Lesend die Welt verstehen

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Literatur reicht für ihn von Klassiker bis Comic: Denis Scheck im Prediger.
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Warum der Literaturkritiker Denis Scheck nichts von einem Literatur-Kanon hält und trotzdem die hundert wichtigsten Werke empfiehlt.

Schwäbisch Gmünd

Da reflektiert einer die Unmöglichkeit, einen Literatur-Kanon aufzustellen, macht es trotzdem und landet mit seinen „100 wichtigsten Werken der Weltliteratur“ auf der Spiegel-Bestseller-Liste. So etwas gelingt nur einem, dem der Schalk im Nacken sitzt, und der ein ausgewiesener Literaturkenner und -kritiker ist, Denis Scheck eben, dem ARD-Publikum durch die Sendung „Druckfrisch“ bekannt. Am Sonntagabend beendete er auf Einladung der Stadtbibliothek die Wortreich-Reihe mit einer Lesung aus seinem Buch „Schecks Kanon“. „Vielen Dank, dass Sie Leib und Leben riskieren“, begrüßt er die rund 60 Zuhörer – reine Ironie angesichts der 2G plus-Regel, denn in den Prediger-Saal durfte nur, wer vollständig geimpft oder genesen und zusätzlich getestet war, hinzu kamen Maskenpflicht und Abstand. Bürgermeister Julius Mihm traf den Nagel eher auf den Kopf, als er die Zuhörer „wirkliche Literaturfreunde“ nannte, die sich Denis Scheck trotz der Umstände derzeit nicht entgehen lassen wollten.

Corona war im weiteren Verlauf kein Thema mehr, zumindest nicht direkt. „Literatur lesen bringt buchstäblich auf andere Gedanken“, schreibt Denis Scheck. Genau das, was die Menschen derzeit brauchen. Lesen ist natürlich viel mehr. In seinem „Vorwort zu einem frivolen Unternehmen“, knapp 20 Seiten, mit denen er seine Lesung beginnt, stimmt er eine Lobeshymne auf die Literatur an: Lesend verstehen wir die Welt, können das eigene Selbst abstreifen, sie übe aufs Scheitern ein und schütze vor Narzissmus. „Literatur war für mich immer so etwas wie eine in einen Kuchen eingebackene Feile. Ein Fluchtmittel.“ Genau deshalb sei sie totalitären Machthabern ein Dorn im Auge und stehe unter politischem Verdacht.

Krasse Vergleiche wie den mit der Feile zieht Denis Scheck gerne: Unter Menschen, die nicht lesen, sei er genauso ungern wie unter Menschen, die sich nicht waschen. Doch das Problem beginnt mit der Frage: „Welche Texte helfen einem dabei, ein gutes, also ein schönes, gerechtes, erfülltes und glückliches Leben zu führen?“ Womit Scheck beim Kanon landet. Auch wenn ihm klar ist, dass sein Unterfangen zum Scheitern verurteilt ist, sagt er sich mit Samuel Beckett: „Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“

Wer nun einen Kanon mit Goethe, Schiller und Lessing erwartet, liegt falsch. Scheck geht die Sache spielerisch und lustvoll an; seine Vorschläge sollen „Neugier und Leselust“ auslösen, das hat schon der Untertitel angedeutet: „Von ‚Krieg und Frieden‘ bis ‚Tim und Struppi‘“. Doch läppisch wird es damit nicht: Wirklich große Literatur verändere die Weltanschauung. „Man nimmt nach der Lektüre bestimmter Autorinnen und Autoren schlicht mehr und anders wahr als zuvor“, und bei ihm sei Donald Duck eben genauso konstitutiv wie Othello. Vor anderen warnt Scheck explizit, Coelho und Fitzek zum Beispiel, die könnten einem Gehirn so viel Schaden zufügen wie 30 Jahre Roth-Händle rauchen. Nachgewiesenermaßen verändere sich die Gehirnphysiologie beim Lesen. Auch von Botschaften hält er nichts: „Wer Botschaften hat, soll zum Telegrafenamt gehen.“

Nach dieser profunden Einführung in die Bedeutsamkeit des Lesens und die Notwendigkeit eines Kanons waren die Zuhörer gespannt auf die Werke, die es in den Scheckschen Kanon geschafft haben. Im Vorwort wurde bereits Astrid Lindgrens „Karlsson auf dem Dach“ erwähnt – der größenwahnsinnige Kerl passe gut zu dem größenwahnsinnigen Unternehmen Kanon, erklärt der Autor. Sodann stellte er die Kapitel zu Franz Kafka, Ernest Hemingway, Dorothy Parker und Hypatia vor.

Mit der Bestsellerliste kokettierte Scheck übrigens nicht. Deren Bücher seien für ihn eher Plage, verriet er am Ende der Lesung: Er müsse sie lesen, um eine Kritik zu schreiben, und die schreibe er nur, weil das Fernsehen „wahnsinnig Geld“ dafür zahlt. Als Erfolgsrezept nannte er ganz was anderes: Sich nicht zu ernst nehmen.

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