Lisa Federle: Aus Krisen lernen und anpacken, wo es nötig ist

+
„Zeitgespräche“ mal anders - unterhaltsam, mit Musik, locker und trotzdem mit Tiefgang: (v.l.)Gitarrist Philipp Feldtkeller, Schlagersänger Dieter Thomas Kuhn, Notärztin Lisa Federle und GT-Redaktionsleiter Michael Länge. Foto: Hientzsch
  • schließen

 Die bundesweit bekannte Notärztin erzählt bei den „Zeitgesprächen“ aus ihrem Leben. Dieter Thomas Kuhn und Philipp Feldtkeller begleiten sie.

Schwäbisch Gmünd

Das Unwetter hat sich rechtzeitig vor den „Zeitgesprächen“ der Kreissparkasse, der Buchhandlung Osiander und der Gmünder Tagespost verzogen. Randvoll sind die Besucherreihen vor der Remspark-Bühne und GT-Redaktionsleiter Michael Länge  kann an diesem Montagabend gut gelaunte Gäste begrüßen: Lisa Federle, „Deutschlands bekannteste Notärztin“, wie er sagt. Sie kommt nicht allein, bringt den nicht weniger bekannten Dieter Thomas Kuhn und dessen Gitarristen Philipp Feldtkeller mit. Daraus wird ein Abend, den Besucherinnen und Besucher anschließend als unterhaltsam und nachdenklich zugleich bewerten.

Unwetter spielt an diesem Abend doch eine Rolle. Es sind die Unwetter des Lebens, ihres eigenen Lebens, über die Lisa Federle spricht. Zusammengefasst hat sie das in ihrem Buch  „Auf krummen Wegen geradeaus“, in dem  sich außergewöhnliche Situationen aneinanderreihen. „Wer den geraden Weg einschlägt, wird erfahren, dass das Leben an ihm vorbeizieht“, zitiert Länge die Tübingerin und gibt die Bühne  frei für die etwas anderen „Zeitgespräche“. Als Gespräch unter  drei Tübingern, die sich seit Jahrzehnten gut kennen. Und mit Schlagern, bei denen Dieter Thomas Kuhn das Publikum mitreißt. Reinhard Meys  „Über den Wolken“ schmettert es nicht nur von der Bühne, der vielstimmige Publikumschor ist sofort mit dabei.

Um im nächsten Moment wieder einzutauchen in eine besondere Biografie. Erlebnisse im streng protestantischen Elternhaus, die Trauer um den Vater, als sie elf Jahre alt ist. Die wirtschaftlichen Nöte einer jungen Frau, die mit 18 ihr erstes Kind bekommt, die Kraft, über den zweiten Bildungsweg Abitur und Medizinstudium zu schaffen. Und die Motivation, sich bis heute für die Gesellschaft einzusetzen, anpacken, wo es nötig ist. Bei der Flüchtlingswelle 2015, als sie eine rollende Arztpraxis einrichtet. 2020 die rollende Teststation, die Menschen hilft und zugleich die Politik wachrüttelt.

Bei den „Zeitgesprächen“ greift sie auf Passagen im Buch zurück, die Schlaglichter auf den Lebensweg werfen. Etwa als sie mit 20 zwei Kinder hat, aber – längst ist sie aus dem Elternhaus rausgeworfen worden – kein Essen. Sie outet sich, wie sie in der Morgendämmerung mit dem Kinderwagen zum Supermarkt fährt, aus gelieferten Waren Brot und Käse zerrt und unter der Decke der Kinder versteckt. „Drei Wochen lang gab‘s Brot und Frischkäse“, erinnert sie sich. Nie mehr hat sie das wiederholt, zu groß Angst und Aufregung.

Fast spürbar schwappt die Angst ins Publikum über, als sie von einem Flugerlebnis berichtet. Von Palma sollte es nach Stuttgart gehen. Bis der Pilot sich meldet und von einem technischen Defekt spricht. Eine Notlandung in Marseille ist geplant. Minutiös schildert sie die folgenden Minuten mit Notfallübungen und dem Film, der innerlich abläuft, der das Leben Revue passieren lässt. Ein Glück: die Notlandung gelingt. Ganz andere Nöte schildert sie beim Thema „Politik“.  Da ist die Begegnung mit einem pensionierten Ministerpräsidenten. Erwin Teufel hat sich bei der damaligen CDU-Landtagskandidatin angekündigt. Er habe sich nicht vorstellen können, wie eine Frau mit vier Kindern, ohne politische Seilschaften und Parteivergangenheit damit umgehen kann. Sie richtet Kaffee und Kuchen her. Dann der Anruf der Polizei, ein Kollege habe sich erschossen. „Ich kannte die als Notärztin ja alle persönlich“, erinnert sie sich. Sie ist bei den Polizisten, redet mit ihnen, stellt die Todesbescheinigung aus. Als zu nach Hause kommt, sitzt Erwin Teufel mit zwei Söhnen Lisa Federles plaudernd am Tisch. Und ist fortan ihr größter Unterstützer. Unterhaltsame Anekdoten, etwa vom Geburtstagsfest bei Boris Palmer oder im Flieger mit Joschka Fischer, sind dabei. Und Dieter Thomas Kuhn lässt die Besucherinnen und Besucher an der Stallwächterparty in der Berliner Vertretung der Landesregierung teilhaben. Dann wieder eine fast zu Tränen rührende Geschichte, wie sie einem über 90 Jahre alten Ehepaar verspricht, sich dafür einzusetzen, zuhause sterben zu können. Sie holt den Ehemann nach einer Operation aus der Klinik zurück, er kann nicht mehr reden, aber ein Händedruck signalisiert ihr, dass er sie noch erkannt hat. „Auch für solche Momente bin ich Ärztin geworden“, sagt Lisa Federle. Bevor Dieter Thomas Kuhn auf Wunsch Lisa Federles ein zweites Mal „Über den Wolken“ anstimmt, überlässt Michael Länge mit der Frage, weshalb  Zukunft nur durch Gemeinschaft denkbar ist, das Schlusswort Lisa Federle. „Es ist der Zusammenhalt, der uns diese Chance gibt,  das geht auch ganz ohne Geld..“ Sagt Lisa Federle vor dem Hintergrund der aktuell vielen Krisen dieser Welt.

Federle Foto: Hientzsch
Federle Foto: Hientzsch

Zurück zur Übersicht: Stadt Schwäbisch Gmünd

Kommentare