Kindesmissbrauch – nie eine Bagatelle

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Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Susanne Ibrahimovic betreut in der Beratungsstelle von Frauen helfen Frauen in der Lorcher Straße Opfer von Kindesmissbrauch.
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Warum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Susanne Ibrahimovic es für überfällig hält, dass sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche härter bestraft wird.

Schwäbisch Gmünd

Mal ist es der Betreuer, der Onkel oder die Geschwister: Fast immer kennen die Kinder und Jugendlichen, die Opfer von sexueller Gewalt werden, die Täter im Vorfeld, weiß Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Susanne Ibrahimovic vom Verein Frauen helfen Frauen. Bei ihr sind derzeit acht Mädchen und junge Frauen zwischen zehn und 21 Jahren in der Beratungsstelle in Gmünd in Therapie – wieder. Wegen der Corona-Pandemie konnte sie sechs Wochen nur per Telefon oder Video Kontakt zu ihnen halten. Im Interview spricht die 56-Jährige über die Auswirkungen des Lockdowns und über die Pläne der Justiz, Kindesmissbrauch härter zu bestrafen.

Wie werden die Kinder und Jugendlichen zu Ihnen vermittelt?

Susanne Ibrahimovic: Manche kommen über Kinder- und Jugendpsychiaterin Frau Dr. Bär, die nebenan ihre Praxis hat, andere über das Jugendamt, die Kontaktstelle gegen sexuellen Missbrauch in Aalen, die Canisius-Beratungsstelle oder über die Polizei, wenn ein sexueller Übergriff zur Anzeige kommt.

Wie läuft die Therapie bei Ihnen ab?

Die meisten kommen einmal die Woche zur Sitzung. Bei jenen, die schon seit Jahren da sind, sind die Treffen seltener. Bei einer Therapie, die zu Ende geht, biete ich erst vierzehntägige, dann vierwöchige Termine an. Wenn ich sehe, dass die ambulante Therapie nicht ausreicht, vermittle ich die Kinder über den Kinderarzt oder die Kinderpsychiaterin in eine entsprechende Klinik. Das war in einem Fall so, als das Mädchen gar nicht über die Tat reden konnte. Sie verletzte sich selbst, hatte Schlaf- und Konzentrationsstörungen, innere Unruhe. Da muss man ans Trauma ran. Viele verdrängen den Missbrauch, doch irgendwann taucht unvermittelt ein Trigger auf, der das Erlebte wieder in ihnen wachruft – und wenn es nur ein bestimmter Geruch ist. In der Therapie bereite ich die Opfer darauf vor.

Wie lange dauern die Therapien in der Regel?

Die Therapie umfasst mindestens ein halbes Jahr, die längste dauerte bisher sechs Jahre. Das hängt stark vom Fall und von der Person ab. Bei den sechs Jahren war der Fall sehr kompliziert. Auch die Gerichtsverhandlungen zogen sich über Jahre.

Mit welchem Ergebnis?

Der Täter, der unter 21 war, kam auf Bewährung mit Auflagen frei und musste Schmerzensgeld zahlen. Die volljährige Mittäterin, die ihn angestiftet hatte, musste in den Vollzug. Eine vermeintliche Freundin des Opfers.

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht hat ein Reformpaket vorgestellt, nach dem Kindesmissbrauch und der Besitz von Kinderpornografie härter bestraft werden. Wie stehen Sie dazu?

Sexualisierte Gewalt soll nun endlich nicht mehr nur als Vergehen, sondern als Verbrechen eingestuft werden. Dadurch soll auch das Mindeststrafmaß hochgehen. Das ist gut. Und es soll keine Einstellung der Verfahren wegen Geringfügigkeit mehr geben. Während manche Täter jetzt mit einem Bußgeld und drei, vier Stunden Therapie davon kommen, sollen die Taten künftig nicht mehr als Bagatellen abgetan werden. Das ist wichtig, denn sexualisierte Gewalt ist keine Bagatelle – in keiner Form. Die Wunden nach einem Missbrauch können heilen, aber eine Narbe bleibt immer zurück. Wichtig ist auch, dass die Verbrechen im Führungszeugnis der Täter stehen, damit jemand, der eine pädophile Neigung hat, nicht mehr mit Kindern und Jugendlichen arbeiten darf. Die Reform ist überfällig – und ich hoffe, dass sie durchgeht.

Reicht sie aus Ihrer Sicht?

