Hamster, Trollinger und Techno-Sound

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Poetry Slam auf der Remsparkbühne.
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Wortgewaltiger Poetry-Slam hinterlässt „Kopfkino“ und amüsiertes Gruseln.

Schwäbisch Gmünd. Seit mehr als sechs Jahren sind Poetry-Slams als eine feste Größe in der Gmünder Kulturlandschaft zuhause. Am Freitagabend wurde die wortgewaltige Veranstaltung im Rahmen des „Remspark Bühnenzaubers“ aus ihrem coronabedingten Dornröschenschlaf erweckt. Drei junge Slam-Poeten füllten den Abend, bei dem normalerweise der Applaus der Zuhörer den Sieger kürt. Die vergangenen Monate hätten so viel Zwietracht und „Gegeneinander“in der Gesellschaft verursacht, daher verzichteten die Veranstalter, der Moderator Johannes Elster und die Gmünder Touristik und Marketing auf einen „Wettbewerb“, führte Elster an, der Freitag solle „Harmonie und keine Abstimmung“ für die Gäste bringen. Alle anderen Regeln blieben davon unberührt, rund sechs Minuten hatte jeder Künstler Zeit seine selbstverfassten Texte dem Publikum vorzutragen.

Der Esslinger Nik Salzflausen erinnerte an seinen Hamster Epikur, mit dem der Künstler in inniger Verbundenheit lebte. Noch im Tod zeigte der Hamster seine selbstlose Größe in dem er sich zwischen Dampfbügeleisen und Holzparkett warf. Was folgte war Kopfkino pur, die Einäscherung des geliebten Tieres auf einem Einweggrill, der „der Nachhaltigkeit wegen“ zeitgleich mit Grillgut bestückt wurde, hinterließ amüsiertes Gruseln. Auch der in der Trauer reichlich konsumierte Alkohol verbesserte die Situation nicht, die Verwechslung des Betrauerten mit dem Grillgut löste amüsiertes Grauen aus.

Marius Loy inszenierte die „kleinen Freiheiten aus dem Schurwald“. In lyrischen Worten erklärte der Slamer die „Feinheiten und Tücken“ seines 1400 Seelen zählenden Heimatortes, in dem die einzige Tankstelle bereits früh „um 19.58 schloss“, ob Uhrzeit oder Jahreszahl ließ der Schauspieler offen. Als Kind hatte Loy in seinem süddeutschen Dorf alle Freiheiten für Entscheidungen, „aber für was?“.

Der Ulmer Andreas Rebholz „eröffnete“ in tiefster Mundart ein Techno-Festival in einem schwäbischen Dorf „zwischen Techno und Trollinger“ und präsentierte die Diskrepanz zwischen Sauerbraten und Technosound. Und ob es wirklich normal ist, wenn man normal ist? Der Durchschnitt sei die Balance, flüsterte dem Künstler eine Stimme ins Ohr und „im Wein liegt die Wahrheit“, so will Andreas auch weiter verfahren.

Eine Neuerung waren musikalische Beiträge von Nik und Marius, mal amüsant über Sibylle und Gerda, „zusammen 147 Jahre alt“, die in Gütersloh mit gemeinschaftlichen 7,2 Promille aus dem Zug gezogen werden, mal tragisch, wie die Geschichte über den Marsroboter Curiosity, der einsam seine Kreise auf dem roten Planeten zieht, bis seine Batterien schlapp machen „My battery is low and it's getting dark“ waren die letzten Worte des Roboters. Andrea Rohrbach

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