Führerschein mit 65 abgeben: „sicherer und gesünder“ unterwegs

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Heidi Kissling mit ihrem kostenlosen Jahreststicket. Weil sie schon immer lieber Bus oder Rad fährt, fiel ihr die Abgabe ihres Führerscheins leicht.
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Den Führerschein abgeben und dafür ein Jahr kostenlos mit Bus und Bahn fahren – das Land und Ostalbmobil machen es Senioren schmackhaft.

Schwäbisch Gmünd

Den Führerschein abgeben, mit 65? Heidi Kissling musste nicht lange überlegen, als sie von dem Angebot von Ostalbmobil hörte: Mitte Februar gab die Bettringerin ihre Fahrerlaubnis bei der zuständigen Gmünder Behörde ab und kann nun ein Jahr kostenlos im Ostalbkreis Busse und Bahn nutzen. Finanziert wird das Ticket im Wert von 153  Euro im Monat zur Hälfte vom Land und vom hiesigen Fahrverbund.

Weil sie schon immer lieber mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs ist, so Kissling, sei ihr die Abgabe leichtgefallen. In jüngeren Jahren hatte die sportliche Seniorin zwar ein Auto und brauchte es eine Zeit lang auch beruflich, als sie in Einrichtungen der Behinderten- und Kinder- und Jugendhilfe arbeitete. Doch privat legte sie Wert auf Bewegung – die Alternativen zum Auto hält sie für wesentlich gesünder. So reduzierte sich die private Autonutzung immer mehr, was zur Folge hatte, dass sie sich beim Fahren zunehmend unsicher fühlte, zumal der Verkehr von Jahr zu Jahr zunimmt.

Als mit 45 ein Umzug anstand, suchte Heidi Kissling eine Wohnung mit guter Busanbindung, die sie in Unterbettringen fand. Ein eigenes Auto war nun nicht mehr nötig. Lieber etwas weniger arbeiten und dafür mehr Freizeit, lautet ihre Devise. Ein Kleinwagen koste im Monat, alles eingerechnet, immerhin 300 Euro.

Ein Verzicht sei das Leben ohne eigenes Auto für sie nicht. Das verdanke sie ihrem Freundeskreis, der sie gerne zu Ausflügen in die weitere Umgebung mitnimmt. Und wenn sie doch mal etwas Größeres zu transportieren hat, findet sich ebenfalls jemand, der ihr hilft oder sie beim Großeinkauf unterstützt. Sollte eine Krankenfahrt anstehen, könne sie auf den Elisabethenverein zurückgreifen oder auch mal ein Taxi nehmen, was finanziell völlig im Rahmen ist ohne die „Eh-da-Kosten“, die ein eigenes Auto verursacht.

Auch in Urlaub fährt die unternehmungslustige Frau lieber mit dem Zug, in Fahrgemeinschaften oder auch mal mit dem Fernbus. Mit Bus und Bahn zu reisen, habe sie schon immer als viel angenehmer empfunden – man könne die Landschaft genießen, und die lästige Parkplatzsuche entfalle. Gut findet sie, dass der Deutsche Alpenverein, in dem sie aktiv ist, mittlerweile darauf achtet, dass die Mitglieder bei Ausflügen und Wandertouren mit den Öffis klimaneutraler anreisen können; „Öffis“, so wird der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) bei den DAVlern und vielen jungen Menschen gerne genannt.

Nicht autoaffin zu sein, habe zunächst nichts mit dem Umweltgedanken zu tun gehabt, berichtet Heidi Kissling. Erst im Laufe der Jahre sei bei ihr das Bewusstsein entstanden, dass der Individualverkehr in vielerlei Hinsicht ein Problem ist: Sie nennt Bewegungsmangel, Ressourcenverbrauch und eingeschränkte Lebensqualität durch den immer weiter zunehmenden Verkehr – Gründe, die es ihr leicht gemacht haben, den Führerschein abzugeben. Sollte sie irgendwann wieder fahren wollen oder müssen, würde sie den Führerschein wieder neu machen. Dies hätte sie auch gemacht, wenn sie die Fahrerlaubnis nicht abgegeben hätte, weil sie auf keinen Fall zur Gefahr für andere werden will.

Sicher mobil sein ohne Auto

Seit 2016 bietet Ostalbmobil Senioren ab 65 die Möglichkeit, bei einem freiwilligen Verzicht auf den Führerschein kostenlos Bus und Bahn zu nutzen. Mit der Aktion soll mehr Verkehrssicherheit geschaffen werden, erklärt Paul-Gerhard Maier, Geschäftsführer von Ostalbmobil. Von 2016 bis zum November 2021 haben 88 Senioren ihren Führerschein abgegeben und konnten zwei Monate kostenlos den öffentlichen Personennahverkehr im Kreis nutzen, die Tendenz war von Jahr zu Jahr rückläufig. Seit Dezember 2021 unterstützt das Land die Aktion; das Angebot gilt nun für ein Jahr und endet am 31. August 2022. Dass es nun sehr viel attraktiver sei, habe die Nachfrage kräftig angekurbelt, berichtet Paul-Gerhard Maier: Allein im ersten Quartal (bis Februar) wurden 44 Führerscheine abgegeben. Im Durchschnitt seien die Senioren gute 80 Jahre alt.

Die Rückgabe des Führerscheins erfolgt direkt bei den Fahrerlaubnisbehörden des Ostalbkreises in Aalen oder Schwäbisch Gmünd. Dort erhält man im Gegenzug eine offizielle Bescheinigung, mit der dann bei einer der Servicestellen von Ostalbmobil in Aalen, Ellwangen oder Schwäbisch Gmünd das Abo beantragt werden kann.

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