Lage des Handels spitzt sich weiter zu

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Zwei bis zehn Prozent ihres normalen Umsatzes erwirtschaften Gmünds Einzelhändler durch "Click & Collect". Damit verringern sie zwar ihren Verlust, ein langfristiger Ausweg aus der wirtschaftlich schwierigen Situation ist dies aber nicht.

HGV-Vorstandsmitglied Dr. Christof Morawitz fordert im GT-Gespräch zur Situation der Händler mehr Verlässlichkeit von der Politik und mehr Beweglichkeit von den Geschäftsleuten selbst.

Schwäbisch Gmünd

Die Situation des Handels ist schwierig, sagt Dr. Christof Morawitz, Vorstandsmitglied des Handels- und Gewerbevereins HGV. Seit Dezember sind die Geschäfte dicht, mit Online-Bestellungen und Liefer- und Abholservice versuchen die Händler, wenigstens etwas Umsatz zu machen. Morawitz beantwortet Fragen von Michael Länge.

Wie geht‘ s dem Handel in der aktuellen Situation des Lockdowns?

Morawitz: Die Lage spitzt sich fortlaufend zu. Es geht an die Substanz. Die Emotionen kochen hoch, die Nerven flattern. Verantwortlich dafür ist ein unsägliches Zusammenspiel von mangelnder Perspektive, wann wieder geöffnet werden darf, mit zur Neige gehenden Mitteln. Viele stecken Gelder, die zur Altersvorsorge aufgebaut wurden, in den laufenden Geschäftsbetrieb. Weil viel Herzblut im Geschäft steckt, weil man nicht kampflos aufgeben will. Über die zugesagten öffentlichen Stützungsgelder herrscht Frust. Da man erst zur Mitte Dezember schließen musste, dürfte bei vielen der Umsatz so groß sein, dass aus dem Unterstützungstopf nichts kommt. Eine böse Überraschung. "Ich träume nachts davon", Aussagen wie diese sind für mich ein Alarmsignal, weil fortlaufende Geldknappheit krank macht und zu Belastungssymptomen führt.

Stehen in Gmünd tatsächlich Händler vor dem Aus?

Ja, Händler stehen vor dem Aus. Und es werden mehr werden, wenn die Öffnung des Handels fixiert ist. Warum? Weil die Händler sich dann mit aktueller Ware eindecken müssen bzw. diese bereits jetzt im Vorgriff auf eine mögliche Öffnung ordern müssen, das bindet Liquidität. Liquidität, die teilweise nicht mehr vorhanden, verfügbar ist. Und auch von den Banken aufgrund von zwölf Monaten Pandemie wegen keinerlei Liquiditätsreserven und bestehender Verbindlichkeiten nicht mehr organisiert werden kann. Von den Soforthilfen im ersten Lockdown wurden 13,4 Milliarden Euro ausgezahlt. Von der Überbrückungshilfe II rund 2,8 Milliarden Euro. Von der November/Dezemberhilfe wurden 8,1 Milliarden Euro beantragt, geflossen sind 3,9 Milliarden Euro. Für die Händler bedeutet dies ein ständiges Jonglieren zwischen Hilfsangeboten und Warten auf neue Richtlinien, die rückwirkend Veränderungen unterliegen. Verlässlichkeit, Berechenbarkeit sieht anders aus. Gut gedacht. Schlecht gemacht.

Wie läuft die Digitalisierung des örtlichen Handels?

Ja, Händler stehen vor dem Aus.

Dr. Christof Morawitz, HGV-Vorstandsmitglied

Mehr schleppend. Click & Collect läuft hingegen besser. Zwei bis zehn Prozent des Umsatzes können so verlustbegrenzend erwirtschaftet werden. Da ist noch keine Homepage, kein Onlineversand notwendig, um Umsatz zu generieren. Eine Dienstleistung, die bei unseren Kunden ankommt.

Nehmen Kunden die digitalen Angebote des regionalen Handels an?

Zunächst einmal verändern sich das Kaufverhalten und die Erwartungshaltung an die Händler. Die Veränderungen des Einkaufsverhalten liegen zwischen Verpackungsmüll, Fridays for Future, Amazon, Klimawandel und vielen weiteren Faktoren. Das Sparverhalten ist quasi explodiert auf stolze 16 Prozent. Von 100 Euro werden 16 Euro gespart. Regionalität wird Trumpf. Bio, Unverpackt und Nachhaltigkeit sind die Themen, verbunden mit einer höheren Bereitschaft, auch höhere Preise zu zahlen. Das Einkaufen verläuft weniger spontan, weniger offen. Es wird deutlich mehr geplant. Obwohl die Händler viel Zeit, Geld und Fantasie in die Umsetzung der Corona-Hygienemaßnahmen steckten, bleibt beim Verbraucher ein merkliches Unwohlsein.

Warum lohnt es sich für den regionalen Handel, sich auf Plattformen wie "Hallo Ostalb" oder der des HGV zu engagieren?

Die Verbraucher erwarten, dass die regionalen Händler auf dem Stand der Technik sind, im Internet, auf den sozialen Kanälen auffindbar sind und verschiedene Kanäle miteinander kombinieren. Das steht für drei Viertel aller Verbraucher im Vordergrund. Stand der Technik umfasst dabei das Sortiment, die Kommunikation und die Technologie. Den Verbrauchern ist bewusst, dass ihr Hauptkanal weiterhin der des stationären Einzelhandels ist und sie sehr gerne in den stationären Geschäften einkaufen, alle Altersgruppen, auch die Jungen. Und Onlineshopping ein wichtiger, weiterer Kanal ist, der ergänzend zum Tragen kommt. Handel und Gastronomie müssen digital sichtbar werden, in Sozialen Medien und auf Onlineportalen. ‘Hallo Ostalb' bietet sich aufgrund der Regionalität, der Verfügbarkeit, des Traffics, der Medienpartnerschaft und der Reichweite an. Alle Kanäle, die digitalen wie analogen, müssen bespielt werden.

Braucht es weitere Ideen für die Gestaltung des Handels im Zusammenspiel mit Gastronomie und Events in der Stadt?

Es braucht Partnerschaften zwischen Handel und Gastronomie. Gastronomie muss im Handelsgeschäft sichtbar werden und bei Events glänzen. Die Überraschung muss den Kunden überzeugen. Wir brauchen auch im Handel eine Start-up-Kultur, die Leerstände füllt und anlog zu Pop-Up-Stores neue Formate entwickelt. Ohne Förderung durch die Stadt oder andere Dritte in Form von zeitlich und in der Höhe begrenzten Unterstützungszahlungen wird es nicht gelingen.

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