Mit Postkarten an den Papst gleiche Rechte einfordern

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Sie stehen hinter der Aktion Postkarten für den Papst: (v.l.) Silke Weihing, Elke Heer, Anna Rieg-Pelz, Lothar Lieb, Ulrike Diemer (vorne), Sigrid Sonneck, Hans Häußler, Gerhard Körger und Marie Bäumer von der Gmünder Kerngruppe von Maria 2.0.
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Die Bewegung Maria 2.0 will Gleichberechtigung von Mann und Frau und eine echte Aufklärung des sexuellen Missbrauchs in der Kirche.

Schwäbisch Gmünd

Die Gmünder Gruppe Maria 2.0 beteiligt sich an einer bundesweiten Postkartenaktion an Papst Franziskus. Der Text der Postkarten kritisiert, dass die „systemischen Ursachen sexualisierter Gewalt in meiner Kirche nicht geändert werden“, dass „weiterhin hermetische Kleriker-Bünde erhalten bleiben, die nachweislich zur Vertuschung sexualisierter Gewalt beigetragen haben“, dass „Frauen die Teilhabe an kirchlicher Macht nicht möglich ist, da diese an das Weihesakrament gebunden ist“, dass „Frauen in römisch-katholischer Kirche ihre von Gott gegebene priesterliche Berufung nicht leben können, weil unsere Kirche es ihnen verwehrt“, und dass „die weltweite Synode genau diese Probleme widerspiegelt und Frauen, wenn überhaupt, nur beratend gehört werden“. Die Postkarte an den Papst schließt mit diesen Worten: „Ich weiß nicht, wie lange ich es in dieser Kirche noch aushalten kann und will“. Die Postkartenaktion haben am Donnerstagabend neu Männer und Frauen der Kerngruppe von Maria 2.0 im Kapitelshaus am Münsterplatz vorgestellt.

Zu ihnen gehört Silke Weihing, Pastoralreferentin der Seelsorgeeinheit Mitte. Sie habe schon als Jugendliche eine Berufung zur Priesterin verspürt, erläutert sie, weshalb sie sich bei Maria 2.0 engagiert. Ulrike Diemer war Religionslehrerin. „Lasset die Kinder zu mir kommen“, zitiert sie die Bibel und erläutert ihre Vorstellung von Kirche als „Zufluchtsort.“ „Unerträglich“ ist für sie deshalb der sexuelle Missbrauch in der Kirche und der Umgang damit. 40 Jahre lang hat Marie Bäumer Religion unterrichtet. Zwei ihrer Schülerinnen hätten sich überlegt, Theologie zu studieren. Und sich dann doch fürs Hotelfach entschieden, weil „in der Kirche kein Raum für Frauen“ ist. Als Lehrerin erlebte Bäumer junge Menschen, die aus der katholischen Kirche austraten, weil in dieser nur Männer zelebrierten. „Menschenrechte sollten in der katholischen Kirche zum Standard gehören“, sagt Bäumer.

Bei Elke Heer erklärt sich das Engagement in Maria 2.0 schon in ihrer Berufsbezeichnung. Sie ist Gmünds Beauftragte für Chancengleichheit. Diesem Gebot wolle sie mehr Strahlkraft verleihen. Lothar Lieb ist seit seiner Jugend in der katholischen Kirche engagiert. Er verstehe, dass viele ausgetreten seien, sagt er. Weil Vieles im Argen liege, und weil es nicht gehe, dass Frauen ausgeschlossen werden. Er habe aber die Hoffnung, „dass sich noch etwas ändert“.

„Wenn man etwas will, muss man etwas machen“, sagt Gerhard Körger. Vieles laufe in der Kirche schief, teilweise bis zur Verlogenheit, sagt er und nennt als Beispiel, wenn Priester trotz des Zölibats Beziehungen haben. Anna Rieg-Pelz arbeitet seit mehr als 40 Jahren in kirchlichen Einrichtungen in der Behindertenhilfe. „Alle Menschen haben die gleiche Würde und die gleichen Rechte“, sagt sie. Sie hingegen erlebe in ihren Einrichtungen „starre Strukturen“. Hans Häußler hat im Mai 2019 mit seiner Frau Ursula in Gmünd die Initiative ergriffen und einen Kirchenstreik auf die Beine gestellt. Häußler hat sich mit Missbrauchsopfern beschäftigt, weil „das ein Skandal ist“. Er erzählt von einem heute 71-Jährigen, der von seinem Religionslehrer, Kaplan und Pfarrer 200 Mal missbraucht worden sei. Der Pfarrer sei zweimal wegen Sexualdelikten verurteilt und „stillschweigend von elf Bischöfen in 60 Jahren versetzt“ worden. Häußler nennt dies als ein Beispiel für eine „verschleppte Missbrauchsaufarbeitung“ und fragt, wo die „Gebundenheit der Amtskirche an die Identität in Jesus Christus bleibe. „Fast genetisch“ bedingsei sie für die katholische Kirche eingetreten, sagt Sigrid Sonneck, Religionslehrerin und frühere Schuldekanin. Sie wolle gestalten, sagt sie. Maria 2.0 mache in Deutschland „Ameisenarbeit als Teil der Weltkirche“. Es sei eine „Keule, dass man uns immer wieder sagt, die anderen Teile der Weltkirche müssten mitziehen“. Die Mitstreiter von Maria 2.0 hätten ein Recht darauf, im dritten Jahrtausend voranzugehen.

Neun Frauen und Männer erläutern ihre Motivation, bei Maria 2.0 mitzuarbeiten. Kritisieren die katholische Kirche. Weshalb stehen sie noch zu dieser Kirche? „Veränderung muss von innen kommen“, sagt dazu Lieb. „Ohne die katholische Kirche hätte ich den Glauben an Jesus Christus nicht“, sagt Sonneck. „Es gibt noch keine gute Alternative“, sagt Weihing. Und ergänzt: „Ich will diesen konservativen Kräften das Feld nicht allein überlassen.“

Bürger, die ebenfalls eine Postkarte an Papst Franziskus schicken wollen, erhalten diese unter dieser Mailadresse: katholischer-aufbruch-gd@gmx.de. 20 000 Postkarten gibt es bundesweit.

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