Für viele Menschen wird das Frühstück zum Vollstress

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Die Stationen am Demenzsimulator des Gmünder DRK-Kreisverbands im Prediger-Innenhof fanden großes Interesse. Foto: Tom
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Starkes Interesse beim Demenzsimulator des Gmünder DRK-Kreisverbands. Ein Mann berichtet über sein Problem, sich an Namen zu erinnern.

Schwäbisch Gmünd

Ein Frühstück zubereiten mit einer Tasse löslichem Kaffee, einem Brötchen mit Butter und Käse, und natürlich den Tisch dazu decken: ein Vorgang, den zahlreiche Menschen so oder ähnlich jeden Morgen erledigen.  Doch für Menschen mit einer Gedächtnisstörung ist schon dieser Start in den Tag eine Herausforderung.   Und es ist nicht die erste  des Tages. Beim Zähneputzen  ist es für Menschen mit Demenz nicht selbstverständlich, die dafür nötigen Einzelaktionen in die richtige Reihenfolge zu bringen.  Wie es ist, solche scheinbar einfachen Situationen des Alltags nur schwer zu meistern, konnten Interessierte am Montag im Prediger-Innenhof ausprobieren,  wo die Demenzberatung des  Gmünder DRK-Kreisverbands  anbot, an einem Demenzsimulator zu erfahren, wie der Tag für einen Demenzkranken aussieht. Es ging darum, zum Beispiel eine Schürze anzuziehen oder  ein Spielzeugauto zu bewegen - wobei der „Stadtplan“ nur durch einen Spiegel zu sehen war. Übrigens: Das beschriebene Frühstück zuzubereiten und aufzutischen, erfordert 42 Einzelaktionen.

Die vielen Handlungen des Tages, die für Menschen ohne Gedächtnisprobleme  wie automatisch ablaufen, bringen demenzkranke Menschen in  Stress, sagt Anna Ring von der DRK-Demenzberatung - und zwar jeder einzelne Teil des Gesamtablaufs. An welcher Stelle  des Zähneputzens muss die Zahncreme auf die Bürste?  „Sie vergessen die Reihenfolge der Einzelhandlungen“, beschreibt die Diplom-Sozialpädagogin das Problem.  Und es sei auch kein Problem Einzelner. Schließlich entwickle jeder Mensch schon ab dem frühen Erwachsensein eine Kurzzeitgedächtnisschwäche. Deshalb sei es  auch nicht besorgniserregend, wenn jemand mal vergessen hat, wo er oder sie den Schlüssel hingelegt hat. Wenn der Schlüssel jedoch öfter fehlt,  wenn jemand den Namen von Menschen, die er eigentlich kennen müsste, nicht mehr weiß, wenn  sie oder er  während des Sprechens eines Satzes oft den Faden verliert,  wenn jemand Schwierigkeiten hat, sich in vertrauter Umgebung zurechtzufinden oder sich an kurz zurückliegende Ereignisse zu erinnern - dann wäre es angezeigt, darüber zum Beispiel mal mit dem Hausarzt zu sprechen oder  sich bei der Demenzberatung des Roten Kreuzes zu melden,  meinen Anna Ring und ihre Kollegin Carina Mayer, die Ansprechpartnerinnen der DRK-Demenzberatung.  Immerhin gebe es über 100 verschiedene Formen von Demenz, von denen Alzheimer nur die bekannteste sei. Rund 1,6 Millionen Demenzfälle seien in Deutschland erfasst. 

Auch Stammtisch hilft

Dabei vermeiden es viele möglicherweise Betroffene, über ihr Problem zu reden. Sie schränkten deshalb häufig ihre sozialen Kontakte ein, berichtet Anna Ring. Oft kämen auch Angehörige in die DRK-Beratung, um zu fragen, ob das Verhalten  ihnen nahestehender Menschen mit Demenz zusammenhängen könnte.  Trifft es zu, könnten Medikamente den geistigen Verfall zumindest verlangsamen,  wissen Ring und Meyer.  Beheben könnten sie ihn nicht mehr, zudem seien mögliche Nebenwirkungen  zu bedenken. 

Es gebe  jedoch auch Wege, dem Verfall vorzubeugen: körperlich und geistig beweglich bleiben, sagt Anna Ring.  Da helfe der Sport oder Spaziergang ebenso wie das Kreuzworträtsel. Tanzen  sei eine gute Möglichkeit. „Es kann auch der Stammtisch sein“.  Gerade des Aufrechterhalten sozialer Kontakte sei wichtig.   „Man darf die Lebenslust nicht ad acta legen“,  sagt Ring. 

Der Demenzsimulator, den das DRK an diesem Nachmittag im Prediger-Innenhof angeboten hatte, ist keine Möglichkeit, mögliche Gedächtnisprobleme zu diagnostizieren. Aber die Teilnehmer konnten damit erfahren, wie sich der Alltag mit dementiellen Beeinträchtigungen „anfühlt“. Anna Ring war erstaunt über das große Interesse, fast immer waren die meisten Stationen des Simulators belegt.

Zum Beispiel von Alfred M. (Name von der Redaktion geändert). Der Senior hat an sich selbst beobachtet, dass ihm Namen öfter nicht mehr einfallen. Sein Leben lang habe er im Beruf unter Stress gearbeitet, erzählt er, er durfte nie was vergessen. „Und jetzt das.“ Zunächst habe er Treffen vermieden, um die Situation zu umgehen. Inzwischen spreche er die Leute an und frage eben nach deren Namen. M. erinnert sich an seinen Großvater, der im Alter immer verkehrt herum ins Auto eingestiegen ist. Damals, sagt er, hätten die Verwandten den Kopf darüber geschüttelt und den Großvater gefragt, ob er wirklich noch Auto fahren will.

Auch aufgrund dieser Erfahrung hat er Anna Ring angesprochen und von ihr den Hinweis bekommen auf eine Gesprächsgruppe von Leuten mit ähnlichen Erfahrungen. M. ist entschlossen, dieses Angebot zu nutzen. Aufgrund seines bisherigen Informationsstands über Demenz sagt er aber auch: „Wenn es in diese Richtung weitergeht, dann fürchte ich mich davor.“

Vergesslich, verändert? Hier gibt's Beratung

Die Demenzberatung des Gmünder Kreisverbands des Deutschen Roten Kreuzes ist so erreichbar: Telefon 07171-350684; Fax 07171-350682; Mail demenzberatung@drk-gd.de; Internet www.drk-gd.de.

Die Ansprechpartnerinnen sind die Diplom-Sozialpädagoginnen Anna Ring (Case-Managerin DGCC) und Carina Meyer (systemische Einzelberaterin).

Die Beratungen sind neutral, kostenfrei und vertraulich. Auf Wunsch können die Beratungen auch bei den Anfragenden zu Hause stattfinden. Das Angebot gilt auch für Bezugspersonen möglicherweise Erkrankter.

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