„Haben Sie kein Interesse an der Pandemiebekämpfung?“

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An zwei Nachmittagen in der Woche beginnt nach der regulären Sprechstunde diese Arbeit: Die medizinischen Fachangestellten Vera Abele und Verena Seitzer (v.l.) aus der Praxis von Dr. Bucher ziehen die Spritzen mit dem Corona-Impfstoff auf.
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Die Aufhebung der Impfpriorisierung in Baden-Württemberg macht den Hausärzten die Arbeit nicht leichter - denn die Knappheit bleibt.

Schwäbisch Gmünd

Heiner Steinat gefällt die Botschaft nicht, die aus seiner Sicht vom Ende der Impfpriorisierung ausgeht. „Es wird suggeriert: Wir können jetzt alle zur Impfung gehen“, sagt der Hausarzt aus Durlangen.

Die Realität bei der Corona-Schutzimpfung sieht in seiner Praxis anders aus: „Diese Woche hatte ich sechs Zweitimpfungen mit Biontech.“ Das ist alles, was Steinat von Montag bis Freitag zu bieten hatte.

Die Zahl der verabreichten Impfdosen unterscheidet sich von Hausarzt zu Hausarzt, im Grundsatz ist die Situation überall gleich: „Es gibt zu wenig Impfstoff für zu viele Anfragen“, sagt Dr. Dieter Bucher, Allgemeinmediziner aus Herlikofen.

Dr. Heiner Steinat ist nicht allein mit seiner kritischen Sicht auf die Aufhebung der Priorisierung, die in Baden-Württemberg seit Montag gilt. „Wir haben die Befürchtung, dass das falsch verstanden wird“, sagt Dr. Erhard Bode, der Vorsitzende der Kreisärzteschaft Gmünd. „Leute glauben, sie haben jetzt ein Recht auf die Impfung. Aber es können nicht alle sofort geimpft werden.“

Für die Praxis von Dr. Bucher hat die Aufhebung keinen Effekt: „Es ändert sich nichts. Ich habe eine lange Liste mit lauter Kranken, die bleibt.“ Wie viele Namen darauf stehen, das will Bucher gar nicht sagen. Klar ist: Es wird dauern, die erst einmal abzuarbeiten. „Wir haben vor zwei Wochen aufgehört, die Liste weiterzuführen“, sagt Bucher noch.

Topthema am Telefon: Impfen

Es ist ein Begriff, der im Moment Konjunktur hat in Hausarztpraxen in und um Gmünd: die lange Liste. Die Arbeit der Arzthelferinnen macht das nicht leichter: „Zwei Drittel der Telefonate sind nur zum Thema Impfen“, sagt Steinat. Sein Kollege Bucher spricht von einer „Telefonorgie“. Oft dauern die Gespräche deutlich länger als sonst: „Manchmal schafft man sechs Telefonate in der Stunde, weil jedes zehn Minuten dauert“, sagt Erhard Bode.

Der Vorsitzende der Ärzteschaft rät zur Geduld: Man könne schon mal „vorfühlen“ wegen eines Impftermins. „Aber ich bitte auch um Verständnis: Die Kollegen tun ihr Bestes.“ Auf die Frage, wann es Sinn macht, bei ihm wegen eines Impftermins anzufragen, antwortet auch Heiner Steinat mit einem Appell: „Habt Geduld bis Anfang Juli.“ Dann hoffe er, „mehr Info“ zu haben.

Wie viele Dosen sie pro Woche zur Verfügung haben, erfahren die Mediziner immer donnerstags. Bis Dienstag um 12 Uhr müssen sie ihren Bedarf anmelden. Es ist keine Bestellung der üblichen Art, bei der man bekommt, was man nachfragt. Die Regel ist: Es gibt weniger, als angemeldet wird. Dr. Steinat etwa hatte zuletzt 20 Dosen Astrazeneca geordert – und nichts bekommen. Die Zuteilung erfolge bei ihm nach dem Prinzip: Wer mehr bestellt, bekommt anteilig mehr. „Wenn ich 80 bestellt hätte, dann hätte ich wohl etwas bekommen“, sagt Steinat.

Dass der Impfstoff von Biontech sehr gefragt ist, der von Astrazeneca kaum, erschwert die Arbeit der Ärzte und ihrer Mitarbeiterinnen zusätzlich. „Bei Astrazeneca ist es sehr zäh“, sagt Dr. Bucher. Zehn Impfdosen muss ein Arzt in Form von Terminen unter die Patienten bringen, um eine Ampulle komplett zu verbrauchen. „Für die zehn haben wir neulich vier Stunden telefoniert – und das ist keine Übertreibung“, erzählt Dr. Steinat.

Im Moment bei Ü60-Patienten

Die Geduld und das Verständnis, worum die Ärzte bitten, hat nicht jeder. Die Situation macht Stress. Heiner Steinat ist derzeit dabei, Ü60-Patienten zu impfen. Eine Patientin unter 60 Jahren, der er aus diesem Grund noch keinen Termin zusagen konnte, habe sich bei der Krankenkasse über ihn beschwert, erzählt der Hausarzt. „Und ein Patient hat am Telefon gefragt, ob wir denn kein Interesse an der Pandemiebekämpfung haben?“

Es ändert sich nichts. Ich habe eine lange Liste.“

Dr. Dieter Bucher, Allgemeinarzt, Herlikofen

Bald mehr Dosen, bald Johnson

Blick voraus: Prognosen hat und wagt keiner der Ärzte, mit denen die GT gesprochen hat. Vage Vorausblicke aber gibt es: „Nächste Woche soll angeblich zum ersten Mal Impfstoff von Johnson & Johnson kommen“, sagt Dr. Steinat. Und im Juni solle wohl mehr Biontech kommen, fügt er hinzu. Dr. Bucher sagt es angesichts der gestrichenen Priorisierung so: „Ich gehe davon aus, dass die Politiker eine Steigerung erwarten - sonst hätte man es nicht öffnen dürfen.“

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