Mit der Wurzelkraft verbunden bleiben

  • Weitere
    schließen
+
Dekanin Ursula Richter hatte im Gottesdienst in der Augustinuskirche am ersten Weihnachtsfeiertag Hoffnungsbilder parat, für weihnachtliche Weisen sorgten Bezirkskantor Thomas Brückmann und eine Schola der Augustinuskantorei.

Am ersten Weihnachtsfeiertag ruft Dekanin Ursula Richter in der Augustinuskirche dazu auf, geduldig und wach zu bleiben.

Schwäbisch Gmünd

Weihnachten falle im Jahr 2020 wie ein Stern vom Himmel, begrüßte Ursula Richter rund 20 Kirchgänger am ersten Weihnachtsfeiertag in der Augustinuskirche. Dass Gott Mensch werde und göttliche Wärme schenke, habe von jeher Menschen angezogen, was sich an den vielen Krippen in Häusern und Kirchen zeige. Die Dekanin erinnerte an die täglichen Nachrichten über Infektionszahlen und andere dramatische Ereignisse, die im zurückliegenden Jahr nicht abrissen. Weltweit teile man in der Pandemie ähnliche Sorgen, aber auch Hoffnungen. "Überall auf der Welt feiern Menschen Weihnachten. Mit ihnen teilen wir die Sehnsucht nach Licht und Menschlichkeit."

Außergewöhnlich nannte Richter den Predigttext zu Weihnachten: "Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt …" (Jesaja 52, Vers 7–10) Als der Prophet Jesaja im 8. Jahrhundert vor Christus die Verse schrieb, lag Jerusalem in Trümmern, das jüdische Volk war im Exil in Babylon. Die Zeilen richten sich an die verzagten und deprimierten Deportierten, erklärte sie den historischen Kontext. "Alle mussten sich neu und schwer zurechtfinden."

Eine Situation, die sie ins Heute Zeit übertrug: "Auch wir müssen uns alle immer wieder neu zurechtfinden." Etwa mit Video-Andachten auf Youtube, gestreamten Gottesdienste und geistlichen Impulsen in der Zeitung. Auf zwischenmenschlicher Ebene mit Grußbotschaften und Telefonaten, die helfen, "einander auf andere Weise nahe zu sein".

Die Nähe fehlt

Doch die Nähe fehle in Zeiten der Kontaktbeschränkungen, Erschöpfung drohe. "Wie lange noch?" Diese Frage habe sich auch das Volk Gottes im babylonischen Exil und zuhause in den Trümmern Zions gestellt. Wie so oft im Leben sei langer Atem nötig. Zugang zu Kraftreserven und Hoffnungsbilder seien gefragt, konstatierte die Dekanin. Und der Prophet Jesaja habe sie – konträr zur aktuellen Lage seines Volkes.

Dass Hoffnungsbilder nicht weit hergeholt werden müssen, veranschaulichte Richter am Beispiel des Löwenzahns, der am Dekanatseingang nicht unterzukriegen sei. Das Kraut habe eine erstaunliche Lebenskraft und zeige, wie man unter widrigen Umständen leben könne. Übertragen auf die derzeitige Situation forderte sie, sich durch Fake News und Verschwörungstheorien nicht irre machen zu lassen. "Wir haben nüchtern und wach zu bleiben. In vielerlei Hinsicht." Sie riet, mit der menschlichen Wurzelkraft verbunden zu bleiben. Dass dies 2020 mehr denn je nötig sei, verdeutlichte sie an den derzeitigen Bedrohungen: Existenzängste, Einsamkeit, Depression, Aggression, Dummheit und Lügen. Vieles drohe in Trümmer zu fallen. "Auch in unseren Gemeinden sorgen wir uns." Umso wichtiger seien umsichtige und weitsichtige Politikerinnen und Politiker: "Die Fürbitte für die Verantwortlichen und füreinander entdecke ich in dieser Zeit neu. Wie sehr brauchen wir alle die guten Kräfte. Weltweit." Sie rief dazu auf, die Aktion Brot für die Welt zu unterstützen, die es dieses Jahr besonders schwer habe.

Ob die Pandemie eine Strafe Gottes sei, werde sie gefragt. Eine irreführende Frage, meinte Richter, denn die Schöpfung sei nicht vollkommen. Ein Punkt, an dem die Bibel "extrem realistisch" sei. Die Natur könne brutal sein und gefährliche Viren, Trockenheit, Flut, Erdbeben, Feuer und andere Katastrophen bringen. Manches sei menschengemacht, doch nicht alles. "Wir sind wanderndes Gottesvolk durch die Zeit. Nicht ohne Trümmererfahrung, flexibel. Zum Aufbruch bereit. Und dem vertrauend, dem wir gehören. Jesus, dem Löwenzahnkind."

Zurück zur Übersicht: Stadt Schwäbisch Gmünd

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL