Luxus in der jungen Bundesrepublik

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Oldtimerserie Mercedes Benz Ponton 219
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Der Mercedes 219 von Oliver Link. Ein Sammlerstück mit ganz geringer Laufleistung. Weniger als 100 Exemplare sind in Deutschland noch zugelassen.

Schwäbisch Gmünd

Harry Belafontes Banana-Boat-Song dröhnt 1957 aus den Musikboxen. Und nur ganz selten aus einem Autoradio. Ein Luxusartikel, den sich im Nachkriegsjahrzehnt kaum jemand leisten kann. In einer BMW-Isetta oder im Messerschmitt-Kabinenroller wäre auch kaum Platz für das Röhrengerät gewesen. Im großzügigen Mercedes 219 schon. Nur ganz selten parkt 1957 ein solches Auto vor den ersten Garagen in neuen Wohnsiedlungen. Bewundernde Blicke der Nachbarschaft sind in diesem Fall garantiert. Mindestens ein Mal ist das auch in Schwäbisch Gmünd Realität. Der Eierschalen-farbene Mercedes 219 fällt auf, wenn er in der Stadt parkt.

Jahrzehnte später, der Wagen steht mit ganzen 44 000 Kilometern auf dem Tacho seit  Jahren in der Garage der Familie, findet dieses Auto seinen zweiten Besitzer. Oliver Link hat gerade in Mutlangen eine Autowerkstatt eröffnet, als ihm der Mercedes 219 angeboten wird. Nein sagen kann er nicht, schon vor 25 Jahren hatte er ein Faible für Oldtimer.  Ein seltenes Exemplar. Aktuell sind in Deutschland weniger als 100 Mercedes 219 angemeldet. Mit ein Grund, weshalb Sammler eher zum 219 greifen als zum etwas luxuriöseren 220. Der Wagen basiert auf dem Ende der 1950er-Jahre weit verbreiteten 180er-Ponton, gleicht ihm ab der A-Säule bis ins Detail. Vorne sieht‘s anders aus. Der Vorderbau ist länger als im behäbigen 180. Statt 48 Diesel-PS schlummern im 2019  je nach Baujahr 85 oder 90 PS aus dem 2,2-Liter-Sechszylindermotor.

In 17 Sekunden auf 100, in der Spitze 150 km/h, damit mischt man damals ganz vorne mit. Und muss sich dennoch mehr zügeln als davor: Am 1. September 1957 führt die noch junge Bundesrepublik Tempo 50 in Ortschaften ein. Vorher hatte es genügt es, dort  „angemessen“ zu fahren.

Der Mercedes 219 des Gmünder Besitzers sammelt vermutlich so manchen Kilometer im Stadtverkehr. Bis zur Stilllegung 1982 kommen jährlich im Durchschnitt kaum 2000 Kilometer auf den Zähler. Für Oliver Link ist es dafür ein außergewöhnliches Sammlerstück. Die kleinste Inspektion ist dokumentiert, deshalb lässt sich die Laufleistung trotz des nur fünfstelligen Kilometerzählers belegen.

Wie kommt man zu so einem Wagen? „Ich wurde angerufen, weil die Besitzerfamilie den Wagen in Betrieb nehmen wollte.“ Das aber wollte der Motor nicht. Oliver Link kontrolliert und stellt schnell fest: Der Frost hat ihm den Garaus gemacht. Ohne Frostschutz im Kühler sprengte das Eis den Motorblock. Eine Reparatur, die die Eigentümer nicht mehr tragen wollten. Und Oliver Link kann den Wagen kaufen.

Heute ist der Mercedes 219 nicht nur ein Oldtimer, sondern mit 65 Jahren auf dem Buckel ein Ruheständler. Danach sieht er aber nicht aus. Fast wie aus dem Schaufenster steht er da, trägt noch immer die Würde des Besonderen seiner Zeit. Der längere Vorderbau und die längs auf dem Kotflügel montierten Blinker lassen den Wagen länger erscheinen als er mit seinen 4,65 Metern ist. 

Reparaturen fallen schon allein wegen des Alters an. Irgendwann sollte der Vergaser überholt werden. Oliver Link baut ihn aus und gibt ihn in eine Fachwerkstatt.  So lange ist der Mercedes außer Betrieb. Eigentlich kein Problem, doch wenn die eigene Tochter heiratet und im Mercedes 219 gefahren werden will, kann es ein Problem werden. Denn die Fachwerkstatt findet den Vergaser nicht mehr.

Und ein Neuteil gibt‘s in keinem Regal von Mercedes. Gerade noch rechtzeitig lässt sich ein Ersatz  in Filderstadt finden. Das Hochzeitsauto läuft. Und nicht nur zur Freude von Tochter und Schwiegersohn. „Bei Ausfahrten winken uns Leute vom Straßenrand zu“, sagt Oliver Link.

Und diese Freude soll noch möglichst lange anhalten. „Jetzt steht eine Restaurierung im Innenraum an“, sagt er mit Blick auf die Stoffsitze des Oldtimers. Erst jüngst hat er dafür den Originalstoff bekommen, den er vor Jahren bestellt hat. Spezialfirmen fertigen solche Stoffe nach, so bald genügend Bestellungen eingegangen sind. Nun muss nur noch der Autosattler ans Werk.

Originalität ist Oliver Link wichtig. „Dort einfach einen Überzug aus Leder zu fertigen, das käme für mich nicht infrage.“ Ledersitze sind 1957 gar nicht lieferbar und passen schon deshalb nicht in einen 219.

Der zweite Besitzer hat das Auto inzwischen 8000 Kilometer bewegt. So schnell wird der Mercedes-Tacho also nicht auf Null springen: Oliver Link  auf die große Reise im 219, schätzt Ausfahrten in der Region bei beschaulichem Tempo. 

Der Mercedes 219

Der Sechszylinder-Wagen wird von 1956 bis 1959  insgesamt knapp 28 000 Mal gebaut, parallel zum gleich motorisierten Mercedes 220. Der 219 sollte das Segment der etwas bescheideneren S-Klasse besetzen. Er war immerhin 2000 Mark billiger als der 220 und kostete während der gesamten Bauzeit 10 500  Mark. Wegen des kürzeren Fonds war der 219 aber weniger gefragt als der 220 S, der in fast doppelter Stückzahl abgesetzt wurde. Sammler schenken dem W 105 heute dank der geringen Stückzahlen höhere Aufmerksamkeit. Der Motor beschleunigt die 1290 kg schwere Limousine von 0 auf 100 km/h in 17 Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 150 km/h. Eine bemerkenswerte Neuerung war der hydraulische Kupplungsautomat „Hydrak“, der ab August 1957 gegen 450 Mark Aufpreis erhältlich war.

Oldtimerserie Mercedes Benz Ponton 219
Oldtimerserie Mercedes Benz Ponton 219
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