Ernst Haug und das Moormartyrium: „Nur die Härtesten standen durch“

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Auszug aus dem Stadtarchiv
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Wie ein falscher Kuss ein jahrelanges Moormartyrium nach sich ziehen kann, zeigt der Lagerbericht von Ernst Haug.

Schwäbisch Gmünd

Wir sind die Moorsoldaten“ ist der Titel eines bedrückenden Liedes, das 1933 von Häftlingen des Konzentrationslagers Börgermoor im Emsland geschrieben wurde, einem KZ für verurteilte NS-Soldaten. Welche Hölle die Inhaftierten durchlebten, hat der Gmünder Ernst Haug in einem 40 Seiten langen, maschinengeschriebenen Bericht 1946 festgehalten. Von Dezember 1940 bis April 1945 war er in dem Lager Esterwegen interniert, „Hölle am Waldesrand“ nennt er den Unort, und musste als Häftling Nr. 1918/40 schwerste Arbeit verrichten – „nur die Härtesten standen durch“. Schlimmer als die äußerst harten Lebensbedingungen und die kargen Essensrationen war für Haug die brutale Behandlung – er spricht von „Menschenfolter … erdacht und ersonnen in teuflischen Hirnen“.

Schicksale im Südwesten

Erst kürzlich ist das Stadtarchiv auf den Zeitzeugenbericht Haugs aufmerksam geworden, der bei den Spruchkammerakten im Staatsarchiv Ludwigsburg archiviert ist. Allerdings über Umwege, denn der Fall hat Eingang gefunden in die Dokumentation „Der Liebe wegen“. Das vom Ministerium für Soziales und Integration geförderte Projekt hält das Schicksal von Menschen im Südwesten fest, die wegen ihrer Liebe und Sexualität ausgegrenzt und verfolgt wurden. Bei dem Projekt „Einhorn sucht Regenbogen. Queer in Schwäbisch Gmünd“ wurden die Gmünder auf den Fall aufmerksam.

Haug wurde 1940 wegen Vergehens gegen Paragraf 175 RStGB von einem Militärgericht verurteilt und ins Soldaten-KZ gebracht. Der Paragraf 175 existierte von 1872 bis zum 11. Juni 1994 und stellte sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe; 1935 verschärften ihn die Nazis, woraufhin nach Schätzungen 10 000 homosexuelle Männer in den NS-Konzentrationslagern inhaftiert wurden, mehr als die Hälfte überlebte die Lager nicht. „Wegen eines Kusses konnte man in den Knast kommen“, beschreibt Stadtarchivar Dr. Niklas Konzen, wie rigide der NS-Staat gegen jeden Anflug von Homoerotik vorging.

1939 wurde Haug zur Wehrmacht eingezogen. Er war Angestellter der Gmünder Stadtwerke und galt als überzeugter Nationalsozialist, der mehrere Parteiämter in der Gmünder NSDAP innehatte, zuletzt war er Kreishauptstellenleiter. Haug war verheiratet und hatte eine Tochter. Was vorgefallen war und wie es zur Verurteilung kam, ist nicht in den Quellen festgehalten. Auch er selbst geht nicht auf den genaueren Grund seiner Inhaftierung ein. Er schreibt lediglich: „Am 5. Okt. 1940 wurde ich in Frankreich festgenommen und vom Feldgericht der 198. Inf. Div. verurteilt. Ich wurde daraufhin aus der Partei ausgestoßen, ebenso aus ihren Organisationen und auch als Städt. Angestellter entlassen.“ Auch die Ehe wurde in den Jahren der Haft geschieden.

Gewisser Opportunismus

Für Niklas Konzen ist Haug eine zwiespältige Persönlichkeit. Mit einem gewissen Opportunismus sei er 1933 in die Partei eingetreten und habe 1937 eine höhere Besoldung gefordert, was ihm als NSDAP-Mitglied gewährt wurde. Inwieweit er Täter und/oder Opfer ist, sei bei ihm eine ambivalente Sache. Was den Fall besonders tragisch macht: Haug überlebte das Soldaten-KZ, kam aber nach dem Krieg in britische Gefangenschaft und wurde wieder in Esterwegen interniert. „Es war einer meiner schwersten Augenblicke in meinem Leben … wieder im Moor an seiner schwersten Stelle.“

Die Behandlung durch die Alliierten sei nun eine völlig tadelfrei gewesen, fährt er fort. Unerträglich jedoch das zuvor Erlebte: „Die Hiebe, die Strafen, der Hunger, die Wehrlosigkeit, der moralische Druck, die Elendsmärsche, alles musste hingenommen werden.“ Von der NS-Ideologie ist in seinem Bericht nichts mehr zu spüren, er wendet sie im Gegenteil gegen die Peiniger, die er „Untermenschen“ nennt. Sprachlich ist der Bericht eine Wucht –Haug beschreibt minutiös das „Moormartyrium“, das er als „bar jeder Menschlichkeit, fern jeder Menschenwürde“ erlebt hat.

Rückkehr nach Gmünd

Trotz des eigenen Leids erkennt der Internierte, dass es eine Steigerung gab: die Judenvernichtungslager im Osten. Was im Osten geschah, ist bis in die Lager im Moor vorgedrungen. Wie Haug die fabrikmäßige Vernichtung beschreibt, macht schaudern: „In diesen Lagern tötet man nicht im Affekt. Auch nicht um zu vergelten, und nicht einmal aus Hass. Man führt eine Anweisung durch, bedient sich der Methoden der Modernen Organisation. Man vernichtet Menschenleben, wie man Rüben aus dem Boden reißt. Wieviele Äcker so bereinigt werden, das ist diesen Menschenmaschinen gleich.“

1946 kann Ernst Haug nach Gmünd zurückkehren; seine Heimatstadt findet er unbeschädigt vor, er selbst ist eine „menschliche Ruine“: „Mein Leben unter ihrer [der Nazis] Knute war verwirkt“. Laut Spruchkammerakte wird er als Belasteter eingestuft und zu eineinhalb Jahren Sonderarbeiten herangezogen. 1961 stirbt er 46-jährig in seiner Heimatstadt. Seine letzten Lebensjahre liegen im Dunkeln.

Der Lagerbericht von Ernst Haug ist im Internet unter www.der-liebe-wegen.org/1933-1945/ abrufbar.

Die Serie: Verborgene Schätze im Stadtarchiv

2. August, die GT-Serie zum Stadtarchiv vorgestellt.9. August: Kommunisten in Gmünd in der Kriegszwischenzeit16. August: Überzeugter Nazi und homosexuell – der tragische Fall Ernst Haug23. August: „The kiss I never got“ – US-Soldaten schreiben sich in Kläre Dangelmaiers Freundschaftsbuch.30. August: Zwangssterilisierungen im städtischen Krankenhaus 1934 - 19456. September: Die Sittenpolizei ahndet: Prostitution im 19. Jahrhundert.

Auszug aus dem Stadtarchiv
Auszug aus dem Stadtarchiv
Auszug aus dem Stadtarchiv

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