Gewählt, erfreut, ernüchtert

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Prof. Detlef Rahe wurde zum Rektor der HfG gewählt, tritt diese Stelle nun aber doch nicht an.
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Prof. Detlef Rahe sollte der neue Rektor der in Schwäbisch Gmünd werden. Am Ende trat er die Stelle nicht an. Die Gründe erläutert er im Interview.

Schwäbisch Gmünd.

Eigentlich sollte Prof. Detlef Rahe (57) zum 1. September dieses Jahres der neue Rektor an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Schwäbisch Gmünd werden. Doch am Ende hieß es, „dass die gegenseitigen Vorstellungen nicht in Deckung zu bringen sind“. Im Interview erläutert er die Hintergründe für die Entscheidung. Eine Pflichtlektüre fürs Wissenschaftsministerium. Die Tür für einen möglichen Kompromiss schlägt er nicht zu.

Frage: Sie wurden im Januar dieses Jahres zum neuen Rektor der HfG gewählt. Warum dauert es ein halbes Jahr, um zu erkennen, dass die Stelle doch nichts für Sie ist?

Prof. Rahe: Sie treffen gleich den schmerzhaften Punkt. Ich habe fünf Monate lang intensiv versucht, mit der zuständigen Referentin im Wissenschaftsministerium über die Bedingungen zu diskutieren ...

...kurze Zwischenfrage. Welche Bedingungen? Das Gehalt wird es doch nicht mehr gewesen sein.

Es ging nicht um finanzielle Belange, sondern um die Möglichkeiten der Ausgestaltung des Amtes und die Entwicklung der Hochschule. Eine so wichtige Diskussion gab es aber nur zögernd, obwohl der gesamte Bewerbungs- und Wahlvorgang vom Ministerium begleitet wurde und mein Programm bekannt war. Die offiziellen Reaktionen aus dem Ministerium waren der Verweis auf die einschlägigen Hochschulgesetze.

Dafür gibt es Gesetze.

Nun sind die Gesetze das eine, die Auslegung der Gesetze und Zielsetzungen für die Zukunft das andere. Und hier sind die Vorstellungen in fast jedem meiner Punkte, für die ich angetreten und von der Hochschule auch gewählt worden bin, konträr. Ich bin zu meiner großen Ernüchterung mit keiner meiner Ideen wirklich durchgedrungen.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Ich muss vorausschicken, dass mir bei allen Gesprächen, die ich geführt habe, die Geschichte der Hochschule, die Besonderheiten und die damit verbundenen Potenziale von größter Bedeutung waren. Das wurde im Ministerium gar nicht recht wahrgenommen. Die HfG ist zwar nach baden-württembergischen Hochschulgesetz für angewandte Wissenschaften eingegliedert, sie betreut aber ausschließlich Gestaltung und müsste schon demnach eher den Status einer Kunsthochschule haben.

Wichtige Kontakte nicht einbringen

Ist das nicht Erbsenzählerei?

Überhaupt nicht. Diese Unterscheidung hat Folgen. Die HfG kann dadurch ihr kreatives Potenzial nicht entfalten. Das fängt mit einem völlig ungenügendem Betreuungsschlüssel für Studierende an, reicht über die Besoldung und Rekrutierung von Lehrkräften und hört mit einem vollkommen überbordenenKontroll- und Bürokratieaufwand nicht auf. Mein Anspruch war es, der Besonderheit dieser einzigartigen Hochschule wieder Luft unter die Flügel zu geben. Die Hochschule hat fantastische Ergebnisse in der Lehre. Aber Lehre ist nur ein Teil der Hochschularbeit. Es geht auch ums Wirken in die Gesellschaft hinein. Dafür braucht es Praxisnähe, Forschungskooperationen, Transfer und renommierte Lehrende mit vielfältigen Kontakten. Bis auf die Lehre sieht das Ministerium aber in jedem anderen Bereich einen möglichen Interessenkonflikt.

