Meisen sollen Spinner dezimieren

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In voller Schutzkleidung untersucht Stefan Schnaible die Zweige einer der beiden als Naturdenkmal eingestuften Eichen oberhalb von Straßdorf.
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Die Stadt will Vögel als natürliche Feinde gegen die wachsende Zahl der  Eichenprozessionsspinner einsetzen.

Schwäbisch Gmünd

Stefan Schnaible steht in einer Wiese am Südrand von Straßdorf, etwa zwei Meter entfernt von der Straße vor einer jungen Eiche.  Er braucht nur kurz den Blick über den Baum schweifen zu lassen, um auf eine Stelle zeigen zu können, an der sich bei genauem Hinsehen etwas bewegt: ein etwa zwei Zentimeter langes wurmähnliches Tier.  Das, sagt Schaible, ist die Raupe eines Eichenprozessionsspinners. 

Bald, werde diese Raupe auf ihren Rücken Haare austreiben, für die sie und ihre Artgenossen so berüchtigt. sind.  Stefan Schnaible braucht nur  ein paar der äußeren  Zweige des Baumes abzusuchen, um  eine Stelle zeigen zu können, an der ein Eichenprozessionsspinner seine Eier abgelegt hat.  Schnaible weiß, wovon er redet, er ist bei der Stadtverwaltung für die Bäume im Stadtgebiet zuständig. Und er weiß schon vom letzten Jahr, dass die jungen Eichen  neben der Straße „Auf der Höhe“ zum Brutgebiet des Nachtfalters geworden sind. Im städtischen Baumkataster sind  im vergangenen Jahr 282 Eichen auf städtischen Flächen, zum Beispiel in Parks oder Kindergärten, verzeichnet gewesen. 98 davon seien vom Eichenprozessionsspinner befallen gewesen. 

Das kann für Mensch und Tier, wenn sie sich in der Nähe eines solchen Baums aufhalten,  sehr schmerzhafte Folgen haben: Die Raupen verlieren immer wieder einzelne Haare. Und  die sind mit einem Eiweißgift gefüllt, das auf der menschlichen Haut allergische Reaktionen auslösen kann, starken Juckreiz, Quaddeln oder Rötungen wie bei Insektenstichen, Entzündungen der Augenbindehaut. Vor allem bei Asthmatikern oder Menschen mit Allergien können auch schlimmere Symptome auftreten.  Immerhin meint Schnaible, auch aus eigener Erfahrung: „Man kann damit leben.“Die akute Gefahr ist nach einer Einschätzung des Landratsamts  während der Fraßzeit der Raupen von Mai bis August am größten - übrigens nicht nur für Menschen, sondern auch für Tiere. Selbst Pferde können nach Kontakt starke Symptome zeigen. 

Vorsicht vor Nestern

Die Raupen fressen die Blätter bis auf die Mittelrippen ab, können so auch große Eichen kahl fressen.  Der Baum, sagt Schnaible, verkrafte das. Wenn es allerdings mehrere Jahre hintereinander geschieht, gehe es auch einer Eiche an die Substanz.  Später sammeln sich die  Raupen in Gespinstnestern am Stamm oder in Astgabelungen. Diese Nester bestehen  aus  Kot, Gespinst alten Häuten der Tiere - und damit auch aus Brennhaaren.   Schnaible warnt ausdrücklich davor,  kugelförmige Zusammenballungen unter Eichen anzufassen.  Und nicht nur dort: Wenn Eichen „überfüllt“ sind, weichen die Raupen  auf benachbarte Bäume, zum Beispiel Buchen, aus.  Erst vor kurzem, erzählt er, hat er ein bald ein Meter langes Nest  an einem Baum direkt an der Klepperlestrasse  absaugen lassen. Im vergangenen Jahr wurde der Befall einer Eiche auf dem Schießtalplatz entdeckt. Da fand Schnaible eines der Nester auf der Windschutzscheibe eines dort parkenden Autos. Schon durch den Wind können die Haare  aus solchen Nestern umhergeweht werden. Er hat sogar schon auf Dachböden Nester gesehen. Auch  wenn die Nester Jahre alt sind, seien die Brennhaare noch aktiv. 

