Blick hinter die Kulissen der GOA: Nachsorge, die ein halbes Jahrhundert dauert

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Steffen Johner (l.) und GOA-Geschäftsführer Arne Grewe in ihrer millionenteuren Anlage. In dem blauen Tank sorgen rund 30 Tonnen Aktivkohle für eine Reinigungsstufe des Deponie-Sickerwassers.
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Was der Nachwelt übrig bleibt: Eine alte Mülldeponie wie die im Laichle überwachen und sichern, ist eine Aufgabe für Generationen.

Schwäbisch Gmünd. Diese braune, stechend riechende Flüssigkeit würde niemand kaufen, aber sie kostet viel Geld. Es ist ein Becher Mülldeponie-Sickerwasser, den Steffen Johner gegen das Licht hält. „Sieht aus wie Cola“, sagt der Deponieleiter der GOA, wenn er den Farbton beschreibt. Um die giftige Brühe sauber zu bekommen, betreibt seine Firma eine Hightech-Kläranlage. Kosten: rund 30 bis 40 Millionen Euro.

Sickerwasser ist das, was der Nachwelt vom Müll übrig bleibt. Die ehemalige Mülldeponie Ellert - 1984 eröffnet, 2005 geschlossen - ist eine der moderneren Sorte: unten abgedichtet, oben abgedichtet, mit Rohren im Boden, die das Sickerwasser sammeln und in ein Auffangbecken leiten.

Die ehemalige Gmünder Mülldeponie im Laichle, die 1972 stillgelegt wurde, hat das alles nicht. Erde drüber - das ist alles, was damals an Nachbehandlung üblich war. „Es ist eine Deponie, die in den 50er-Jahren eröffnet wurde, das war damals normaler Stand der Technik“, sagt Steffen Johner. Aus heutiger Sicht: ein ungenügender Stand der Technik. Denn Sickerwasser gibt es in der Laichle-Deponie natürlich auch, schließlich liegen dort rund 600 000 Kubikmeter Müll unter dem Boden. Nur lässt es sich, mangeln Drainage-System, nicht auffangen und untersuchen.

„Im Laichle wäre es schlimmer“

Sickerwasser hat mit normalem Abwasser nur das Grundprinzip gemein: dass es gereinigt werden muss. Die ganzen chemischen Stoffe im Müllwasser bekommt man mit einer Standard-Kläranlage nicht in den Griff. „Die würde es zum Erliegen bringen“, sagt Steffen Johner. Die GOA hat sich dafür auf dem Ellert-Gelände eine hochkomplexe Abwasser-Reinigungsanlage gebaut, die teurer ist als ein Zweitliga-Fußballstadion. Dort läuft der Chemiecocktail ein System mit zehn senkrechten Stahltanks, jeder mindestens so groß wie der eines Tanklastzugs. Was alles drin ist im Deponiewasser? „Im Grunde das ganze Periodensystem einmal rauf und runter, bis auf die radioaktiven Elemente“, sagt Steffen Johner. Das Periodensystem kennt man aus der Schule: die Tabelle aller Elemente, die es in der Chemie gibt.

Wie hoch das Sickerwasser im Laichle, könnte man es sammeln, belastet wäre? Steffen Johner ist sich recht sicher: „Es wäre schlimmer.“ Die Proben, die dort seit 1972 alle paar Jahre genommen wurden, waren im Vergleich mit einem richtigen Abwassersystem, nur Zufallsfunde: Sickerwasser, das wohl in verdünnter Form irgendwo zutage getreten ist.

Und warum waren die alle paar Jahre untersuchten Wasserproben oft am Grenzwert, aber nie akut gefährlich? „Die Frage habe ich mir auch gestellt“, sagt Johner. Aber seriös lasse sie sich im Moment nicht beantworten, es gebe „verschiedene Theorien“. Steffen Johner hat eine klare Meinung: „Es ist wie ein Überraschungsei, und es muss geöffnet werden.“

Weil die Fläche im Laichle nicht abgedichtet ist, läuft seit Jahrzehnten Wasser nach. „Das Gelände ist vollgesogen wie ein Schwamm“, sagt Johner. Um das zu ändern, müsste man nachträglich Drainagerohre einbauen, um an das Sickerwasser heranzukommen. „Technisch machbar, aber sehr teuer“, sagt Johner.

„Das muss gelöst werden“

Nach heutigen Grundsätzen für Umwelt und Müllentsorgung ist das Laichle-Prinzip ein Ding der Unmöglichkeit: einfach Regen und Zeit die Verdünnung und Zersetzung des Drecks zu überlassen. Und es funktioniert auch nicht, sagt Johner. „Das muss gelöst werden. Die Probleme kommen irgendwann, ganz sicher.“

Es ist eine versäumte Aufgabe, die an uns Nachfahren hängenbleibt. Auf dem Ellert wird daran gearbeitet, lange Zeit noch. Denn erst wenn die chemischen Zerfallsprozesse abgeschlossen sind, „wenn etwa kein Gas mehr entsteht, dann ruht die Deponie wirklich“. Steffen Johners Job ist krisensicher. „Grob geschätzt dauert die Nachsorgephase 40 bis 50 Jahre“, sagt Johner, „es ist eine Generationenaufgabe“.

Das war damals Stand der Technik.“

Steffen Johner, Leiter Deponien bei der GOA

Im Ostalbkreis gibt es 1200 alte Müll-Plätze

Das Laichle ist kein Einzelfall: „Es gibt viele Deponien in Deutschland in diesem Zustand“, sagt Steffen Johner. Im ganzen Ostalbkreis sind etwa 1200 Plätze mit alten Müllablagerungenregistriert, die allermeisten davon viel kleiner als die Laichle-Deponie.

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