Was meinen Sie damit?

Ich gebe ein Beispiel: Wenn ein Rektor wie ich, der über vielfältige Kontakte in die Welt verfügt, wie zu Museen, Unternehmen, Kultureinrichtungen, Politik, und der diese Kontakte gerne aktiv mit einbringen möchte, um der Hochschule Anknüpfungspunkte für die Praxis zu ermöglichen, dies aber in Augen des Ministeriums bereits den Anschein eines Interessenkonfliktes hat, bin ich quasi handlungsunfähig. Die Empfehlung war, meine Kontakte nicht einzubringen in die Hochschule. Das ist eine absurde Situation.

Aber da gibt es doch sicher einen Spielraum...

Mir wurde eher gespiegelt, dass es in Zukunft noch restriktivere Maßnahmen geben wird. Für mich ist dieser Austausch in die Gesellschaft ein elementares Handlungsfeld als Rektor. Wenn ich das nicht bedienen kann, dann bleiben kontrollierende und wenig dienliche berichtsverfassende Verwaltungsaufgaben übrig. Und für die alleine habe ich mich nicht beworben. Das Bittere ist, dass auch die Hochschule diese Veränderungen dringend möchte und nun durch die Besetzungsgespräche ein Korsett sichtbar wird, das der Hochschule und ihren Zielen nicht entspricht.

Wie eng war denn ihr Korsett?

Viel zu eng für mein Programm und mein Angebot und den Wunsch der Hochschule. Das habe ich vollkommen unterschätzt. Ich hätte meinem eigenen Anspruch an die Hochschule nicht gerecht werden können.

Ich fasse mal zusammen: Sie sollten Rektor werden, Sie wollten es auch, können aber nicht Netzwerken, weil man Ihnen schon im Vorfeld Vorteilsnahme unterstellt?

Korrekt. Aber das ist es nicht allein. Ein weiteres Beispiel: Es gibt in allen Bundesländern ein Nebentätigkeitsrecht für Professorinnen und Professoren. In manchen Bundesländern ist es ein echtes Recht, damit die Lehrenden weiterhin dringend erforderliche Praxiserfahrung sammeln können, um zu wissen, was außerhalb des Hochschullebens relevant ist. Es gibt Hochschulen, die aktiv damit werben, dass ihre Professorinnen und Professoren auch außerhalb der Hochschule erfolgreich sind und etwa Auszeichnungen erhalten haben. Das Bestreben in Baden-Württemberg ist konträr dazu. Nach meinem Verständnis der Gespräche soll die Möglichkeit der kreativen Ausübung der eigentlichen Profession im Nebenamt eher weiter eingedämmt werden. Dabei wäre das Gegenteil nötig und sinnvoll.

Klingt nach großem Misstrauen gegen die eigenen Hochschulen und deren Lehrpersonal.

So sehe ich es auch. Die Sorge ist wohl, dass der verbeamtete Lehrende nicht mehr in Vollzeit für die Hochschule zur Verfügung steht. Das Problem ist allerdings, dass kreative Professuren wie im Design, aber auch in der Architektur, in der Kunst, Musik oder Film aufgrund ihrer herausragenden beruflichen Erfolge besetzt werden. Diese Erfolge und Tätigkeiten mit der Verbeamtung unterbinden zu wollen, ist den Hochschulen überhaupt nicht dienlich.

Problem erkannt, wie lautet die Lösung?

