Kinder leben den Natur-Kreislauf mit

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Svenja Schneikert, Sharlotta Schlotterbeck und Theresa Weiglin vom Vorstand des Trägervereins Sozialkraftwerk mit ihrer neun Monate alten Tochter Mandira (v.l.) im Jurtenkindergarten.
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Der Jurtenkindergarten hat Mitte September 2020 eröffnet – wegen Corona ohne Einweihungsfeier und Tag der offenen Jurte. Was die Einrichtung besonders macht.

Schwäbisch Gmünd

Er bietet einen Blick auf die Gmünder Altstadt und liegt doch versteckt wie in einer eigenen Welt am Nepperberg: der Jurtenkindergarten. Das Gelände ist zu Fuß ab dem Salvator bergauf in etwa einer Viertelstunde zu erreichen. Es erstreckt sich auf rund zwei Hektar Fläche, sagt Sharlotta Schlotterbeck, die den Kindergarten zusammen mit Péter Szász leitet. Doch um die zwei Drittel der Fläche am Hang ist voll von Gestrüpp und kaum zugänglich. Im vorderen Bereich des Areals führt ein Schotterweg vorbei an einem Teich und einer Feuerstelle zu einer Jurte mit neun Metern Durchmesser. Daneben steht eine geodätische Kuppel aus Holz, die bei den Kindern "Schlafdom" heißt, weil sie die Ruhezeiten in ihr verbringen werden. Der Bau hat sich etwas verzögert, daher legen sich die Kinder derzeit noch in einem Jurtenzelt mit Holzofen zur Ruhe – der "Schlafzwiebel".

Dem Kindergartenteam ist es wichtig, dass die Drei- bis Sechsjährigen zwar viel draußen sind, sich aber auch drinnen zurückziehen können. Die Jurte ist dabei der Alltagsmittelpunkt. Nachdem die Kinder gemeinsam mit Sharlotta Schlotterbeck und ihren Kollegen am Morgen ab dem Treffpunkt beim Brunnen am Fuße des Salvators hinauf zum Kindergarten gewandert sind, gibt es erst mal ein gemeinsames Frühstück, erzählt Sozialpädagogin Svenja Schneikert. Im Sommer wird draußen gegessen, derzeit in der Jurte, die Küche, Speisesaal und Gruppenraum in einem ist.

Drei Küchenzeilen auf Rollen, kleine Holztische und Stühlchen, als Sofa aufgestellte Matratzen, eine Hängematte und ein Holzofen machen die Jurte wohnlich. Dank Oberlicht und raumhohen Fenstern ist sie lichtdurchflutet. An einem der Fenster stehen Blumentöpfe, in denen Salatpflänzchen sprießen. Die neun Kinder im Alter zwischen drei und fünf Jahren, die derzeit den Kindergarten besuchen, haben die Samen dafür in die Erde gesteckt und beobachten nun täglich, wie sie sich entwickeln.

Das Wasser zum Gießen holen die Jungen und Mädchen von der Quelle, die auch den Teich am Eingang des Geländes speist. Denn einen Wasseranschluss gibt es auf dem Gelände nicht. Und den braucht es auch nicht, ist Sharlotta Schlotterbeck überzeugt. Das Wasser zum Kochen, Spülen und Händewaschen zapfen die Kinder morgens an der Quelle, abends gießen sie die Gemüse- und Blumenbeete auf dem Gelände damit. Die Seifen sind biologisch abbaubar, sagt Sharlotta Schlotterbeck. Sie erklärt auch, wie die Toiletten in dem Kindergarten funktionieren, der nicht an den Abwasserkanal angeschlossen ist. Statt einer Spülung gibt es in den WC-Holzhäuschen Eimer mit Sägespänen, um die großen Hinterlassenschaften im Kanister in der Toilette zu bedecken. Sobald die Behälter voll sind, kommt der Inhalt auf den Kompost und später in Form von Humus zurück auf die Beete.

Die Natur gibt alles her, mehr braucht es nicht.

Sharlotta Schlotterbeck vom Leitungsteam des Kindergartens

Die Kinder leben so den Gedanken des Kreislaufs der Natur mit, sagt Sharlotta Schlotterbeck. "Wir schöpfen aus der Fülle der Natur, sie gibt alles her, was Kinder brauchen", erklärt sie, weshalb es in dem Kindergarten kaum Spiele gibt, aber doch Handwerkszeug wie Kinderrechen oder -spaten. Und dann sind da unter anderem der Hang zum Hinabkullern, die Bäume zum Äpfelpflücken, die Vögel und Eichhörnchen zum Beobachten, der Teich, die Feuerstelle – so lernen die Kinder die Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft kennen. Sie sollen die Natur dabei selbst erkunden, sagt Sharlotta Schlotterbeck. Daher verstehen sich die Fachkräfte in dem Kindergarten auch nicht als "Erzieher, die Kinder zu einem von Erwachsenen gewünschten Verhalten formen wollen", sondern vielmehr als "Begleiter".

Derzeit begleiten vier Mitarbeiter neun Kinder: Neben Sharlotta Schlotterbeck, Péter Szász und Svenja Schneikert gehört Judith Wagner vom Bundesfreiwilligendienst zum Team. Bis zu 20 Plätze stehen in dem Ganztagskindergarten zur Verfügung. Diese sind über das Internetportal der Stadt zu buchen.

Der Jurtenkindergarten ist allerdings noch kaum bekannt, sagt Theresa Weiglin vom Vorstand des Vereins Sozialkraftwerk, der Träger der Einrichtung ist. Mitte September 2020 hat diese eröffnet. Wegen Corona ohne große Feier und ohne Tag der offenen Jurte, bedauert sie und hofft, dass dies bald wieder möglich ist.

750 000 Euro Gesamtkosten

Der Verein Sozialkraftwerk hat den Naturkindergarten ab Anfang 2020 gebaut und Mitte September 2020 eröffnet. Die Gesamtkosten betrugen etwa 750 000 Euro. Der Trägerverein übernimmt rund 185 000 Euro, die Stadt beteiligt sich mit 315 000 Euro. Dazu kommen beantragte Mittel aus einem Förderprogramm des Landes von 156 000 Euro. Der Rest soll über Spenden finanziert werden. jul

Der Schlafdom, bei dem der Innenausbau läuft.
Eines von zwei Toilettenhäuschen im Kindergarten.

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