Lotte Rodi wird 90: Stets im Dienste der Verständigung

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Die Vermittlerin zwischen Demonstrierenden und Bevölkerung bei den Protesten gegen die Pershing-II-Stationierung in Mutlangen: Lotte Rodi feiert an diesem Montag ihren 90. Geburtstag.
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Lotte Rodi blickt zum 90. auf ihre Rolle als Vermittlerin zwischen Bevölkerung und Protestierenden gegen die Pershing-II-Stationierung in Mutlangen und darauf, was sie geprägt hat.

Schwäbisch Gmünd

Als Grande Dame der Mutlanger Proteste wurde sie schon bezeichnet, als „Vermittlerin zwischen den jungen Chaoten und der Bevölkerung“ während der Demonstrationen gegen die Pershing-II-Stationierung in Mutlangen Anfang der 1980er-Jahre, ebenso als „die rote Sau“, weil sie sich mitten im Kalten Krieg um eine Verständigung mit der Sowjetunion bemühte. An diesem Montag ist Lotte Rodi vor allem: Jubilarin, sie feiert ihren 90. Geburtstag. Und blickt mit einer ihr offenbar innewohnenden Besonnenheit auf das, was ihr Leben geprägt hat.

Jetzt hat Lotte Rodi mehr Zeit, als noch vor drei Jahren, als sie zum Anlass ihrer Diamantenen Hochzeit mit ihrem Mann Dr. Dieter Rodi meinte, „der Tag hat zu wenig Stunden„. Im Sommer hat sie sich endgültig vom Engagement in der Friedenswerkstatt in Mutlangen zurückgezogen. Und „ich habe jetzt meine Erinnerungen fertig geschrieben„, für die Familie und für alle, die es interessiert. Darin geht es auch um Diskriminierung, Vertreibung und Flucht, die sie als jugendliche Angehörige der deutschen Bevölkerung im damaligen Sudetenland in der Tschechoslowakei am Ende des Zweiten Weltkriegs erleben musste. „Das will man nicht, dass andere Leute das erleben“, lautet ihre Einstellung. Die unweigerlich zu ihrem Engagement für die Friedensbewegung führt. So war Lotte Rodi 1981 Gründungsmitglied der Christlichen Arbeitsgemeinschaft Frieden Schwäbisch Gmünd und 1984 des Vereins Friedens- und Begegnungsstätte Mutlangen, außerdem viele Jahre Vorstandsmitglied des 1998 gegründeten Vereins Friedenswerkstatt Mutlangen.

Ihre Hauptaufgabe lag in den Jahren der Proteste am Mutlanger Depot darin, die anreisenden Gruppen von der Notwendigkeit strikter Gewaltlosigkeit zu überzeugen. Was nicht immer so ganz bei den Demonstrierenden ankam. Einmal habe mitten in der Nacht ihr Telefon geklingelt. „Ich möge doch für Ruhe sorgen“, habe ein Mutlanger verlangt. Der Anlass seines Ärgers: Etwa 15 Leute, Besucher, mit denen Lotte Rodi untertags über Gewaltlosigkeit gesprochen hatte, brachten ihre Einstellung zwar friedlich, aber mit einer Krach-Demo zum Ausdruck. „Jetzt haben wir uns so bemüht und du bist wieder nicht zufrieden“, haben sie etwas zerknirscht zu Lotte Rodis Schlichtungsbemühungen gesagt.

Mit dem Tod bedroht

Wüste Beschimpfungen bis hin zu Morddrohungen musste sich Lotte Rodi hingegen auf einem anderen Betätigungsfeld anhören: dem Feindbildabbau. Als Kommunistin sei sie etwa beschimpft worden, als sie die damalige Vizebürgermeisterin von Kiew nach Gmünd eingeladen hatte, um die Schwarz-Weiß-Malerei über die Sowjetunion aufzubrechen und zu zeigen, „dass es dort auch Menschen gab, die sich ernsthaft für den Frieden eingesetzt haben“. Dass sie für ihr Engagement als beharrliche Vermittlerin in der Friedensbewegung 2011 die Bürgermedaille der Stadt Gmünd, 2015 die Staufermedaille des Landes und im Sommer den Friedenspreis der Gemeinde Mutlangen erhalten hat, empfindet Lotte Rodi als schöne Anerkennung, „aber so wichtig ist es nicht“.

Vielleicht hat Lotte Rodi bei ihrer Arbeit als Schlichterin ihre Berufserfahrung als Lehrerin geholfen. Mathe und Physik für das Lehramt an Gymnasien hatte sie in den 1950er-Jahren in Tübingen und München studiert, übrigens als eine von drei Studentinnen unter etwa 90 Studenten. Gearbeitet hat sie später im Gmünder Parler- und im Scheffoldgymnasium. Eine achte Klasse mit 48 Schülern sei damals nicht schwerer zu unterrichten gewesen als Jahre später eine mit 35. „Ich war gerne Lehrerin“, sagt Lotte Rodi. Davon haben auch schon Neffen und Nichten profitiert, die für Nachhilfe bei Tante Lotte durchaus mal die Schule schwänzten. Wegen schwerer Krankheit und zugunsten der Familie hat Lotte Rodi den Schuldienst mit 50 Jahren quittiert. Vielleicht hat ihr auch die Rolle als Mutter beim Vermitteln geholfen. „Mit vier Kindern gibt's natürlich Konflikte.“ Das Konzept der Familienkonferenz „fand ich sehr hilfreich“. Dabei geht's, natürlich, um gewaltfreie Kommunikation.

Jetzt sind die Jungen dran

Vermitteln und Verständnis für andere aufbringen sei heute „ein sehr schwieriges Thema“, sagt Lotte Rodi mit Blick auf eine sich spaltende Gesellschaft. Und auf Konflikte, die es immer noch an vielen Orten der Welt gibt. „Die Mutlanger Friedensbewegung ist durchaus noch lebendig“, mit dem Schwerpunkt auf der Abschaffung aller Atomwaffen. Nach wie vor „braucht man Versöhnung und Verständigung“. Ziviler Friedensdienst bringe mehr als jegliche militärischen Mittel. Doch „jetzt sind die Jüngeren dran“. Und die sieht Lotte Rodi nicht nur in der Friedensbewegung nachkommen. An Fridays for Future freut sie, dass die jungen Leute „so begeistert sind und sich so für ihre Sache engagieren“. War es in den 80ern die Friedensbewegung, wäre es jetzt womöglich der Kampf gegen den Klimawandel, für den sich Lotte Rodi engagieren würde. „Wenn man was als richtig erkannt hat, dann muss man dazu stehen“, findet sie.

Wenn man etwas als richtig erkannt hat, muss man dazu stehen.“

Lotte Rodi,, Friedensaktivistin

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