Aus meiner Sicht muss die Verknüpfung von Praxis, Transfer, Gesellschaft und Hochschule geöffnet und sogar aktiv gefördert werden. Die unbotmäßigen Kontrollaufgaben gegen das eigene Lehrpersonal, die dem Rektor zugewiesen werden, schüren Misstrauen auch innerhalb der Hochschulen. Die Hochschulen müssen entfesselt werden, sie brauchen wieder mehr Handlungsspielraum und Zutrauen. Bürokratieabbau, eine erhebliche Verbesserung des Betreuungsverhältnisses von Lehrkräften zu Studierenden in kreativen Studienbereichen, Abschaffung der chronischen Überlast in der Lehre und für Verwaltungsaufgaben, Ausweitung und Sicherung der Nebentätigkeitsregelungen, sodass aus der Praxis heraus berufende Lehrende weiterhin die Verpflichtung und das Recht auf praxisnahe und auch profitable Projekte und Auftritte haben, sowie eine Entschlackung des Hochschulgesetzes. Ach, es ist frustrierend, ausgerechnet im zuständigen Ministerium so wenig Gehör zu finden. Wir müssen aufpassen. Wir verlieren gute Kräfte, weil sie sich nicht in der Hochschule entfalten können. Neue renommierte Professorinnen und Professoren lassen sich unter den Bedingungen zukünftig für eine Gestaltungseinrichtung nur schwer finden.

Rechnungsprüfungshof legt Korsett an

Wieso?

Wie gesagt, im Gestaltungsbereich werden Lehrende berufen aufgrund ihrer beruflichen Erfolge und nicht aufgrund ihrer akademischen Laufbahn. Und das ist auch richtig so! Wir suchen herausragende Gestalterpersönlichkeiten. Ja, die werden dann Beamte. Und doch wollen und müssen sie nach meiner Auffassung auch außerhalb der Hochschule weiter aktiv bleiben. Niemand käme doch auf die Idee, einem erfolgreichem Sänger, der anderen das Singen lehrt, quasi ein Auftrittsverbot auszusprechen, weil etwa die Reise zum Konzert in New York mehr Zeit benötigt, als man neben der Lehre dafür laut Gesetz aufbringen darf.

Dann sollten wir Professoren nicht verbeamten...

Das wäre ein Ansatz. Aber sagen Sie das mal dem Rechnungsprüfungshof. Der hat just formuliert, dass angestellte Professorinnen und Professoren im Sinne des derzeitigen Nebentätigkeitsgesetzes genauso zu behandeln seien wie verbeamtete. Da ist erneut eine Möglichkeit vertan.

Ist das ein Schwäbisch Gmünder Problem?

Nein, aber in einer kleinen Hochschule mit ausschließlich kreativen Studiengängen und Forschungsfeldern schlägt das besonders durch. Ohne es zu wollen, gefährdet es die Eigenständigkeit und damit das Potenzial der Hochschule.

Haben Sie das unterschätzt, als Sie sich beworben haben?

Ja. Absolut. Ich hatte das Ländle als wundervoll pragmatische Region im Gedächtnis. Dass sich das anscheinend so geändert hat, hatte ich nicht auf dem Radar. Ich suchte nach den Möglichkeiten, das Ministerium offenbar nach den Einschränkungen.

Oder hatten Sie nur Pech mit Ihrem Sachbearbeiter im Ministerium?

Nach einem ersten drohenden Abbruch der Gespräche schaltete sich der Abteilungsleiter ein. Da wurde es erstmals konstruktiv, aber letztlich ist eine Einigung auch daran gescheitert, dass das Ministerium, aus dessen Sicht zurecht, eine Umsetzung der vom Rechnungshof geforderten Maßnahmen durch den Rektor einfordert. Doch die Grundlagen des Berichts und die darin geäußerten allgemeinen Zielsetzungen zur Kontrolle und Beschränkung etwa der eben erwähnten Nebentätigkeitsregelungen entsprechen ganz und gar nicht meiner Einschätzung. Ich hätte meinem Dienstherrn, was für ein abscheuliches Wort übrigens, nicht gerecht werden können.

Mhm , der Rechnungshof sollte auf die Finanzen schauen...

Tja, es mag hinzu kommen, dass der Rechnungshof aufgrund von Themen der Vergangenheit, die ich nicht kenne, an der untersten Grenze des Möglichen und nicht an der maximal freiheitlichen agiert. Das ist nur meine persönliche Vermutung.

