Ist das Solar-Verbot noch zeitgemäß?

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Über den (solarfreien) Dächern von Gmünd: Bisher darf in der gesamten Altstadt keine Photovoltaikanlage installiert werden - weil der historische Stadtkern als Ganzes unter Denkmalschutz steht.
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Wo Denkmalschutz und Klimaschutz gegeneinander stehen: Im historischen Stadtkern von Gmünd darf man keine Solaranlagen installieren. Es gibt Leute, die das ändern wollen.

Schwäbisch Gmünd

Für Neubauten bald Pflicht, in der Altstadt verboten: ein Hausdach, das Solarenergie liefert. Wer im historischen Stadtkern Gmünds lebt und mit einer Photovoltaik-Anlage eigenen Strom produzieren will, der hat Pech. Denn dort gilt: Denkmalschutz bremst Klimaschutz.

Der Grundsatz gilt für die gesamte Altstadt innerhalb der ehemaligen Stadtmauer, nicht nur für einzelne Gebäude. „Die Altstadt ist ein Flächendenkmal“, erklärt Julius Mihm, der Gmünder Baubürgermeister. Denkmäler zu schützen beruht auf dem Gedanken, dass sie Geschichtszeugnisse mit Erinnerungswert sind. Und zwar mit allem, was ihre historische äußere Form ausmacht, auch den Dächern. „Es gilt für alle Oberflächen: Fassaden, Dächer, Fenster“, sagt Mihm. In Gmünd betrifft dieser flächenmäßige Denkmalschutz rund 900 Gebäude.

Muss das so bleiben in einer Stadt, die bis 2035 CO2-neutral werden will? Die Frage haben Stadträte im Gmünder Gemeinderat schon laut gestellt. Die Antwort von OB Richard Arnold fiel knapp aus: Das kann nur die Landespolitik ändern. Denn Denkmalschutz ist Ländersache. Mihm: „Es geht um die Frage, was hat hier Vorrang: Denkmalschutz oder Klimaschutz?“ Im Moment ist es der Denkmalschutz. Will man das ändern, braucht es mehr als ein neues Gesetz. „Denkmalschutz hat Verfassungsrang in Baden-Württemberg, man müsste die Verfassung ändern“, sagt Mihm.

Der Baubürgermeister findet es richtig, dass die historisch gewachsene Gestalt der Altstadt als Ganzes Schutz genießt. „Die Altstädte in unserem Land spielen für die Identität der Menschen eine große Rolle“, sagt Mihm. Das Erscheinungsbild der Stadt ist ein Wert an Ansicht, findet Mihm. „Wenn es anders wäre, würden italienische Touristen ja in deutsche Vorstädte fahren.“ Dieses Erscheinungsbild definiert sich auch von oben - „besonders in einer im engen Remstal gelegenen Stadt wie Gmünd, auf die man von vielen Seiten eine Draufsicht hat“.

Aufs dem Blickwinkel das Stadtplaners ist das faktische Solar-Verbot in der Innenstadt kein grundlegendes Hindernis für die Energiewende. Durch das enorme Wachstum der Siedlungsflächen über viele Jahrzehnte hinweg, ist die Altstadt nur noch „ein sehr untergeordneter Teil des Baubestandes“, so Mihm. „Altstädte machen heute nur fünf bis zehn Prozent der Stadtgebiete aus.“

Aus dem Blickwinkel von Menschen, die dort wohnen, ist es eine Einschränkung ihrer Gestaltungsfreiheit. „Krass benachteiligt“, findet CDU-Stadtrat Christof Preiß die Bewohner der Innenstadt. „Wir müssen weg von Öl und Gas, Strom wird immer teurer - es ist legitim, wenn die Menschen autark werden wollen“, sagt Preiß. Darum hofft er, dass in der Landespolitik ein Umdenken in Gang kommt. Das sieht sein Stadtratskollege Sebastian Fritz (Die Linke) ganz ähnlich: „Es wäre definitiv an der Zeit, zumindest einmal diese Diskussion zu führen.“

Keiner von beiden will radikale Lösungen, dass man jetzt nicht dem Münster ein Solardach verpasst - völlig klar. „Aber es sollte Abwägungssache sein“, findet Fritz. Und Preiß argumentiert: „Es gibt Dächer in der Stadt, die sind gar nicht einsehbar.“

Baubürgermeister Mihm versichert, die Innenstadtbewohner nicht vergessen zu wollen: „Da muss man sich etwas einfallen lassen, etwa indem man ein Nahwärmenetz schafft.“ Aber um den Anteil an Solarstrom in und um Gmünd zu erhöhen, sieht er außerhalb viel bessere und größere Möglichkeiten. „Wir werden genug Spielräume haben an anderer Stelle, und genug Arbeit, damit werden wir nicht so schnell fertig.“

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