Mit 200 auf B29: Raser überholt Polizisten auf Verzögerungsstreifen

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Eine neue Zeugenaussage sorgt am zweiten Verhandlungstermin für frische Einblicke. 19-Jähriger wegen illegalem Kraftfahrzeugrennen verurteilt.

Schwäbisch Gmünd. Zweiter Verhandlungstag im Gmünder Amtsgericht. Der Vorwurf gegen den 19-jährigen Angeklagten: ein illegales Kraftfahrzeugrennen. Konnte Richter Yannic Röhm beim ersten Verhandlungstermin noch kein Urteil fällen, liefert nun die Aussage eines weiteren Zeugen genügend Informationen dafür. Der Angeklagte verlässt den Gerichtssaal mit einer Geldstrafe, der Weisung zu Sozialstunden und wird vorerst keinen Führerschein mehr im Portemonnaie haben.

Wir konnten dem Fahrzeug nicht folgen, obwohl wir auf gut Deutsch alles gegeben haben."

Polizist im Zeugenstand

Kurzer Rückblick: Weshalb sitzt der Angeklagte C. im Gerichtssaal? Im vergangenen November habe er auf der Bundesstraße 29 in Richtung Gmünd die geltenden Tempolimits deutlich überschritten. Auch im Baustellenbereich, damals auf Höhe der Ausfahrt Lorch-Ost, habe er ordentlich Gas gegeben. Und vorausfahrende Fahrzeuge überholt - rechts über den Verzögerungsstreifen. Was C. dabei nicht ahnen konnte: Am Steuer der vorausfahrenden Mercedes E-Klasse saß ein Beamter der Kriminalpolizei. Auf dem Beifahrersitz die Kollegin. Zwar hätten die Beamten die Verfolgung aufgenommen, der Angeklagte kam ihnen dennoch davon. Wenig später überholte der Angeklagte erneut auf der B29. Und wieder waren es Zivilbeamte. Nochmals gelang es dem 19-Jährigen durch seine, wie Staatsanwältin Alexandra Müller-Seigfried es am ersten Verhandlungstag nannte, "halsbrecherische Fahrweise" davonzukommen. Seine Fahrt führte in in die Gmünder Innenstadt, wo weitere Polizeibeamte bereits verständigt waren. Schließlich wurde er in der Gmünder Schulstraße von uniformierten Polizeibeamten gestellt, nachdem er sein Fahrzeug verlassen hatte und zu Fuß unterwegs war.

Doch C. will von seiner Verfolgung nichts gewusst haben. Die Einsatzbeleuchtung der Zivilfahrzeuge sei ihm nicht aufgefallen. Auch beim "regulären" Polizeiauto habe er nicht bemerkt, dass er gemeint ist, da es ihm entgegen gekommen sei. Die Verteidigung sieht daher keine Fluchtmotivation, beziehungsweise den Tatbestand eines illegalen Kraftfahrzeugrennens. Ob es Ordnungswidrigkeit oder Straftat war, beurteilt Richter Röhm anhand der letzten Zeugenaussage der Verhandlung.

Mit Tempo 200 durch Baustellenbereich

"Ich war als Fahrer an dem Abend unterwegs", erinnert der Kripo-Beamte im Zeugenstand. Auf der B29 in Richtung Gmünd sei ihm dann ein Fahrzeug im Rückspiegel aufgefallen, das sich schnell näherte und dicht auffuhr. Auf der Höhe der Ausfahrt Lorch-Ost sei der Angeklagten nach rechts ausgeschert, habe den Anschein erweckt, er wolle von der Bundesstraße abfahren. Doch kurz vor den Beamten sei er wieder eingeschert. "Wir hatten sofort eine Kontrollabsicht." Trotz entsprechender Signale und Vollgas blieben er und seine Kollegin "chancenlos". Eine Geschwindigkeit von über 200 Kilometern pro Stunde habe der Beamte im Baustellenbereich von seinem Tacho abgelesen. Aber: "Wir konnten dem Fahrzeug nicht folgen, obwohl wir auf gut Deutsch alles gegeben haben."

Ordnungswidrigkeit oder Straftat?

Auf der Bundesstraße, innerorts, außerorts - "überall hat der Angeklagte sein Fahrzeug mit höchstmöglicher Geschwindigkeit gelenkt", ist Staatsanwalt Peter Laiolo überzeugt. Daher fordert er eine Geldstrafe von 900 Euro, zu überweisen an einen gemeinnützigen Verein sowie Arbeitsstunden. Ferner soll C. die Verfahrenskosten tragen, seinen Führerschein soll er frühestens nach einer Sperre von 12 Monaten wiedererlangen.

Pflichtverteidiger Paule ist dennoch überzeugt, dass sich sein Mandant nicht strafbar gemacht hat. Es sei subjektiv, wann es Raserei, also eine Straftat, und wann es überhöhte Geschwindigkeit, also eine Ordnungswidrigkeit ist. Auch eine Fluchtabsicht sieht er nicht. "Stellen Sie sich vor, der Fahrer fährt schnell: Er richtet sich nach vorne, um gemäß seiner Geschwindigkeit durchzukommen." C. habe sich daher der Kontrolle nicht wissentlich entziehen wollen, sondern nichts von seiner Verfolgung gewusst. Für die Verteidigung handele es sich um eine Ordnungswidrigkeit.

Von Raserabsicht überzeugt

Doch davon möchte Richter Yannic Röhm nichts wissen. Er spricht den 19-Jährigen wegen eines illegalen Kraftfahrzeugrennens schuldig. "Ich bin überzeugt, dass Raserabsicht vorliegt." Der Angeklagte sei "stets gefahren, um wie ein Verrückter zu rasen". Und damit im Bereich der Strafbarkeit. Ebenso zweifelt er daran, dass C. die Signale der Beamten nicht bemerkt habe. Und selbst wenn, sei C. "unter aller Sau" gefahren. Daher müsse er mit den Konsequenzen rechnen. Zwar komme das Jugendstrafrecht für den damals 18-Jährigen zum Einsatz. Dass der Angeklagte aber unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung und Beleidigung vorbestraft ist, "muss man auch berücksichtigen". Das Urteil: 80 Stunden gemeinnützige Arbeit, zu leisten innerhalb von sechs Monaten. Zudem 600 Euro an einen Verein und eine zwölfmonatige Sperre, bevor der Angeklagte erneut eine Fahrerlaubnis beantragen darf.

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