Nein. Es hat sich im Opferschutz viel getan, doch das ist noch nicht ausreichend. Es muss sich im Ganzen was ändern. Die Zeit zwischen dem Ermittlungsverfahren und der Verhandlung ist momentan viel zu lang. Ein halbes Jahr ist da gar nichts. Dann ziehen sich die Verhandlungen oft lange hin. Ich kenne einen Fall, bei dem das Gerichtsverfahren über zwei Jahre gedauert hat. Da machen wir hier Ressourcenarbeit, damit die Opfer ihren Alltag bewältigen und an sich glauben können – und dann müssen sie wieder alles erzählen und dem Täter vor Gericht begegnen. Das ist für die meisten das Schlimmste. Mittlerweile gibt es für Kinder und Jugendliche psychosoziale Prozessbegleitung, bei der ausgebildete Fachkräfte die Betroffenen während des Ermittlungsverfahrens und der Verhandlung begleiten.

Denken Sie, dass die höhren Strafen für Täter abschreckend wirken?

Nein, dafür sind sie nicht hoch genug. Aber ich meine, für die Opfer ist wichtig, dass es irgendeine Art von Gerechtigkeit gibt. Dass sie eine Entschuldigung hören und dass man ihnen glaubt, kann heilend wirken.

Wer waren die Täter bei den Kindern und Jugendlichen, die Sie betreuen?

Vor der Tat haben sich Opfer und Täter nahezu immer in irgendeiner Form gekannt. Die Täter kamen aus dem nahen Umfeld – aus der Verwandtschaft oder dem Freundeskreis.

Fürchten Sie, dass der Corona-Lockdown Übergriffe auf Kinder in der eigenen Familie begünstigt hat?

Das stelle ich mir schwierig vor, wenn alle in der Familie daheim sind, muss doch jemand ein wachsames Auge haben. Anders war es vielleicht bei getrennt lebenden Eltern, wenn die Kinder auf Besuchswochenenden waren.

Das Bundeskriminalamt geht davon aus, dass viele Delikte in der Zeit ins Darknet verlagert wurden. Neben Drogenhandel boomte dort die Verbreitung illegaler Pornografie.

Das fürchte ich auch. Kinder und Jugendliche waren in der Zeit noch mehr in sozialen Medien unterwegs. Da hatten Pädophile bessere Möglichkeiten, Kontakte zu knüpfen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass Eltern schauen, was ihre Kinder so tun, und mit ihnen ins Gespräch kommen.

Hat die Nachfrage in der Beratungsstelle in der Zeit zugenommen?

Nein. Missbrauchsfälle kommen meist erst zutage, wenn sich Kinder und Jugendliche jemandem anvertrauen, etwa der Erzieherin oder der besten Freundin, die sie dann ermutigt, mit den Eltern zu reden. Diese sozialen Kontakte waren während des Lockdowns stark eingeschränkt.

Wie haben sich die Schulschließungen auf die Kinder ausgewirkt?

Die sozialen Kontakte und die Freizeitaktivitäten haben gefehlt. Die Kinder waren komplett aus ihrem morgendlichen Rhythmus. Das hat viele ziemlich durcheinander gebracht. Eine gewisse Regelmäßigkeit gibt Sicherheit, gerade für Kinder mit Traumata ist das wichtig.

Sie machen einen so fröhlichen Eindruck. Wie stecken Sie das alles weg?

Ich schaue schon nach mir, nach einem Ausgleich in der Freizeit. Wir haben einen schönen Garten, ich schwimme gerne und spiele Theater. Wichtig ist für mich auch der Austausch mit Kolleginnen wie Christiane Reiser, die bei Frauen helfen Frauen die Erwachsenenberatung macht.

Susanne Ibrahimovic und Frauen helfen Frauen

Susanne Ibrahimovic ist Diplom Heilpädagogin, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und psychosoziale Prozessbegleiterin. Beim Verein Frauen helfen Frauen bietet die Gmünderin seit zehn Jahren Therapiestunden an. In dieser Zeit hat sie rund 50 Mädchen und Jungen betreut. Die acht Therapieplätze, die zeitgleich zur Verfügung stehen, sind alle belegt. Betroffene können sich dennoch melden, sagt die Psychotherapeutin, die dann gegebenenfalls mit anderen Stellen eine Lösung finden will. Kontakt unter der Telefonnummer (0162) 4637997.

Die Präventionsprojekte, die Susanne Ibrahimovic an Kindergärten und Schulen anbietet, liegen wegen der Corona-Bestimmungen auf Eis.

Die Beratungsstelle von Frauen helfen Frauen ist in der Lorcher Straße 22 in Gmünd, Telefon (07171) 39977, www.frauenhelfenfrauen-schwaebischgmuend.de.

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