Heimat offen und einladend erleben

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Warum das Grundgesetz für sie Heimat bedeutet und wie wichtig Vielfalt ist, erklärt Landtagspräsidentin Muhterem Aras im Gespräch mit Michael Länge.

Schwäbisch Gmünd

Ein Gespräch, das mit einer Quitte beginnt und in eine mehr als gelungene Integrationsgeschichte mündet, das waren die Zeitgespräche mit Muhterem Aras, seit 2016 Präsidentin des baden-württembergischen Landtags. Am Mittwoch war die Stuttgarterin auf Einladung der Kreissparkasse Ostalb, der Buchhandlung Osiander und der Gmünder Tagespost zu Gast in Gmünd und umkreiste im Gespräch mit GT-Chef Michael Länge den Begriff der Heimat. Coronabedingt waren nur rund 80 Zuhörer im Prediger, doch dank GT-Livestream konnten sehr viel mehr das Gespräch verfolgen.

Nach ihrer Heimat befragt, nennt Aras Stuttgart. Das Ostanatolien ihrer glücklichen Kindheit "gehört zu meiner Person", sagt sie. Aber Heimat sei dort, wo sie sich wohlfühle, Familie und Freunde habe, sich engagieren könne. Als kurdische Alevitin sei ihre Muttersprache in der Türkei verboten gewesen und das Alevitentum unterdrückt worden. "Hier zählst du als Mensch und als Frau."

Das klare Bekenntnis zur westlichen Wertegemeinschaft führte 1992 dazu, dass sich Aras politisch engagierte, als in Mölln und weiteren Orten fremdenfeindliche Anschläge verübt wurden. Für sie eine Initialzündung: "Die Rechtsextremen haben nicht zu entscheiden, ob ich dazugehöre oder nicht." Die Wirtschaftswissenschaftlerin trat den Grünen bei und machte in Stuttgart Karriere.

Das Grundgesetz ist ein Schlüsselbegriff des Abends und hat ebenfalls einen festen Platz in Aras' Heimatbegriff. Sie nennt es einen wunderbaren Kompass, der 1949 mit großer Weitsicht verabschiedet worden sei. Es ermögliche viele Lebensentwürfe und garantiere Religionsfreiheit. Besonders hebt sie Artikel 1 hervor, der allen Menschen Würde zuspricht. So sieht sie es im Grundgesetz angelegt, Heimat weit zu fassen, als etwas Integratives und Offenes. Vielfalt sei natürlich nicht immer bunt, lustig und angenehm, sondern könne auch sehr anstrengend sein.

Doch Aras warnt davor, vor allem darüber zu reden, was nicht so gut gelinge. Die Mehrheit derjenigen, die zugezogen sind, "sehen sich als Teil des Ganzen", sagt sie. Sie verweist darauf, dass Deutschland früher ein Flickenteppich gewesen sei, bestehend aus vielen Fürstentümern, daraus sei heute ein Markenzeichen geworden: "Vielfältige und starke Regionen vereint unter Schwarz, Rot, Gold." Auch die Farben der ersten demokratischen Bewegung 1848 möchte sie nicht von Extremisten vereinnahmen lassen.

"Heimat. Kann die weg?" lautet der Titel eines Buches, das ein Gespräch mit dem Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger wiedergibt. Natürlich ein provokanter Titel, der eine Debatte auslösen soll, "weil Pegida und andere den Begriff missbrauchen". Aber eine neue Heimat finde man nicht von heute auf morgen, sagt die Migrantin. Man müsse sich Zeit nehmen und das Einwanderungsland müsse Zeit lassen. Austausch und Begegnung schaffen, dem anderen mit Neugier, Respekt und Wertschätzung begegnen, dann könne Integration gelingen.

Hier zählst du als Mensch und als Frau.

Muhterem Aras, Landtagspräsidentin

Wo es an Emanzipation fehlt

Der Tenor des Abends ist positiv und optimistisch, doch an manchen Stellen übt Aras Kritik, etwa an den Imamen, "die vom ausländischen Staat entsandt werden und den Vorgesetzten dienen müssen". Den Moscheen fehle die Emanzipation von den Ursprungsländern. Auch beim islamischen Religionsunterricht habe es Deutschland versäumt, Lehrer auszubilden – "manche vermitteln Werte, die mit unserem Wertesystem nicht zu vereinbaren sind." Und natürlich habe Deutschland zu lange nicht thematisiert, dass es Einwanderungsland ist. Auch werde das Potenzial der Zweisprachigkeit viel zu wenig erkannt.

Sehr anschaulich berichtet Aras über ihre erste Zeit als Zwölfjährige in Deutschland, wie die Mutter in einem landwirtschaftlichen Betrieb in Sielmingen aushilft und sie und ihre Geschwister dort auf eine große Offenheit stoßen und einfach mitgenommen werden – bei sonntäglichen Ausflügen sind sie ebenso dabei wie bei den Fernsehnachmittagen der Bauernkinder. Ihre erste Erfahrung in der Schule: Es wurde nicht darauf geschaut, was sie (noch) nicht kann – Deutsch –, sondern darauf, was sie kann: die Matheaufgaben. Unendlich dankbar ist Aras den Eltern, die den Kindern immer signalisierten: "Dieses Land bietet euch so viele Chancen."

Mit der Quitte, die bei der Politikerin eingangs ein bezauberndes Lächeln auslöste, was "mit einer wunderbaren Süßspeise" der Mutter zu tun hat, endet das eindrucksvolle gut 90-minütige Gespräch.

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