Lebenslust auf der Leinwand

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Einer der Höhepunkte ist ein Stummfilm aus dem Jahre 1929. Worum es darin ging und was das Publikum in der Franziskuskirche erleben durfte.

Schwäbisch Gmünd

Das war einer der großen Höhepunkte des Festival Europäische Kirchenmusik 2021: ein Stummfilm in der St.-Franziskus-Kirche mit Orgelimprovisationen von Stephan Beck unterlegt. Der Stummfilm aus dem Jahr 1929, von später weltbekannten Machern erstellt, beweist, was Virtuosität aus einer Idee am Kaffeehaustisch machen kann. Robert Siodmak, Fred Zimmermann, Billy Wilder und Kameramann Eugen Schifft an, noch heute große Namen der Filmwelt, bestechen durch ihre leichte Hand, Stories in spannende Filme umzuwandeln.

Das Publikum mitten drin in einem Berlin voll Lebenslust, Maloche und Sonntagsvergnügen der einfachen Art. Das Wochenende setzt die Zäsur zum Arbeitsalltag. Erwin, der Taxifahrer, liegt unterm Wagen und macht ihn fit. Sein Freund ‚Wolfgang von ...‘ spielt den Galan, der das junge wartende Mädchen Christl anbaggert und eine Verabredung für den Sonntag erreicht.

Der Alltag wird vergessen

Alles vor der Kulisse der Berliner Straßen. Autos, Motorräder, Fahrräder, Pferdefuhrwerke, Flaneure, spielenden Kindern, Dahineilenden in Schwarz-Weiß. Bürgerhäuser reihen sich am Straßenrand, die Kamera blickt in die Hinterhöfe, mit Wäsche vorm Fenster, abblätternden Farben, bröckelndem Putz.

Ein dichtes atmosphärisches Bild einer vergangenen Zeit, das deutlich zeigt, dass die Grundbedürfnisse der Menschen zeitlos sind. An einem heißen Tag strömt alles an den See, um sich abzukühlen. Jungmänner und junge Frauen flirten und bandeln an, Familien genießen die Freiheit an Strand und Wasser. Der harte Alltag wird vergessen.

Der Film zeigt das Leben in den Dreißigerjahren. In dichten Strömen eilen die Arbeitenden aus den Fabriken, in dichten Strömen eilen sie zu den Bahnsteigen und Trams, um an den Wannsee zu gelangen, dann wieder zurück in ihre Wohnungen. Dazwischen keusche Umziehrituale in den Riedgräsern, der Sprung ins Wasser oder das zaghafte Hineintasten. Die wilden Spiele von Annäherung, Eifersucht zwischen Christel und Freundin Brigitte um den Galan. Mittendrin der tolpatschig lebenslustige Erwin, den seine Freundin nicht begleitet.

Ein spannender Film

Anders als bei heutigen Filmen, in der Filmmusik auf das Kommende vorbereitet, begleiteten Kirchenmusikdirektor Stephan Becks Improvisationen das aktuelle Geschehen. Den steten leisen Fall der Wassertropfen aus dem Hahn in Erwins Zimmer mit einzelnen hellen Tönen im Klangstrom der Orgel. Der Fotograf am Strand mit seiner Kamera auf dem Stativ wartet auf den richtigen Moment im Gesicht seines Models, der Auslöser erklingt in einem „Orgelklick“.

Ein spannender, lebenssaftiger Film als Abbild einer dramatischen Zeit. Lebensfreude durch einfache Vergnügen, Träume, die sich entfalten wollen, an der „Unverträglichkeit“ des Lebens scheitern wie bei Erwins Freundin Traum als Model. Vor dem samstäglichen Ausgang führt der ‚richtige‘ Schwung ihrer Hutkrempe zu einem heftigen Streit, von dramatischen Orgeltönen illustriert. Statt Kino mit Garbo endet der Abend für Erwin und seinen Freund bei Bier und Kartenspiel, fürs Model schmollend im Bett.

Die Geschichte von Arbeit, Freizeit, Liebe und Eifersucht, von Egoismus und Kameradschaft im spannenden Stummfilm wurde an diesem Abend für das Publikum lebendig durch die geniale Begleitung Becks von der pinkfarben erleuchteten Orgelempore der barocken Franziskuskirche, ein Kontrast, verbunden durch hohe Kunst.

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