den Gedanken, die Partnerstadt mit einer Straße zu ehren, hatte man nicht nur in Gmünd. „In Szekesfehervar gibt es die 'Schwäbisch Gmünd utca', in Barnsley beim Busbahnhof den 'Schwäbisch Gmünd Way'“, erzählt Reinhard Kuhnert. Noch eine gesamteuropäische Idee haben die beiden mit der Szekesfehervarer Straße gemeinsam. Kuhnert: „Auch da gibt es keine Anwohner.“

Info: Die Städtepartnerschaft zwischen Gmünd und Szekesfehervar ist fast genau 30 Jahre alt, im Oktober 1991 war eine Gmünder Delegation in der ungarischen Stadt, wo Oberbürgermeister Wolfgang Schuster den Partnerschaftsvertrag im Rathaus unterzeichnet hat. Heute hat Gmünd fünf Partnerstädte: Barnsley (England, seit 1971), Antibes Juan-les-Pins (Frankreich, seit 1976),Bethlehem (USA, seit 1991), Szekesfehervar (Ungarn seit 1991) und Faenza (Italien, seit 2001).

Kanaldeckel Szekesfehervarer Straße GD

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