Also warten wir ab...

Eben nicht. Es ist keine Zeit angesichts der multiplen Krisensituationen, in denen die Welt sich befindet. Allein der Klimaschutz wird entscheidend sein für die Lebensbedingungen der Zukunft. Design kann und muss nun kraftvolle Zukunftsmodelle und Visionen entwickeln, die weit über die üblichen Denkmuster von Konsum und Wohlstand und rein ökonomisches Wirtschaftswachstum hinausgehen. Design hat mehr Aktualität denn je. Zur Entfaltung einer relevanten Wirkung braucht es neben der Lehre eine Verbindung von Hochschulen mit Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Öffentlichkeit, offen und ohne gleich in den Verdacht zu kommen, damit ungebührliche Interessen zu verfolgen.

Reaktion von Hochschule-Rektoren

Sie legen sich gerade mit vielen Rektoren von Hochschulen an.

Das glaube ich überhaupt nicht, viele denken ähnlich.

Sind die Gmünder jetzt sauer auf Sie?

Nein, alle, mit denen ich im Vorfeld zusammengearbeitet habe, sind fantastisch und verstehen den derzeit offensichtlich unlösbaren Konflikt zwischen Absichten und Möglichkeiten.

Wie geht es weiter?

Ich kann die Antwort des Ministeriums zitieren: „Dafür haben wir unsere Regelungen.“ Für die Hochschule ist die Situation enorm schwierig, da helfen Regelungen eben doch nicht immer, sondern Kreativität außerhalb des Bekannten.

Was hat Design mit dem Klimaschutz zu tun?

Alles. Alles was uns umgibt, was dinglich gemacht ist, Besteck, Mülleimer, Möbel, Maschinen, Handys, Waschmaschinen, ... alles ist gestaltet. Wir haben es als Designer geschafft, dass die Begehrlichkeit nach Produkten über das Design größer geworden ist. Design wollte und sollte diese Begehrlichkeiten wecken. Das Modell, das auf Konsum und Verbrauch orientiert ist, ist jedoch Mitschuld an unserer Umweltproblematik. Design ist nicht nur Form, sondern die Frage nach den wahren Bedürfnissen. Design heute ist nicht, alle paar Jahre eine neue Waschmaschine zu entwickeln und den Kunden zum Kauf zu verführen, sondern saubere Wäsche zu garantieren. Neu gedacht ist Design die Qualität von Produkten und Systemen, mit denen sich die Menschen umgeben. Das ist eine sehr große Verantwortung. Und angesichts der geschichtlichen Bedeutung des Bauhauses und der HfG Ulm, auf deren Erbe die HfG Schwäbisch Gmünd auch ruht, ist eine Beschleunigung und Befreiung aus meiner Sicht unumgänglich, um die Relevanz der Hochschule neu zu befördern.

Also Design nicht als Konsum, sondern als gesellschaftliche Aufgabe?

Das wäre mein Anspruch gewesen. Design zum Wohle der Umwelt und der Allgemeinheit, nicht allein zur Erfüllung von Partikularinteressen. Der vor uns liegende ökologische, gesellschaftliche, technologische und digitale Transformationsprozess wird uns allen viel abverlangen und braucht neue kreative empathische Vorgehensweisen und Methoden, da genügt 'Dienst nach Vorschirft' eben nicht mehr.

Also Ade Prof. Rahe?

Nein! Ich werde mir meine Zuneigung zur HfG in Gmünd und zum Ländle nicht nehmen lassen. Und sollte irgendjemand den Faden wieder aufgreifen und eine Chance sehen, wieder zusammenzukommen, oder die Möglichkeit von Sondermodellen, bis hin zur Überführung der Hochschule in eine Stiftung, andeuten – ich bin nicht aus der Welt und immer gesprächsbereit.

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Ich suchte nach den Möglichkeiten, das Ministerium offenbar nach den Einschränkungen."

Detlef Rahe, Professor, für, Design

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