Joachim Gauck in Gmünd: Sich alles gefallen lassen- das ist nicht Toleranz

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"Irgendwo ist Schluss, da wo unsere Rechtsordnung und unsere Verfassung verlassen werden.“ Joachim Gauck sprach über Toleranz - und ihre Grenzen.
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Der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck spricht im Gmünder Prediger über Toleranz - und dass sie auch Grenzen haben sollte.

Schwäbisch Gmünd

Als sein Vater von der Stasi verhaftet wurde, war Joachim Gauck mittendrin in seiner Ausbildung zur Intoleranz: In der Schule erzählten die Lehrer dem Elfjährigen, dass Adenauer und die Amerikaner Menschenfeinde sind, die keine Toleranz verdienen. „Ich lernte also Intoleranz“, sagt Gauck. Daheim, beim Anblick der weinenden Mutter, beschloss er intolerant zu werden gegenüber einem Staat, in dem Menschen einfach abgeholt werden und nicht mehr wiederkommen.

Bei seinem Besuch im Schwäbisch Gmünd erzählte der ehemalige Bundespräsident von seinen Lebenswegen und wie sich dabei sein Verhältnis zur Toleranz entwickelt hat – und dass auch Intoleranz manchmal das Richtige ist. Begrüßt von Oberbürgermeister Richard Arnold, mit Amtskette um den Hals, schien es Gauck zu genießen, befreit von Ämtern zu reden. Natürlich war es ein politischer Abend im Prediger, mit Haltung und klaren Standpunkten. Aber der frühere Pfarrer und Bundespräsident kann auch gut erzählen, witzig, pointiert, anekdotenreich, manchmal sogar schnoddrig: „Wenn es Ihnen zu schwierig wird, können Sie auch gehen. Sie sind das Volk!“

Was von der Gmünder Volkshochschule als Lesung geplant war, wurde zum freien Vortrag des 81-Jährigen. Gauck erzählte, was ihn zum Schreiben seines Buches „Toleranz: einfach schwer“ gebracht hatte. „Der Anlass war, das ich Entwicklungen gesehen habe, dass immer mehr Spaltung entsteht, und dagegen wollte ich wenigstens mein Wort erheben.“

Gauck erzählt, wie er als neuer Abgeordneter von „Bündnis 90“ den politischen Nachfolgern jener Menschen gegenüberstand, die seinen Vater ins Gefängnis gesteckt hatten, nur weil er einen Brief von einem geflüchteten Kollegen aus dem Westen bekommen hatte. „da sitzt so eine Truppe“ von der SED, „ die sich jetzt PDS nennt“. Und es habe sich ein inneres Dramas abgespielt: „Der Gefühlsgauck sagte: Was wollen die hier? Aber der Kopf sagte: Die sind genauso gewählt wie du. Du magst sie mögen oder nicht, aber du wirst lernen damit zu leben.“ Das sieht er auch als Grundlage für den richtigen Umgang mit der AfD – und ihren Wählern. Gauck plädiert fürs politische Streiten: „Ich nenne es kämpferische Toleranz.“

„Intoleranz gehört dazu“

Es sei wie beim Sport: „Der Boxer will gewinnen, aber er will seinen Gegner nicht töten.“ Joachim Gauck stellt sich für das demokratische Deutschland in den Ring: „Als alter Mann mit weißen Haaren konnte ich zum ersten Mal sagen, ich bin stolz auf dieses Deutschland.“ Zum Beispiel auf eine Verfassung, „um die uns viele Länder beneiden“. Er sei „so wütend auf Leute, die meinen wir müssen unbedingt ein anderes System haben, egal ob die vom rechten Rand kommen oder islamistisch sind“. An einem Punkt hört die Toleranz auf, findet Gauck: „Irgendwo ist Schluss, da wo unsere Rechtsordnung und unsere Verfassung verlassen werden.“ Weil es Leute gebe, „die das zerstören wollen, was uns wertvoll ist - deshalb gehört Intoleranz zum Leben der Toleranten hinzu.“

Vor seinem Auftritt im Prediger trug sich der Ex-Bundespräsident ins Goldene Buch von Schwäbisch Gmünd ein.

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