Gmünds Milli Görüs unter Beobachtung

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Baden-Württembergs Verfassungsschutz berichtet von "Krönungszeremonie" in der Islamischen Gemeinschaft. Gmünder Gemeinschaft will mit der Behörde das Gespräch suchen.

Schwäbisch Gmünd

Der Verfassungsschutz in Baden-Württemberg beobachtet die Islamische Gemeinde Milli Görüs (IGMG) in Gmünd. Dies geht aus dem Bericht 2019 der Behörde hervor. Darin wird über Milli Görüs allgemein berichtet und über die IGMG in Gmünd im Besonderen. Über Milli Görüs in der Türkei schreibt der Verfassungsschutz, sie sei eine "religiös-politische Bewegung", die eine "gerechte Ordnung" auf islamischem Fundament anstrebe, die "langfristig alle anderen als ‘nichtig' erachteten politischen Systeme ablösen" solle.

Die IGMG ist in Deutschland seit den 70er-Jahren präsent. Sie verfolgt laut Verfassungsschutz das Ziel, "normativen Vorgaben der Religion innerhalb der bestehenden Rechtsordnung langfristig Geltung zu verschaffen und sich gesellschaftspolitisch zu verankern". Hierbei berufe sie sich auf das Grundrecht auf Religionsfreiheit und nutze die Strukturen des demokratischen Rechtsstaates. Die IGMG betrachte die "Entwicklung einer gefestigten islamischen Identität als Grundvoraussetzung für die erfolgreiche Integration ihrer Anhänger in die Gesellschaft". Dabei würden das "Tragen des Kopftuchs bzw. die als islamkonform erachtete Verhüllung zum Identitätsmerkmal und zur Pflicht erklärt", schreibt der Verfassungsschutz. Kopftuch und Verhüllung seien sichtbare Symbole einer "auf Geschlechtertrennung gründenden Gesellschaft". Gmünds IGMG, einer von etwa 60 Ortsvereinen im Land, wird im Bericht des Verfassungsschutzes in Bezug auf eine "Krönungszeremonie" im Oktober 2019 genannt. Dabei würden "junge Mädchen durch die Frauenverbände der IGMG zum Anlegen des Kopftuchs nicht nur motiviert, sondern auch dafür belohnt".

"Das Kopftuch ist nach unserem Glaubensverständnis eines von vielen Grundelementen, die zum religiösen Leben dazu gehören", sagt Adem Cicigül, Dialogbeauftragter der Gmünder IGMG, auf GT-Anfrage. Und weiter: "Wir möchten entsprechend, dass so viele junge Mädchen wie möglich den Grund des Kopftuchs verstehen und bereit sind, dieses zu tragen." Diese Entscheidung jedoch beruhe auf der Bereitschaft der Person, "da diese Entscheidung aus dem Herzen kommt". So gebe es auch "junge Mädchen und Frauen, die kein Kopftuch tragen". Cicigül betont, dass es "auch andere Grundelemente unseres Glaubensverständnisses gibt, die den Fokus auf dem Geschlecht des Mannes haben". Er nennt die Beschneidung. Allerdings habe "dieses Thema in der Islam-Debatte und in der Frage der Gleichberechtigung keinen prominenten Platz". Zur "Krönungszeremonie" befragt, antwortet Cicigül nicht. Auf mehrmalige Nachfrage bedauert er, dass die Gmünder Tagespost sich "weniger für die alltäglichen Benachteiligungen der Frauen mit Kopftuch" interessiere und ihren Fokus "stattdessen auf eine einmalige Veranstaltung" richte.

Julian Illi von der Pressestelle des Verfassungsschutzes erläutert, dass "die sogenannte ‘Krönungszeremonie' eine Art Belohnungsritual für Mädchen darstellt, die entweder gelernt haben, den Koran vollständig zu rezitieren (in der Regel auswendig) oder die sich dafür entschieden haben, eine islamische Verhüllung/ein Kopftuch zu tragen". Bei der Zeremonie in der Moschee werde den Mädchen, meist im Teenageralter, "ein Krönchen aufgesetzt, um sie symbolisch zur Königin zu machen". Die Belohnung sei "von Fall zu Fall unterschiedlich, in der Regel handelt es sich aber um materielle Geschenke".

Wir haben mit der Behörde Gesprächsbedarf.

Adem Cicigül, Sprecher IGMG

Weshalb er den Begriff der "Krönungszeremonie" nicht erläutern will, sagt Cicigül nicht. Vielmehr will er das "Phänomen" der Diskriminierung sichtbar machen: "Immer wieder hören wir von Frauen mit Kopftuch, die von diversen Diskriminierungserfahrungen aufgrund ihres Kopftuches berichten", sagt Cicigül weiter. Die IGMG pflegt nach eigenen Worten ein "solides und wertschätzendes Verhältnis zur Stadtverwaltung Schwäbisch Gmünd". Als positives Zeichen dieses Verhältnisses habe die IGMG an der "Gmünder Charta der Gemeinsamkeiten" mitgearbeitet und sich zu deren Inhalten bekannt. Die "Charta der Gemeinsamkeiten" definiert Grundsätze für das Zusammenleben in Gmünd. Dazu gehört, ausgehend vom Grundgesetz, das Gebot der Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Für die IGMG Gmünd sei es fragwürdig, "wenn man einer Gemeinschaft von Menschen, die die ‘Gmünder Charta der Gemeinsamkeiten' verstanden und unterzeichnet haben, die Frage der Gleichberechtigung stellt".

Das Landesamt für Verfassungsschutz und dessen Aufgaben versteht die IGMG Gmünd als "imanentes Konstrukt zur Wahrung der Verfassung und der damit einhergehenden freiheitlich-demokratischen Grundordnung in diesem Bundesland". Seit einiger Zeit werde die IGMG in Baden-Württemberg vom Verfassungsschutz beobachtet. In anderen Bundesländern sei dies nicht so. Dabei gebe es im Land Gemeinden, die in dem Bericht auftauchen, andere hingegen nicht. "Dieses Jahr werden wir erwähnt", sagt Cicigül. Wenn nun "die Erkenntnis des Landesamtes für Verfassungsschutz und unsere Absicht in der Sache sich nicht decken, so sehen wir, dass wir Gesprächsbedarf mit der Behörde haben", sagt Cicigül.

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