Gmünder Taumel vor 150 Jahren

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Stadtarchivar David Schnur mit einem der Fotos, die Wilhelm Boppl vom Kriegsgefangenenlager im Schießtal während des Kriegs 1870/71 aufnahm.
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Die Ausrufung des Deutschen Reichs am 18. Januar sorgte auch in der Stauferstadt vor Begeisterung.

Schwäbisch Gmünd

Exakt an diesem 18. Januar vor 150 Jahren einigte sich Deutschland. Das Deutsche Reich wurde ausgerufen. Es war das Ende des Krieges zwischen Deutschland und Frankreich. Auch in Gmünd toste der Jubel über den neuen deutschen Nationalstaat. Die Stadt nahm einen bemerkenswerten Aufschwung.

Das zeigen allein schon die nüchternen Zahlen, die Stadtarchivar David Schnur zu jener Epoche aufführt: Zum 1. Dezember 1871 vermerkt Gmünd 10 800 Einwohner, fast 2000 mehr als noch wenige Jahre zuvor. Die Stadtmauer wird in dieser Zeit fast vollständig abgerissen, neue Wohngebiete wie Uferstraße und Königsturmstraße werden erschlossen – Straßen, die heute längst zur Kernstadt gehören. Bis 1880 wächst die Bevölkerungszahl auf 13 800.

Offenbar ließen sich die Gmünder durch den Krieg 1870/71 kaum schrecken. 1500 Bürger meldeten sich freiwillig zu den Waffen. Die Gmünder Frauen wurden aufgefordert, Verbandsmaterial zu spenden. Das Oberamt Gmünd rief die Bürger auf, "Ausländer und ortsfremde Vagabunden" besonders zu beobachten, um mögliche Sabotageakte zu verhindern. Doch auch die Gmünder spürten den Krieg. berichtet David Schnur: Die Fabriken stellten ihre Produktion teilweise ein, die Arbeitslosigkeit wuchs. Die Stadt rief die Bürger dazu auf, "sich nicht zu scheuen", auch eine andere Arbeit als die sonstige anzunehmen.

Gleichzeitig galt es, Verwundete aufzunehmen und zu pflegen – deutsche und französische. Kriegsgefangene und Verwundete werden unter anderem in einem Barackenlager auf dem Schießtalplatz untergebracht. Bemerkenswert ist für den Stadtarchivar die vergleichsweise würdevolle Behandlung französischer Kriegsgefangener und Verwundeter, die die sich doch merklich vom Umgang bei den späteren Kriegen unterschieden habe. Als am 23. August der erste verwundete Kriegsgefangene starb, wurde er nach katholischem Ritus auf dem Leonhardsfriedhof bestattet. Turner gaben ihm das letzte Geleit, Soldaten feuerten Ehrensalut ab. Als ein Soldat muslimischen Glauben starb, wurde auch er ehrenvoll bestattet, dem Sarg wurde ein Halbmond vorangetragen. Aber auch das gehörte dazu: Aufnahmen des Fotografen Wilhelm Boppel aus dem Kriegsgefangenenlager im Schießtal wurden als Ansichtskarten gefertigt und verkauft.

Die Unterstützung für den Krieg sei auch im schwäbischen Gmünd geprägt gewesen von der großen idee des Nationalstaats. und dieser "Taumel" hielt auch nach dem Krieg an, auch wenn die Gedenktafel des Veteranenvereins die bittere Bilanz von rund 300 Gefallenen aufweist. Am 21. Juni 1871 gründeten Bürger aus Gmünd, Göppingen,Hohenstaufen und Stuttgart ein "Comité" mit dem Ziel, ein Nationaldenkmal auf dem Hohenstaufen zu errichten. Die Spenden reichten allerdings nicht.

Dafür boomte die Wirtschaft in Gmünd wieder, sagt David Schnur, nicht zuletzt wegen der im Deutschen Kaiserreich weggefallenen Zölle.

Als Beispiel für den Nationalstolz nennt Schnur auch die "Kriegsfestspiele", in denen der Veteranenverein ab 1903 Schlachten des Krieges nachstellte. "Das muss das Ereignis dieses Jahres gewesen sein", weiß der Archivar aus den Aufzeichnungen, "sozusagen die Staufersaga der damaligen Zeit".

Zu den Kriegfestspielen hat Dr. David Schnur im Internet einen Blog angelegt, der unter diesem Links erreichbar ist: "https://archive.org/details/stadt-a-gd-best.-e-09-nr.-33.

Mehr aus dem Stadtarchiv auf https://ostalbum.hypotheses.org

Badeanstalt und Barackenlager

Schwäbisch Gmünd. Das Jahr 1870 ist für Schwäbisch Gmünd eine Zeit großer Bewegung Vieles hängt mit dem Deutsch-Französischen Krieg zusammen – aber nicht alles.

  • 26. April 1870: Eine Versammlung der Deutschen Partei im Gasthaus "Zum Rad" (Marktplatz", fordert die Angliederung der süddeutschen Staaten an den Norddeutschen Bund.

8. Juni 1870: König Karl von Württemberg inspiziert das Gmünder Militär bei Schießübungen im Schießtal.

12. Juni 1870: In Gmünd wird die Postkarte eingeführt.

19. Juni 1870: Eine Badeanstalt am Unteren Tor (Waldstetterbach) wird eröffnet; Zulass nur für Männer mit Badehosen.

21. Juni 1870: Maurer, Steinhauer und Zimmerleute fordern auf einer Versammlung im "Weißen Ochsen" eine Verkürzung der täglichen Arbeitszeit um 1 Stunde bei vollem Lohnausgleich (üblich: 5-12 und 13-18 Uhr). Die nicht eingeladenen Meister entgegnen öffentlich auf Plakaten, dass Arbeiter, die ihre Arbeitszeit nicht erbringen, entlassen werden und in Gmünd keine neue Anstellung mehr finden.

22. Juli 1870: Die Zeitungen melden 1500 Kriegsfreiwillige in Gmünd.

30. Juli bis 4. August 1870: Die Barmherzigen Schwestern stellen 30 Schwestern für Sanitätsdienste bereit. Rund 40 Turner bieten Hilfe beim Transport von Verwundeten an.

August 1870: Mit Sonderzügen treffen erste Verwundete in Gmünd ein, auch Franzosen. Sie werde in Baracken und Zelten im Schießtal untergebracht

21. September 1870: Da bei Eintreffen der Siegesnachricht von Sedan in den Gmünder Straßen viel geschossen und Feuerwerk abgebrannt wurde und deshalb Brandgefahr besteht, verbietet die Stadt das Abbrennen von Feuerwerk innerhalb der Stadt.

Das Kriegsgefangenenlager im Schießtal. Quelle: Sztadtarchiv, StadtA_E04 Nr. 756.

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