Erfahrungen eines Ehepaars mit türkischen Wurzeln: „Halt‘s Maul, Scheiß-Türke"

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Ignoriert am Telefon, weil sie einen türkischen Namen haben? Selda Isik mit ihrem Mann Mesut im eigenen Friseursalon.
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Ist es der Name, ist es der schwarze Bart? Wieso sich Mesut und Selda Isik, beide in Gmünd geboren, immer wieder in eine "Aha,-Ausländer-Schublade" gelegt fühlen.

Schwäbisch Gmünd

Er ist in Gmünd geboren, trinkt ab und an ein Weizenbier, sagt Woiza statt Weizen. Aber wenn Mesut Isik, der in der Gmünder Innenstadt wohnt, nachts um zwei ein paar Ruhestörer aus seinem Fenster zur Ordnung rufen will, dann zählt vor allem - sein schwarzer Bart. Mesut Isik erinnert sich noch genau an die Szene: „Das waren ein paar junge Kerle, die hatten ein Weizenglas auf den Boden geworfen.“ Als Isik sich beschwerte, kam als Antwort: „Halt‘s Maul, Scheiß-Türke, sonst kommen wir hoch.“

Wenn‘s ein Einzelfall wäre. Aber Mesut Isik und seine Frau Selda erleben immer wieder, dass sie wegen ihres Aussehens oder ihres Namens in die „Aha,-Ausländer-Schublade“ gelegt werden. Zum Beispiel beim Versuch, in Gmünd einen Kleingarten zu finden. „Wir haben vor allem wegen der Kinder einen gesucht“, erzählt Mesut Isik. Im Internet hat er gesehen, dass in einer Gmünder Kleingartenanlage drei Parzellen frei waren. Aber die vierköpfige Familie Isik hatte offenbar keine Chance. „Als der Vorsitzende uns gesehen hat, meinte er: Wir haben schon genug Ausländer hier.“ So berichtet das Mesut Isik, der von sich sagt, dass ihm das nichts ausmache. „Mich stört das nicht; wenn jemand sagt Scheiß-Türke, ich hör‘ das gar nicht.“ Aber: „Es ist wegen der Kinder“. Bei den Kleingärtnern sei sein achtjähriger Sohn dabei gewesen, „und er wollte natürlich wissen, warum das so ist“. Inzwischen habe er aufgegeben, sagt Isik. „Wir kriegen nirgendwo einen Garten.“

Man sollte keine Fragezeichen im Kopf haben."

Selda Isik, Gmünderin mit türkischen Wurzeln

Die Erlebnisse der Isiks illustrieren das Paradoxe in unserer Gesellschaft. Da ist eine Familie, deren Vater von sich sagt: „Wir funktionieren deutsch, wir fühlen so. Wenn wir in der Türkei sind, stelle ich fest: Ich könnte da gar nicht leben. Ich bin dankbar, in Gmünd zu leben.“ Isik ist seit vier Jahren Vereinsvorsitzender im türkischen Elternbeirat, eigentlich der ideale Mittler für türkischstämmige Gmünder, die noch nicht so weit sind mit der Integration. „Klar muss man sich anpassen, ich sage meinen Landsleuten: Integriert Euch.“ Und dann gibt es Erlebnisse, die wie Rückschläge wirken.

Für Selda und Mesut Isik zum Beispiel, wenn sie mit ihrem Dauerproblem zu tun haben: In der Gasse, in der die Isiks wohnen, sind oft Kneipengänger unterwegs, die mitten in der Nacht Lärm machen. „Es ist eine Mehrfamilienhaus, in dem insgesamt sieben Kinder wohnen“, sagt Isik. Seine Frau und er erzählen, dass sie schon öfter bei der Polizei angerufen haben. "Wir schauen danach“, sei eine Aussage gewesen, erinnert sich Selda Isik. Aber dann sei nichts passiert. Ein andermal, so erzählt Mesut Isik, habe er von der Gmünder Stadtverwaltung einen Rückruf versprochen bekommen - der nie kam. Selda Isik sagt, dass sie „ein Fragezeichen im Kopf“ habe, und der Text davor heißt: Liegt das jetzt an unserem Namen?

Im Mehrfamilienhaus der Isiks wohnen auch drei Familien mit deutschem Namen, da fragt Selda Isik schon mal ihre Nachbarn, ob sie nicht anrufen können - oder ob sie sich deren Namen „ausleihen“ darf für einen Anruf bei der Ordnungsbehörde. „Seit 60 Jahren sind Türken schon da, und wir müssen immer noch über so etwas reden“, sagt ihr Mann. Und er fügt hinzu: „Ich möchte gerne das Vertrauen in dieses Land haben, dass die Regeln für alle gelten.“ Selda Isik sagt es so: "Man sollte keine Fragezeichen im Kopf haben."

Ressentiments und Vorbehalte haben seit 2015, dem Jahr der Flüchtlingskrise, zugenommen, findet Selda Isik. Und ihr Mann sagt: „Nicht jeder mit einem Bart ist ein böser Mensch.“ Manchmal kommt Mesut Isik der Gedanke, das Amt als Vereinsvorsitzender aufzugeben, „wir kommen nicht vorwärts, man rudert umsonst“, sagt er. Eigentlich zitiert er viel lieber Atatürk, einst Begründer einer modernen, weltlichen Türkei: „Wir haben einen Nenner, und der ist: Mensch.“ Mesut Isik sagt weiter: „Ich will immer positiv denken; ich denke, dass wir gemeinsam etwas bewegen.“

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