Geretteter Stein der Nürnberger Synagoge

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Die Ornamente des Schlusssteins sind noch gut erhalten.
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In Schwäbisch Gmünd hat er acht Jahrzehnte überdauert. Jetzt ist das geschichtliche Zeugnis zurück am Ursprungsort.

Schwäbisch Gmünd

Für die Israelitische Kultusgemeinde Nürnberg ist das ein ganz besonderes Ereignis: Nach mehr als 80 Jahren kehrt der reichlich mit Ornamenten verzierte Schlussstein einer Säule der 1938 zerstörten Synagoge zurück in die Stadt in Franken. Überdauert hat dieses mehrere hundert Kilogramm schwere Erinnerungsstück in Schwäbisch Gmünd.

Auslöser für die fast spektakuläre Wiederentdeckung ist das Projekt „Wohnen in den Fehrlegärten“. Zwischen dem Wohnhaus und dem ehemaligen Betriebsgebäude der Gärtnerei lag der Stein Jahrzehnte lang, seine Herkunft ist drei Generationen später zunächst kein Thema. Jetzt aber galt es, den Stein zu sichern. Und da kommt Wilke Hokema – er wohnt seit vielen Jahren im elterlichen Haus - ins Spiel. Auch wenn der Stein nie besonders im Mittelpunkt stand, Erinnerungen sind geblieben. Etwa an die Zeit, als die Gärtnerei Fehrle noch am Bahnhof war, etwa dort, wo heute das Fehrle-Parkhaus steht. „Als Kinder sind wir auf solchen Steinen rumgeturnt“, erinnert er sich. Das schwere Objekt wurde beim Umzug in die Schwerzerallee mitgenommen, hatte auch dort seinen Platz.

Jetzt aber wollte Wilke Hokema die Geschichte dieses Steins erforschen, der Herkunft genauer auf die Spur kommen. In der Familie bekannt war, dass der Stein aus Nürnberg stammen musste und wohl 1938 nach Schwäbisch Gmünd kam. Wilke Hokema kennt zwei Versionen, wie es dazu gekommen sein könnte. Großvater Alfred Fehrle lieferte oft persönlich Stauden und Gehölze im süddeutschen Raum aus. Kunden gab es wohl auch in Nürnberg. „Alfred Fehrle war als sehr Stein-affin bekannt“, erinnert sich Enkel Wilke Hokema. Es sei durchaus logisch, dass ihm dieser Stein gefallen habe, dass er ihn auf der Rückfahrt habe mitnehmen können. Eine Übernahme „aus ästhetischen Gründen“. Aufzeichnungen darüber gibt es nicht. Eine andere Version geht davon aus, dass der Adressat des Steines Jakob Wilhelm Fehrle gewesen sein könnte, den er erhalten habe, „um daraus ein Kunstwerk zu schaffen“. Dazu ist es nicht gekommen, vielleicht auch, weil ihm das Material Muschelkalk nicht zugesagt hat.

Inzwischen war aber klar, dass der Stein aus der ehemaligen Synagoge Nürnberg stammen musste. Wilke Hokema nahm Kontakt auf, sendete Fotos dieses Objekts nach Nürnberg und weckte Interesse. André Freud, Geschäftsführer der israelitische Kultusgemeinde Nürnberg, kam persönlich nach Schwäbisch Gmünd und konnte das Objekt eindeutig identifizieren. Es sei vermutlich der einzig übrig gebliebene Stein aus der Synagoge, die 1874 nach Plänen von Adolf Wolff errichtet wurde.

Dass sie schon Wochen vor der Reichskristallnacht abgebrochen wurde, lag auch am besonders linientreuen Gauleiter Julius Streicher, der schon im August 1938 den Abbruch der Synagoge anordnete. Seine Begründung war, „dass der Bau das schöne deutsche Stadtbild empfindlich stört“, wie in Aufzeichnungen zu lesen ist. Über das Erinnerungsstück aus Schwäbisch Gmünd ist man in Nürnberg besonders dankbar. André Freud habe signalisiert, dass alles, was aus der Vorkriegszeit noch da ist, in einen Schrank passe.

Wilke Hokema brachte vor Monaten dieses Erinnerungsstück an die Synagoge persönlich zu einem Restaurator nach Nürnberg. Nun sollte der Stein eigentlich am Sonntag, 7. August, Gedenktag der Tempelzerstörung in Jerusalem, offiziell wieder aufgestellt werden. Wegen einer Erkrankung des Geschäftsführers wurde der Termin aber verschoben. Hokema möchte bei der Feierstunde „auf jeden Fall dabei sein“ und wartet nun auf den neuen Termin.

Der Stein aus der 1938 zerstörten Nürnberger Synagoge kehrt zurück. Von Schwäbisch Gmünd aus geht es direkt zu einem Restaurator in der Franken-Metropole. Fotos: privat

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