Gmünder Silber auf Weltreise

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Charles Steiman
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Charles Steiman über einen ganz besonderen Kiddusch-Becher in der Ausstellung „Lechaim - Auf das Leben!“ Zurück aus Brasilien.

Schwäbisch Gmünd

Das Museum Ott-Pausersche Fabrik zeigt noch bis 31. Oktober die Ausstellung „Lechaim – Auf das Leben!“ Zu sehen sind Kiddusch-Becher und andere Judaica aus Gmünder Produktion. Eines der ältesten Stücke, ein Kiddusch-Becher, hat eine Reise um die halbe Welt hinter sich. Was dahinter steckt, sagt Charles Steiman in einem Vortrag an diesem Donnerstag in der Ott-Pauserschen Fabrik.

Sie überschreiben Ihren Vortrag „1700+88. Deutsch-jüdisches Kulturerbe im tropischen Rio de Janeiro – ein Weiterleben“. Wie kommt Brasilien ins Spiel?

Charles Steiman: Entscheidend, wenn auch nicht eindeutig zu bestimmen, sind die Jahre des jüdischen Lebens in Brasilien. Die Juden, die ständig in Bewegung waren in der Alten Welt, haben auch ihren Weg zur Neuen Welt gefunden. Ihr Aufenthalt in Brasilien war oft unerwünscht und gewissermaßen ungültig, was nichts mit der Art und Weise zu tun hatte, in der sie ein pragmatisches Verhältnis zu Brasilien aufbauten: Indem sie ihre Kinder großzogen, die Sprache lernten, Sitten und Gebräuche übernahmen, gemeinnützige Institutionen oder Unternehmen gründeten, die Gegenwart lebbar und die Zukunft erstrebenswert machten.

Was sagt die Zahl 88 in Ihrem Vortragsthema?

Wenn es 1700 jüdisches Leben in Deutschland dieses Jahr gefeiert wird, dann feiern die Deutsch-Juden, genauer die deutschen Flüchtlinge jüdischen Glaubens, ihre 88-jähriges Dasein in Rio de Janeiro. Im Jahr 1933 kamen die ersten Flüchtlinge in Rio an und schlossen sich dann in einem Club, Club 33 genannt, zusammen. Juden, die zwei oder drei Monate früher angekommen waren, hatten ihn gegründet. „Dort verbrachten wir die Abende, spielten Karten, Schach, unterhielten uns. Dort bildete sich der erste Minjan (Gebetsgruppe) für die jüdischen Feiertage“, berichtete Hermann Zuckermann, 1912 in Nürnberg geboren, und am 30. April 1934 in Rio de Janeiro angekommen.

Welche Beziehungen gibt es denn heute zwischen dem deutschsprachigen Raum und Brasilien, welche Rolle spielt dabei das deutsch-jüdische Kulturerbe?

Diese Beziehung war intensiver in den Jahren während und kurz nach dem Krieg, also geprägt von der Flucht und Ansiedlung und den darauffolgenden bürokratischen Anliegen dieser Flüchtlinge mit der BRD und der DDR. Es war eine Zeit der vorsichtigen Annäherung und verständlicher extremer Empfindlichkeit. Das letzte große Kooperationsprojekt der deutsch-jüdischen Gemeinde in Rio mit Deutschland, beziehungsweise mit dem deutschen Generalkonsulat, war 1990 – eine große Ausstellung über die jüdische Immigration nach Rio. Die erste Generation hat sich zwangsweise mit Deutschland verbunden gefühlt – sie waren Deutsche! Die zweite und die dritte Generation hatte diese Nähe zu diesem Land nicht mehr so wahrgenommen wie die Eltern oder Großeltern.

Der Kiddusch-Becher hat eine weite Reise hinter sich. Was können Sie zu den Wegen und den begleitenden Familien sagen.

Der Kiddusch-Becher ist zweifellos aus Schwäbisch Gmünd. Die Silberpunze eines Einhorn-Kopfes ist der unbestreitbare Nachweis seines Herstellungsorts. Er ist dann vermutlich mit der Familie innerhalb Europas gewandert, aber die Umstände und die Hauptakteure dieser Geschichte sind leider nicht mehr bekannt. Er ist dann aus Osteuropa nach Rio de Janeiro mit der Familie in den 1920er- oder 1930er-Jahre mitgenommen worden. Heute zeigt er sich stolz und glanzvoll in einer Vitrine des Museums im Prediger in Schwäbisch Gmünd.

Der Kiddusch-Becher soll ja aus der Zeit nach 1840 sein. Lässt er sich einem Hersteller in Schwäbisch Gmünd zuordnen?

Leider nicht. Aber vielleicht kann es hoffentlich noch recherchiert werden.

Charles Steiman spricht in Gmünd

Der Grafikdesigner Charles Steiman, seit 2017 Geschäftsführer von Heritage & History in Zürich, hat in zahlreichen Projekten jüdischer Thematik mitgewirkt, im Bereich Judaica, jüdische Kunstgeschichte und jüdische Immigration nach Rio de Janeiro. „Heritage and History“ mit Sitz in Zürich ist eine Einrichtung für Geschichtsforschung und Publikation, die ein Archiv aufbaut mit Dokumenten, Fotos und Judaica-Objekten aus Nachlässen von Familien, die im 20. Jahrhundert wegen der Verfolgung durch die Nationalsozialisten nach Brasilien auswanderten. Er ist Mitglied der von Deutsch-Juden gegründeten und geprägten Gemeinde in Rio de Janeiro.

Der Vortrag „1700+88. Deutsch-jüdisches Kulturerbe im tropischen Rio de Janeiro – ein Weiterleben“ findet an diesem Donnerstag, 29. Juli, um 18 Uhr im Museum Ott-Pausersche Fabrik statt. Der Eintritt kostet 3 Euro. Eine Anmeldung unter Telefon (07171) 6034130 oder per E-Mail an museum@schwaebisch-gmuend.de ist erwünscht.

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