Kosten mehr Einwohner mehr Geld?

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Noch braucht die Stadt Grundstücksverkäufe für die Finanzierung des Haushalts. Im Bild das Baugebiet Käppelesäcker.

Drei Gemeinderatsfraktionen laden zum Online-Themenabend „Flächenverbrauch“. Dr. Thilo Sekol sieht eine Verlagerung der Probleme in die Zukunft..

Schwäbisch Gmünd

Engpässe im Haushalt der Stadt durch mehr Einwohner und mehr Gewerbeansiedlungen ausgleichen? Für Dr. Thilo Sekol ist das keine Lösung. Der Betriebswirt und Autor des Buches „Der Flächenwahnsinn?! Was bei Siedlungsexpansionen falsch läuft und was wir ändern müssen“ war am Dienstagabend zu Gast beim Online-Themenabend „Flächenverbrauch“, veranstaltet von den Gemeinderatsfraktionen „Die Grünen“, SPD und Linke, moderiert von Michael Schlichenmaier, früherer Klimaschutzmanager der Stadt Schwäbisch Gmünd.

Man könne nicht jedes Jahr Grundstücke verkaufen, um den Haushalt zu finanzieren. Damit verschiebe man die Problematik nur auf spätere Jahre. Und mehr Einwohner bedeuteten nicht unbedingt eine Entlastung der Finanzen. Im Gegenteil. Dr. Thilo Sekol rechnet mit höheren Aufwendungen für Infrastruktur und Verwaltung. Und von einer Million Euro zusätzlicher Gewerbesteuereinnahmen blieben der Kommune nur 170 000 Euro. Er bestätigt die Frage von Tim-Luka Schwab, ob sich mehr Einwohner langfristig sogar negativ auf den Haushalt auswirken. Es sei sogar möglich, dass weniger Einwohner den Haushalt entlasten. Für neue Baugebiete, sollten sie doch notwendig werden, empfiehlt Dr. Thilo Sekol eine Wirtschaftlichkeitsberechnung.

In Deutschland werde innerhalb von vier Jahren eine Fläche in der Größe der Stadt Heilbronn überbaut. Erst 2035 solle die Bundesrepublik auf einen Netto-Null-Flächenverbrauch kommen. Man könne auf Brachflächen in Deutschland Millionen Wohnungen bauen, allerdings stünden gesetzliche Vorgaben dagegen, weil ja private Flächen betroffen seien. Grundsätzliche Veränderungen seien nötig: „Wir müssen die Arbeitsplätze zu den Menschen bringen statt die Menschen zu den Arbeitsplätzen.“ Die großen Städte seien voll von Verwaltungsgebäuden, deshalb werde täglich Stau produziert. Diese Arbeitsplätze müssten in die Peripherie kommen. Gabriel Baum, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Gemeinderat, kann sich vorstellen, dass Schwäbisch Gmünd schon 2030 beim Flächenverbrauch auf netto Null kommt. Derzeit, so Baum, sei eine Finanzierung des Haushalts ohne Grundstücksverkauf noch gar nicht machbar.

Schwäbisch Gmünd habe von 2013 bis 2019 um 2573 Einwohner zugenommen, so Sebastian Fritz, Fraktionsvorsitzender der Linken. Im Durchschnitt habe man aber pro Einwohner 270 Quadratmeter Fläche verbraucht, deutlich mehr als im Landesdurchschnitt. Er sieht den Zuwachs auch deshalb kritisch, weil dadurch zusätzlicher Individualverkehr generiert werde.

Gerhard Hackner, Leiter des Amts für Stadtentwicklung, erläutert Gmünds Weg in Sachen Wohnungsangebote. Die Innenentwicklung habe dabei Vorrang, realisiert zum Beispiel in Lindach oder auch Straßdorf. Die Stadt müsse auch die sozialen Aspekte verfolgen, so entstünden im neuen Baugebiet Fehrle-Areal auch Wohnungen für weniger wohlhabende Menschen. Gewerbeflächen könnten natürlich nur im Außenbereich geschaffen werden. In Schwäbisch Gmünd gelte es, die Transformation zu schaffen. So müssten in der Autobranche wegfallende Jobs kompensiert werden. Der neue Weleda-Campus auf dem Gügling sei ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Moderator Michael Schlichenmaier schätzt die rege Beteiligung am Themenabend, den gut 50 Interessierte verfolgt haben. Er wünscht sich, dass „bei einem dennoch nötigen Flächenverbrauch eine transparente Entscheidungsfindung möglich ist“.

Wir müssen die Arbeitsplätze zu den Menschen bringen.“

Dr. Thilo Sekol,, Betriebswirt

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