Gegen Gläubige zweiter Klasse

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Das Thema "Ehe für alle" beschäftigt die Kirche.
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Diskutierende sehen in der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare eine Benachteiligung gegenüber der Trauung. Vorbereitung für eine Entscheidung im Kirchengemeinderat.

Schwäbisch Gmünd

Kein Streitgespräch, keine kontroverse Diskussion, vielmehr Einigkeit und Hoffnung auf eine „offene“ Kirche: Das erlebten Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Gesprächsabends der Evangelischen Kirchengemeinde Schwäbisch Gmünd zum Thema „Segnung gleichgeschlechtlicher Paare“ im Gemeindezentrum „Arche“. 

Dekanin Ursula Richter erläuterte den Hintergrund der Veranstaltung: Nach ausgiebigen Diskussionen habe man sich in der Synode der evangelischen Landeskirche „auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt“.   Der soll es nun Gemeinden erlauben,  einen öffentlichen Segnungsgottesdienst für gleichgeschlechtliche Paare   einzuführen. Dazu gibt es Vorgaben: 75 Prozent der Kirchengemeinderätinnen und -räte sowie die Mehrheit der Pfarrerinnen und Pfarrer müssen zustimmen.  Sie alle seien wohl mehrheitlich für die Einführung dieses Gottesdienstes.

Eine offizielle Abstimmung folge in der nächsten Kirchengemeinderatssitzung. Die Landeskirche möchte das zunächst einem Viertel der 1300 Kirchengemeinden möglich machen. Gmünd habe sich sofort gemeldet.

Eine Provokation?

In diesem Zusammenhang sei schon das Wort Segnung an sich eine Provokation, weil zweitklassig und nicht auf einer Ebene mit der „erstklassigen“ Trauung, meinte eine Besucherin in  der Diskussionsrunde. Es sei nicht nachvollziehbar, dass Homosexualität immer noch als „Verirrung“ angesehen werde, nicht als Lebensform. Ein Gemeindemitglied sieht in der Vorgabe eine Blamage für die  Landeskirche, die nicht in der Lage sei, eine zeitgemäße Entscheidung zu treffen. Andere Landeskirchen seien da schon ein Stück weiter. Gezweifelt wurde auch an der Logik, die Segnung erst einmal einem Viertel der Kirchengemeinden zu ermöglichen.

Was die Bibel mit solchen Beschlüssen zu tun hat, darüber informierte Pfarrerin Maike Ulrich. Natürlich gebe es Stellen, an denen vor allem Paulus die gleichgeschlechtliche Verbindung ausschließe. „Wir nehmen die Bibel ernst, aber nicht wörtlich, wir deuten sie“, sagt die Pfarrerin. Es gebe in der Bibel auch andere Aussagen, die nicht wörtlich umgesetzt würden. So erlaube die Schrift zum Beispiel keine Priestergewänder aus Mischgewebe. Und niemand mache sich darüber heute Gedanken.

Im Grunde gehe es um das Ja zum Leben, zu Kindern.  Und wie müsste man dann das Leben von Priestern im Zölibat bewerten, das Leben von gemischtgeschlechtlichen Paaren, die Kinder ablehnten?

Wo bleibt die Lebensfreude?

Betroffen machte die Schilderung Maike Ulrichs über einen der Kirche nahe stehenden Mann und dessen leidvolle Erfahrungen in Kirche und Gesellschaft. Er habe einen Prädikantenkurs besucht, dort sei ihm vorgeworfen worden, „zu weiblich zu predigen“ - was ja doppelt sexistisch sei. Ohne sachliche Begründung sei ihm der Abschluss verwehrt, später in einem - jederzeit widerrufbaren - „Gnadenakt“ ermöglicht worden. 

Gemeindemitglieder sehen in der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare den Versuch, Gläubige in zwei Klassen einzuteilen. Und während bei Segnungsgottesdiensten die Kirchenglocken stumm blieben, werde bei Trauungen fröhlich geläutet. Auch komme, so merkte Maike Ulrich an, in Segnungsfeiern immer wieder das Wort „Gefahr“ in den Wortbeiträgen vor. Dabei sollten Liebe und Lebensfreude im Vordergrund stehen.  Dekanin Ursula Richter hofft auf Erkenntnisse in der Kirche, die nicht  auf einer engen Auslegung der Schrift und der Worte Paulus‘ beruhen, sondern die Naturwissenschaft mit einbeziehen. Sie hoffe, so eine Besucherin, auf eine „offene“ Kirche, in der Homosexualität einfach als normal angesehen werde.

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