Ist Schweigen wirklich Versagen?

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Familiengeschichten sind ihr Lebensthema: Dilek Güngör hat einen neuen Roman geschrieben: "Vater und ich".
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Die gebürtige Gmünderin Dilek Güngör hat ihren dritten Roman veröffentlicht: „Vater und ich“.

Schwäbisch Gmünd

Mein Vater. Viele Texte, die Dilek Güngor schon geschrieben hat, beginnen so. In Kolumnen für die Berliner Zeitung hat die Gmünderin vor 20 Jahren angefangen, deutsch-türkische Familiengeschichten zu erzählen, ihre Familiengeschichten. Manchmal steht am Anfang auch: Meine Schwester. Meine Mutter. Oder: Tante Hatice. Ihr neues Buch ist ein Vaterbuch, der Titel: Vater und ich.

„Wann haben wir aufgehört, miteinander zu sprechen?“ Mit diesem Satz fängt der neue Roman an. Er erzählt von Ipek, einer Journalistin, und ihrem Besuch daheim bei ihrem Vater; die Mutter ist für ein paar Tage weggefahren. Die Ich-Erzählerin ist wieder eine Figur, die in Dilek Güngörs Biographie wurzelt. 1972 ist sie in Gmünd zur Welt gekommen, als Kind türkischer Eltern. Nach dem Studium in Mainz und London ging sie nach Berlin, dort lebt und arbeitet sie heute.

Vor einigen Wochen, ihre Kinder hatten Sommerferien, war Güngör für einige Zeit wieder zurück in der Heimat. Mit ihrem inzwischen dritten Roman ist sie auch zurückgekehrt, zu ihrem Lebensthema, ihrer Familie.

Auch in diesem Buch fallen einem Satzanfänge ins Auge, ganz oft ist es ein „Du“. Die Erzählerin berichtet nicht von ihrem Vater, sie erzählt ihm, wie es ihr geht in der Wiederbegegnung mit ihm. Und mit dem Schweigen, das zwischen ihnen ist. Dilek Güngör hat einen Schritt weiter gemacht: Es ist nicht mehr eine türkisch-deutsche Familiengeschichte, es ist eine allgemeingültige Familiengeschichte geworden.

Vom Vater-Schweigen und auch vom Tochter-Schweigen erzählt dieses Buch, vom Nicht-gesagten und offenbar Nicht-zu-sagenden. Und dass das manchmal weh tut. „Ich muss aufpassen, an unserem Schweigen nicht zu ersticken“, lässt sie ihre Ich-Erzählerin einmal sagen. Aber Dilek Güngör ist dabei nicht hart und unbarmherzig. Wieso auch: Sie lieben sich ja, Vater und Tochter – sie sagen es nur nicht.

Dabei schaut Güngör sehr genau hin, sie beschönigt nichtversucht, sich nichts vorzumachen. „Manchmal ist es auch einfach scheiße“, sagt die Autorin, wenn sie über den Kern ihres Buches redet. Aber sie erzählt auch von Möglichkeiten, Schweigen zu umgehen, es in Gesten und Andeutungen und ganz indirektem Reden immer wieder ein wenig aufzulösen.

Es ist auch ein Buch über die Erkenntnis, dass man nicht unbedingt das Maximale im Leben verlangen und erwarten kann, um Momente gemeinsamen Glücks, von Zufriedenheit und Zusammengehörigkeit zu fühlen. „Ich habe aufgehört, alles erklären zu müssen“, sagt Dilek Güngör.

In einem Essay für die „Zeit“, der parallel zum Roman entstanden ist und das Thema des Buchs auf seine Art beschreibt, setzt Dilek Güngör eine ganz zarte Szene an den Schluss: „Wir essen grüne Bohnen in Tomaten, kauen und sitzen beieinander, sehen zum Fenster hinaus, reichen uns Servietten oder die Schüssel mit Joghurt. Hüllen uns in unser Schweigen wie in eine warme Decke. Sei’s drum. Wir müssen gar nicht reden, um uns einander nah zu fühlen. Die Stimme im Ohr, die flüstert, Schweigen sei Versagen, wird leiser.

Am Schluss des Romans fährt die Tochter wieder ab, nach Berlin, zu ihrer Familie. Der letzte Satz ist ein Du-Satz: „Du hast mir Trauben eingepackt.“

Info: Dilek Güngör, geboren 1972 in Schwäbisch Gmünd, hat in Deutschland Übersetzen und Journalistik studiert, danach „Race and Ethnic Studies“ in Warwick, England. Dann arbeitete sie für die „Berliner Zeitung“. 2007 erschien ihr erster Roman: „Das Geheimnis meiner türkischen Großmutter“. Güngör war bis 2020 stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift „Kulturaustausch“, sie schreibt als Gastautorin Beiträge für die Zeit-Online Kolumne „10 nach 8“. 2019 erschien ihr Roman „Ich bin Özlem“, in diesem Sommer 2021 nun „Vater und ich“ ( Verbrecher Verlag, 19 Euro).

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