Geringere Umsätze, weniger Kunden, mehr Schimpfwörter

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Wegen der Corona-Verordnung dürfen sich aktuell nur wenige Kunden gleichzeitig in den Räumlichkeiten des Gmünder Tafelladens aufhalten. Mit ein Grund, warum in den vergangenen Monaten die Umsätze zurückgegangen sind.
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Welche Folgen die Corona-Pandemie für den Gmünder Tafelladen hat und was sich die Verantwortlichen für das Jahr 2022 wünschen.

Schwäbisch Gmünd

Morgens zwischen 9 und 10 Uhr herrscht Hochbetrieb im Lager des Tafelladens. Da werden die Ladungen aus den 38 Läden sortiert, die die drei "Tafel"-Fahrer eingesammelt haben. Eine verantwortungsvolle Aufgabe, denn anders als im normalen Supermarkt sind diese Waren dort "übrig" geblieben. Das heißt, ein Apfel in einem Plastiksack zeigt eine braune Stelle, alle anderen sind noch tadellos in Form. Also ausgepackt, das schadhafte Obst aussortiert, die anderen kommen in die Verkaufskiste. Oder eine Palette Joghurt kurz vor dem Ablaufdatum. "Da wird ein Joghurt geöffnet, probiert, dokumentiert. Wenn alles stimmt, darf die Charge ins Kühlregal", sagt Steffen Witzke, der seit 13 Jahren die Schwäbisch Gmünder Tafel GEBIB GmbH leitet.

Das Tafel-Team ist gut aufeinander eingespielt, die Arbeiten werden zügig erledigt. Draußen warten derweil schon die ersten Kunden, um sich aus dem Angebot aussuchen zu können, was sie brauchen. Hier gibt es keine vorgepackten Tüten, hier nimmt man selbst, was man braucht. So wie im normalen Supermarkt.

Das stimmt nicht ganz, denn nicht immer ist von allem etwas da. "Aber unsere Kunden sind einsichtig, dass nicht jeder Wunsch erfüllt werden kann", so Witzke. Und Einkaufen dürfen nur diejenigen, die einen Berechtigungsschein haben. Das gilt auch für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Ladens. Das sind sieben Festangestellte, sieben Ein-Euro-Jobber und bis zu acht Sozialstundenleistende, "die schwitzen statt sitzen".

Nicht immer sind letztere ins Team zu integrieren. Aber hier gilt die Devise entweder durchziehen oder raus. Solche sind aber, wie der Geschäftsführer sagt, die Minderheit, Viele, die hier ihre "Strafe" abgearbeitet haben, kommen als Ehrenamtliche wieder zurück und ergänzen einen Mann und fünf Frauen, die kontinuierlich ehrenamtlich mitarbeiten.

Steffen Witzke arbeitete vor seinem Einstieg im Tafelladen in der Industrie und als stellvertretender Filialleiter eines Elektronikladens. Als er von der offenen Stelle im Tafelladen hörte, war er gleich interessiert und hat den Wechsel bis heute nicht bereut, obwohl: "Das Dankeschön der Kunden ist seltener geworden", dafür reichlich Schimpfwörter verbal und in schriftlicher Form. Er habe seinem Team erklärt: "Nicht zurückschimpfen, keine Diskussionen!" Die Mannschaft sei enger zusammengerückt: "Das schweißt uns zusammen!"

Die Umsätze lassen derzeit nach, das macht Witzke Sorgen, denn der Tafelladen trägt sich selbst. Die laufenden Kosten und die GOA-Gebühren müssen gezahlt werden, denn das Kontingent für freie Abfuhr reicht nur bis März eines Jahres. Auch das Klima im Laden hat sich verändert. Waren vor Corona noch persönliche Gespräche mit der Kundschaft möglich, läuft es jetzt eher wie am "Fließband". An der Kasse wird manchmal noch Privates besprochen. Dort sitzt Nuraan Kizilay, Witzkes verlässliche Stellvertreterin. "Es fehlen 50 Prozent der Kunden, die früher kamen." Aus Angst vor Corona vermutet Witzke, aber auch wegen der Wartezeiten vor der Tür. Nach den Corona-Regeln darf nur noch eine kleine Anzahl Kunden auf einmal im Laden sein. "Das ist bei den aktuellen Temperaturen für viele nicht auszuhalten", so Witzke. Er und Kizilay sind besorgt, denn vor Corona wurde nicht nur eingekauft, sondern auch um Rat gefragt bei Anträgen, bei persönlichen Problemen. Etwas, was für Witzke mit dazu gehört. Die persönliche Begegnung mache für viele seiner Kunden den "grauen" Tag heller und Mut.

"Können nicht arrogant sein"

Auch für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist die Arbeit im Tafelladen der Anstoß, aufzustehen, sich als aktiver Teil der Gesellschaft zu fühlen. Ein Grund, der viele ehemalige Sozialstundenableister wieder zum Arbeiten ins Team bringt. "Ich nehme jeden, der mitarbeiten will. Ich nehme alles, was man mir anbietet. Als Tafel kann man nicht arrogantsein." Wenn Spenden angeboten werden, die nicht ins Sortiment passen, fällt Steffen Witzke sicher jemand ein, der eine gute Hose oder Bluse gebrauchen kann - und Büromaterial wird in seinem Büroverbraucht.

Das Dankeschön der Kunden ist seltener geworden.

Steffen Witzke,, Geschäftsführer Tafelladen
  • Der Tafelladen in Schwäbisch Gmünd
  • Der Gmünder Tafelladen in der Rinderbacher Gasse 15 hat derzeit immer montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr sowie samstags von 9 bis 13 Uhr geöffnet. Wer die Gmünder Tafel finanziell unterstützen will, kann ihr eine Spende zukommen lassen: Konto: Kreissparkasse OstalbIBAN: DE84 6145 0050 0800 2862 06.

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