Ex-Botschafter: Der Westen muss sich auf eine Zeit des Gegeneinanders einstellen

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Der frühere deutsche Botschafter in Russland, Rüdiger von Fritsch, sprach bei der Passionsandacht der Evangelischen Kirchengemeinde. ÌFoto: Hientzsch
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Der frühere deutsche Botschafter in Russland, Rüdiger von Fritsch, sprach in der Passionsandacht in der Augustinuskirche.

Schwäbisch Gmünd

Das Schreckliche, das derzeit in der Ukraine geschieht, ist nicht Russlands Krieg. Es ist Wladimir Putins Krieg. Aber „auch Wladimir Putin wird nicht das letzte Wort haben“. Diese Überzeugung vertrat Rüdiger von Fritsch am Donnerstagabend in der Passionsandacht der Evangelischen Kirchengemeinde in der Augustinuskirche. „In meiner Gemeinde“, wie der gläubige Protestant anmerkte.

Als ehemaliger deutscher Botschafter in Russland berichtete er über diesen Krieg. Der sei „im Kern das Wüten eines Mannes“, der die Wirklichkeit in den vergangenen Jahren immer verzerrter wahrgenommen habe. Putin regiere sein Land mit Unterdrückung und Käuflichkeit. Zehntausende seien inzwischen auch aus Russland geflüchtet, die ersten Oppositionellen in Haft, die Versorgung breche zusammen. Der Westen müsse alles tun, um Russland an dessen Grenzen zu bringen. Er werde sich dabei auf eine Zeit des Gegeneinanders einstellen müssen, ist von Fritsch überzeugt. Und er werde auf eine Zeit danach setzen müssen.

Rüdiger von Fritsch berichtete von Nachrichten, die er und seine Frau von Bekannten aus Russland bekommen haben. Zum Beispiel von einem befreundeten Erzbischof, der immer stärker unter Druck gesetzt worden sei, um die offizielle Moskauer Staatspolitik zu unterstützen. Er habe das Land inzwischen verlassen müssen. Es sei jedoch ermutigend zu sehen, dass längst nicht alle Menschen in Russland mit diesem Krieg einverstanden sind. Er und seine Frau liebten dieses große und schöne Land und dessen Menschen nach wie vor. „Es ist nicht ihr Krieg“.

Dekanin Ursula Richter hatte von Fritsch als Diplomaten begrüßt, als einen, der der mit Worten, Respekt und Kenntnis Brücken baue und unermüdlich um Frieden und Verständigung ringe. Das sei auch notwendig. „Wir stehen an einer Wende“, sagte Richter in ihrer Predigt. Krankheit, Schmerzen. Missetat, Sünde.

Sorge, vergessen zu werden

Das Drama der Menschheit geschehe in diesen Tagen vor aller Augen: Putins Krieg gegen die Ukraine und die Demokratie. Die Folgen seien überall auf der Welt zu spüren und doch noch nicht abzusehen. Es seien aber auch die Folgen unseres Lebensstils und Handelns, die die Passionszeit 2022 aufzeigt. Das Drama der Menschheit seien auch Machtwahn, nicht genug Haben, Egoismus, Zwang zum Siegen, seien Verschwörungserzählungen, Ideologien und Lügen.

Trotz der großen Not der Menschen in der Ukraine und der Geflüchteten war das Opfer der Andacht nicht der Hilfe für diese Menschen zugedacht. Es fließt wie bei allen Passionsandachten der Evangelischen Kirchengemeinde der Armenienhilfe, der Suppenküche und Kindern in Not zu. Denn von dort, so Ursula Richter, kommen ebenfalls Hilferufe und „die Sorge, neben den großen Konflikten dieser Welt vergessen zu werden.“.

Die Fürbitten von Kirchengemeinderat Uli Mugele galten denn auch „den Menschen, die weltweit durch Krieg, Verfolgung und Vertreibung bedroht sind und tagtäglich ums Überleben kämpfen“; in Syrien, Somalia, Afghanistan, Nigeria, Mali, Myanmar, im Jemen und Südsudan oder auf den Philippinen - und natürlich auch den Menschen in der Ukraine. Musikalisch umrahmt wurde der Gottesdienst vom Pianisten Michael Nuber, der Werke von Komponisten aus dem Gebiet der heutigen Ukraine spielte.

Im Kern das Wüten eines Mannes.

Rüdiger von Fritsch, über den Krieg in der Ukraine

Von Gmünd über Nairobi und Moskau nach Gmünd

  • Rüdiger von Fritsch, Jahrgang 1953, kam 1966 nach Gmünd und besuchte hier bis 1969 das Parler-Gymnasium. „In der Augustinuskirche wurden Sie konfirmiert, 4 Ihrer 5 Kinder wurden hier getauft“, erinnerte Dekanin Ursula Richter. 1984 trat Fritsch in den Auswärtigen Dienst der Bundesrepublik ein. Stationen seiner diplomatischen Laufbahn waren Nairobi, Bonn, Brüssel, Berlin, Warschau und zuletzt von 2014 bis 2019 Moskau. Unter anderem war er auch drei Jahre lang Vizepräsident des Bundesnachrichtendienstes. Seit seinem Ruhestand 2019 leben er und seine Frau Huberta wieder in Gmünd und sind Mitglieder der Evangelischen Kirchengemeinde.

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