Jakob Wilhelm Fehrle von Grund auf neu erschließen

+
„Mit offenen Sinnen für das Neue“, diese Ausstellung im Museum im Prediger zeigt Werke von Jakob Wilhelm Fehrle aus seinen Pariser Jahren von 1911 bis 1914. Dr. Martin Pozsgai erläutert diese.
  • schließen

Die Ausstellung über die Pariser Jahre des Gmünder Bildhauers strebt auch an, dessen Atelier im Zeppelinweg zu bewahren und zu öffnen.

Schwäbisch Gmünd

Die Ausstellung, sagt Baubürgermeister Julius Mihm, soll ein Beginn sein, Jakob Wilhelm Fehrle von Grund auf neu zu erschließen. Vielleicht hat deshalb die Verwaltung Stadträte und Kulturbeiräte zu einer Führung durch „Mit offenen Sinnen für das Neue“ ins Museum eingeladen. Eine gute Hand voll war der Einladung gefolgt. Vom Kurator der Ausstellung, Dr. Martin Pozsgai, erfuhren sie, wie die Jahre in Paris von 1911 bis 1914 den Künstler beeinflussten. Pozsgai hat dazu Werke der Ausstellung des 1884 in Gmünd geborenen Bildhauers erforscht und präsentiert. Dies sind Skulpturen, aber auch Fotografien und Schriftstücke. Pozsgai hat sich dazu mit Fehrles Tochter, Cornelia Fehrle-Choms, durch den Nachlass des Künstlers im Atelier im Zeppelinweg „gewühlt“. Diese drei Pariser Jahre, macht Pozsgai deutlich, waren eine prägende Zeit im Leben des Künstlers. Er traf dort auf Auguste Rodin, Pablo Picasso, Paul Cezanne, Aristide Maillol oder Wilhelm Lehmbruck. Von letzteren sind Skulpturen im Prediger zu sehen. Sie verdeutlichen den Einfluss, den die beiden Bildhauer auf den Gmünder hatten.

Am Eingang der Ausstellung hat Pozsgai in wenigen Worten den Lebenslauf Fehrles skizziert. Dass er bei „Erhard und Söhne“ eine Lehre als Ziseleur gemacht hat. Dass er von 1914 bis 1918 als Soldat an der Westfront war. Für Fehrle sei dies nach den Pariser Jahren eine „traumatische Geschichte“ gewesen. Danach habe er sich in Gmünd niedergelassen, am Zeppelinweg sein Atelier gebaut. In Gmünd, sagte Pozsgai weiter, habe Fehrle „ein bisschen einen schlechten Ruf“, er werde auch als Nazi deklariert. In Poszgais Lebenslauf-Notizen liest sich dies so, dass Fehrle neben Portraits von Hindenburg oder Heuss auch ein Portrait von Hitler gemacht habe.

Genau an dieser Stelle hakte Grünen-Stadtrat Gabriel Baum am Ende der Führung ein, er fragte nach Fehrles Wirken in den 30er-Jahren. „Wahrscheinlich war er kein echter Nazi“, sagte dazu Poszgai, der sich von Fehrles Nachlass im Atelier mehr Aufschluss erhofft. Einen Katalog habe er für die Ausstellung aus zeitlichen Gründen nicht erstellt, sagte der Kurator auf GT-Anfrage. Der Grund wohl, weshalb am Eingang der Ausstellung der Katalog der Fehrle-Ausstellung „Mädchen und Frauen“ aus dem Jahr 2005 zum Verkauf angeboten wird. In diesem haben schon vor 16 Jahren die Stuttgarter Kunsthistorikerin Edith Neumann und die Tochter Cornelia Fehrle-Choms Antworten auf die Frage von Gabriel Baum gegeben. 1937 seien Werke Fehrles aus der Stuttgarter Staatsgalerie und aus dem Ulmer Museum beschlagnahmt und als entartet nach Berlin gesandt worden, schrieb Neumann. Zu diesem Zeitpunkt habe Fehrle „längst öffentliche Aufträge ganz im Sinne der neuen Machthaber ausgeführt“. Sie nannte eine Hitler-Büste für die Universität Tübingen im Jahr 1935, Werke für den Reichsminister des Auswärtigen Amtes, Joachim von Ribbentrop, und seit 1935 das Gefallenendenkmal auf dem Gmünder Marktplatz. Neumann tat dies nicht, ohne darauf hinzuweisen, dass Fehrle „seine Frau, die Malerin Klara Fehrle, die seit den 30er-Jahren unter einer psychischen Erkrankung leidet, aus der Heilanstalt Christophsbad in Göppingen holen muss, um sie vor der drohenden Euthanasie zu schützen“. Neumann fasste zusammen: „Die Ambitionen des Großplastikers verknüpfen sich unübersehbar mit den Jahren der NS-Diktatur – eine bislang wenig beachtete Facette in der Rezeption der Kunst des Schwäbisch Gmünder Bildhauers.“

In eben diesem Ausstellungskatalog äußerte sich auch Cornelia Fehrle-Choms: Aufgrund der Auftragsarbeiten in der Zeit von 1933 bis 1945 werde immer wieder versucht, „meinen Vater als nationalsozialistisch, ideologisch geprägten Bildhauer darzustellen“. Oft würden „dabei diese Zeit und die Einflüsse der nationalsozialistischen Kunstauffassung bewusst oder unbewusst überbewertet im Vergleich zu seinen Werken aus den 24 Jahren vor und 28 Jahren nach dem Dritten Reich“. „Fehrle als einen nationalsozialistisch ideologisierten Bildhauer darzustellen, wird weder seiner Person noch seinem künstlerischen Lebenswerk gerecht“, schrieb seine Tochter.

Genau an dieser Stelle setzt Pozsgai an. Im Nachlass Jakob Wilhelm Fehrles hofft er, „Antworten zu finden“ auf diese unterschiedlichen Einschätzungen. Damit verbunden ist der Wunsch, Fehrles Atelier zu erhalten. „Man kann dort den Kosmos eines Künstlers über 100 Jahre nachvollziehen“, sagt Pozsgai, habe dieser doch mit dem Kaiserreich, der Weimarer Republik, dem Nationalsozialismus und der Bundesrepublik vier Gesellschaftssysteme erlebt.

„Mit offenen Sinnen für das Neue. Jakob Wilhelm Fehrles Pariser Jahre“, im Gmünder Museum im Prediger zu sehen bis zum 7. August 2022.

Wahrscheinlich war er kein echter Nazi.“

Dr. Martin Pozsgai, Kurator der Fehrle-Ausstellung

Zurück zur Übersicht: Stadt Schwäbisch Gmünd

Mehr zum Thema

Kommentare