 Gmünd steht nicht allein mit dem Problem: Die Stadt Aalen hat in diesen Tagen wieder Maßnahmen zur Bekämpfung aufgenommen, Und der Hüttlinger Naturbeobachter Peter Müller-Krejcir berichtet, dass er  den Eichenprozessionsspinner dort 2007 erstmals gesehen und sich der Bestand seitdem „massiv ausgeweitet“ habe. Auch Stefan Schnaible beobachtet eine deutliche Zunahme. Dazu trage allein schon der Klimawandel mit immer  milderen Wintern bei. Immer wieder bekommt er Anrufe von Privatleuten, die ihn auf Befall hinweisen. „Da bin ich dankbar dafür“, sagt er.

Helfer mit Schnabel

Bislang werden im wesentlichen zwei Methoden angewandt, um die Ausbreitung der Tiere in Grenzen zu halten:  vorbeugend ein für Menschen und fast alle Tiere ungefährliches Biozid, das versprüht wird. Allerdings, so Schnaible, schädige es auch Raupen anderer Schmetterlingsarten. Im akuten Fall müssen Spezialfirmen beauftragt werden, die Nester abzusaugen. Stefan Schnaible möchte sich noch in diesem Jahr bemühen,  auch andere Unterstützer zu gewinnen. Bis  Herbst plant er zum Beispiel, in  jeder zweiten Eiche  „Auf der Höhe“ einen Nistkasten mit einem höchstens drei Zentimeter großen Einflugloch aufzuhängen. Damit, so der Plan, sollen Kohl- und Blaumeisen angesiedelt werden. Für die seien die Raupen des Eichenprozessionsspinners nämlich trotz Brennhaaren Leckerbissen. In den Niederlanden zum Beispiel habe so  der Befall deutlich reduziert werden zu können. Stefan Schnaible würde sich freuen, wenn Privatleute  das Vorhaben durch weitere Nistkästen unterstützen würden.

Asthmatiker sind sehr gefährdet.“

Stefan Schnaible, über die Wirkung der Brennhaare

Wer Brennhaare des Eichenprozessionsspinners abbekommen hat, dem empfiehlt Stefan Schnaible, so heiß wie möglich - natürlich ohne sich zu verbrühen - zu duschen. Durch die hohe Temperatur könne die Eiweißstruktur des Gifts in den Brennhaaren zerstört werden. Auch Kleidung, die mit den Haaren zusammenkam, solle wenn möglich mit mehr als 60 Grad gewaschen werden. 
Zur Vorbeugung empfiehlt das Landratsamt unter anderem: Arbeiten unter befallenen Bäumen  wie Rasenmähen der Laubrechen unterlassen; Hinweisschilder ernst nehmen; betroffene Eichenwälder in den Monaten Juni bis Oktober meiden; wer hingeht, sollte  auf den Wegen bleiben und den Kontakt mit  Bodenbewuchs meiden; bei Waldarbeiten empfindliche Hautbereiche wie Nacken oder Unterarme schützen; Holzernte oder die Aufarbeitung von Brennholz möglichst unterlassen.

Stefan Schnaible zeigt die Raupe eines Eichenprozessionsspinners, noch ohne Brennhaare.
Stefan Schnaible unter einer der beiden als Naturdenkmale eingestuften Eichen oberhalb von Straßdorf. Er hat in beiden Bäumen Nester des Eichenprozessionsspoinners entdeckt.
Stefan Schnaible vor der Baumgruppe oberhalb von Straßdorf. Auch dort sind Eichenprozessionsspoinner heimisch.
Eichenprozessionsspinner Straßdorf Stefan Schnaible
Eichenprozessionsspinner Straßdorf Stefan Schnaible
Auf der Rinde der Eiche in Straßdorf krabbelt die Raupe eines Eichenprozessionsspinners.

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